Mittwoch, Dezember 19, 2012

Frisch ausgepackt 19.12.2012

Mich wundert, wie aktuelle Erich Maria Remarque noch immer ist. In diesem Jahr hat der Verlag Kiepenheuer und Wisch seine gesammelten Werke als KiWi eBooks neu herausgebracht. Und sein "Im Westen nichts Neues" gehört noch immer zum Abiturwissen Deutsch. Ich habe aus meiner Wunderkiste den Band "Drei Kameraden" gekramt, der im Berlin der Goldenen 20er spielt. Drei Freunde, die gemeinsam den ersten Weltkrieg überstanden, versuchen inmitten des Trubels ein neues Leben aufzubauen und die alten Traumata mittels gehöriger Mengen Alkohol zu vergessen.

Die Geschichte erinnert ein wenig an "Die Bohème" von Murger, versetzt in ein anderes Milieu: Einer der drei Freunde, der dreißigjährige Ich-Erzähler Erich Lohkamp, genannt Robby, lernt ein junges Mädchen kennen und lieben. Sie ist arm und mittellos, und Erich, der selbst mühsam versucht, sich eine Existenz aufzubauen, reagiert relativ hilfos, als sie erfahren, dass seine Freundin an Tuberkulose leidet. Die drei Freunde kratzen ihre letzten Reserven zusammen, um ihr eine Kur in den Bergen zu bezahlen.

Auch dieser Roman lebt von seinen Kontrasten: Auf der einen Seite das quirlige Leben in den Theatern und Salons, auf der anderen die Armut der Kriegsgeneration, der es nur mühsam gelingt, im Alltag Fuß zu fassen. Ich merke immer wieder, wie viele Autoren diese Gegenüberstellungen benutzen, um daraus zusätzliche Spannung für ihre Romane zu erschaffen und lebendige, eindrückliche Settings zu erstellen. Auch gestern hatte ich ja mehrfach das Thema des cultural clashs am Wickel.

Einen anderen Roman, den ich frisch aus der Kiste zog, habe ich früher sehr geliebt. Ich habe ja gestern erzählt, dass ich in jungen Jahren einen gewissen Hang zu "heiteren Romanen" hatte. In diese Kategorie fällt sicher auch "Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung" von Eric Malpass (1910-1996). Das Buch ist unzählige Male neu aufgelegt und auch sehr erfolgreich verfilmt worden. Es ist der erste Band der Gaylord-Reihe um einen achtjährigen Jungen, den ich euch nur wärmstens ans Herz legen kann, falls ihr ihn noch nicht kennt und auch nur ein wenig für das Genre übrig habt. Die Familie Pentecost - Vater ist Schriftsteller, Mutter Hausfrau - lebt in einem Drei-Generationen-Haus mit Opa, Großtante und zwei Schwestern der Mutter irgendwo auf dem Lande in England. Die Abenteuer des kleinen Gaylord sind unspektakulär, aber mit augenzwinkerndem Witz und einer guten Prise Ironie erzählt. Die Welt ist dort nicht immer so heil, wie der Titel glauben macht - aber das Lesen bereitet auch fast 50 Jahre nach seinem Erscheinen (1965) noch großes Vergnügen. 

Kommen wir zu Hugo Hartung (1902-1972), von dem ich bis eben nicht viel wusste. Er war in München mit Wedekind und Ringelnatz befreundet und schrieb ab 1931 unter anderem für das satirische Wochenblatt Simplicissimus, zu dessen Autoren auch Tucholsky, Eugen Roth und Borchert gehörten. "Ich denke oft an Piroschka" gehört neben "Wir Wunderkinder" zu seinen bekanntesten Werken. Darin schildert er - als alternder Schriftsteller - einen Ferienaufenthalt in der Pußta, bei dem er - als junger Student - die 17jährige Tochter eines Bahnhofsvorstehers kennenlernt und sich in sie verliebt. Eine Ferienliebe nicht ohne Probleme, denn kurz zuvor hat er während einer Bootsreise auf der Donau Greta kennengelernt, die vorhat, ein paar Wochen später zu heiraten, sich aber auch bei ihm sichtlich wohl fühlt. Als Greta sich nun per Postkarte an seinem Urlaubsort meldet und ihn zu sich an den Plattensee einlädt, beginnt die Sache kompliziert zu werden. - Auch dieses 1954 erschienene Buch fällt unter die Kategorie "heiterer Roman" und ist erfolgreich verfilmt worden.

Von der Unterhaltungsliteratur jetzt ein kurzer Sprung zu einem Literaturnobelpreisträger: Henryk Sienkiewicz (1846-1916) ist vor allem durch seinen Roman "Quo Vadis" berühmt geworden. Ihr wisst schon: Christenverfolgung im alten Rom, ein völlig ausgeflippter Nero, der die Stadt in Brand setzt. Die Verfilmung des Stoffes taucht nach wie vor fast zwangsläufig zu Ostern im Fernsehen auf. Und ebenso zwangsläufig kommen dann die Anfragen nach dem Buch. Nun habe ich gerade eben wieder eine Ausgabe aus einer meiner Schatzkisten gezogen, kann also ab sofort wieder liefern. Bis auf weiteres. Zum Inhalt - für diejenigen, die sich bisher um diesen historischen Roman (und dessen Verfilmung) erfolgreich gedrückt haben: Die lygische Königstochter Lygia, bekennende Christin, ist als Geisel nach Rom verschleppt worden. Dort lernt sie den jungen Patrizier Marcus Vinicius kennen, der sich prompt in sie verliebt, wenn er auch zunächst mit ihrem Glauben nicht viel anfangen kann. Lygia nimmt ihn mit zu geheimen Christentreffen, die in den Katakomben Roms stattfinden. Dort lernen sie auch Petrus und Paulus kennen, die sich gerade in der Stadt aufhalten. Langsam beginnt Marcus zu verstehen, was die Christen umtreibt. Gleichzeitig aber findet Kaiser Nero in dieser neuen Sekte ein ideales Ziel, um sich innenpolitisch zu profilieren. Eine beispiellose Verfolgungswelle beginnt und im Zirkus werden Christen regelmäßig hingerichtet ...


Auch das nächste Buch dürfte zumindest den James Dean-Fans vor allem als Film bekannt sein: "Giganten" von Edna Ferber (1885-1968). Ferber erhielt 1925 immerhin den Pulitzer-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung der USA. Immer wieder griff sie in ihren Romanen auch das Thema Rassismus auf - so auch in "Giganten", weswegen das Buch nach seiner Veröffentlichung in Texas, wo die Geschichte spielt, ziemlich kontrovers diskutiert wurde. Der Lebensstil der texanischen Großfarmer wird von der jungen Arzttochter Leslie Lynnton immer wieder hinterfragt, als sie den attraktiven Jordan ("Bick") Benedict kennenlernt, dem die größte Ranch der Region gehört. Die beiden verlieben sich und schon wenig später ist die Heirat beschlossene Sache. - Anders als im Film spielt der von James Dean verkörperte Jett Rink im Roman übrigens keine wesentliche - und vor allem keine so sympathische - Rolle. Wer also bisher nur den Film kennt und deswegen Lust auf den Roman hat, könnte herbe enttäuscht werden. Denn das Buch erzählt in erster Linie die Geschichte einer selbstbewussten Frau, die die Rolle der Männer, speziell die der texanischen Machos, immer wieder konsequent hinterfragt und dabei eine Menge über die Geschichte Texas reflektiert.

Und noch ein Klassiker, der spätestens seit seiner Verfilmung in aller Munde war: Pierre Boulles "Die Brücke am Kwai". Südostasien 1942. Die Japaner betreiben das ehrgeizige Projekt, eine Verbindungsbahn zwischen Thailand und Birma zu errichten. Als Arbeiter setzen sie in erster Linie Gefangene ein. Rund 100.000 asiatische Zwangsarbeiter und 16.000 Kriegsgefangene lassen bei dem Projekt ihr Leben. Unter der Hand wird die Trasse daher von den Arbeitern als "Todeseisenbahn" bezeichnet. Für den Bau einer Brücke über den Fluss Kwai wird der britische Offizier Nicholson mit seinen Soldaten eingeteilt. Bald schon wird die Aufgabe zu einem Prestigeobjekt für ihn, obwohl ihm klar ist, dass die Bahn dem Zweck dient, dem Kriegsgegner Japan die logistische Unterstützung im besetzten Birma zu sichern. Daher reagiert er sehr verärgert, als er bei Fertigstellung der Brücke hört, dass diese von einem englischen Commander gesprengt werden soll, während der erste Zug über sie hinüberrollt. -  Pierre Boulle gewann für diesen Roman den französischen Literaturpreis Prix Ste Beuve. Der Roman endet übrigens anders als der Film - nur so viel, um euch neugierig zu halten. Mit knapp 200 Seiten ist dies übrigens ein sehr leicht konsumierbarer Roman, spannend und nicht ohne Witz.

Vera Caspary (1899-1987) ist eine amerikanische Autorin, die neben Romanen auch Theaterstücke, Filmdrehbücher und Kurzgeschichten schrieb. Sie selbst bezeichnete sich nicht als "Mystery Writer", aber de facto ging es in ihren Geschichten doch meist um aufzuklärende Morde, allerdings immer mit einem Schuss Emanzipation: Ihre Heldinnen waren oft Frauen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität und Unabhängigkeit. Da ich den Roman "Die gefährliche Wahrheit" selbst noch nicht gelesen habe, gebe ich hier mal den Klappentext wieder: "John Miles Ansell arbeitet als junger Redakteur in einem amerikanischen Magazin-Verlag. Bei der Vorbereitung eines Falles für die Reihe "Ungesühnte Verbrechen" stößt er auf den Widerstand seines Chefs Noble Barclay. Zunächst verfolgt Ansell nur aus Trotz und Widerspruchsgeist diese Angelegenheit, von der man ihn offenbar fernhalten will. Später, als das Mißtrauen in ihm geweckt ist, versucht er, gegen alle Hindernisse den rätselhaften Fall aufzuklären, ohne Ansehen der Person. Und das bedeutet nicht nur für ihn gefährliche Wahrheit. - Dieser spannende, originell konstruierte Kriminalroman von Vera Caspary ist mehr als die Geschichte eines Verbrechens und seine Aufhellung. Die amerikanische Autorin prangert überzeugend, teilweise mit sarkastischer Offenheit, die Doppelbödigkeit der Moral im Kapitalismus an, sie wendet sich gegen Heuchelei und Verkommenheit der oberen Zehntausend von New York."


Hier ein echter Geheimtipp für alle, die die Marine und die Seefahrt lieben. Über Ewart Brookes weiß ich wenig mehr, als das, was er im Vorwort dieses Romans von sich preisgibt: Er war Offizier der Handelsmarine und führte vor und während des Krieges eine ganze Reihe von Schiffen. Insgesamt 12 Romane hat er später geschrieben, die allesamt auf dem Meer spielen und von den Kennern für ihre Fachkenntnis und Spannung sehr geschätzt werden. Auf Deutsch hingegen gibt es nur ein einziges Buch von ihm: "In ewige Nacht - Leben und Untergang der ‹Charon›". Es spielt während des zweiten Weltkriegs, irgendwo im Atlantik. Die ‹Charon› ist ein ehemaliger Fischdampfer, der nun unter britischer Kriegsflagge als U-Boot-Jäger eingesetzt wird. Bereits beim Stapellauf kommt ein Mensch zu Tode, und auch später ist das Schiff immer wieder Schuld an tödlichen Unfällen. "Auf Fischdampfern kommen immer Leute um", heißt es an einer Stelle. "Es ist der anerkannt schwerste seemännische Dienst, den es gibt." Vom Stapellauf bis zu ihrem Untergang begleitet der Autor die aufreibende Geschichte des pechumflorten Schiffes.

Und noch ein See-Abenteuer, diesmal von Anne de Tourville. Nicht zu verwechseln mit dem französischen Admiral und Seehelden, dem späteren Marschall von Frankreich unter Ludwig XIV. Aber immerhin ein schönes Pseudonym für eine Autorin, die über die Seefahrt schreibt. Um die Lebensgeschichte eines bretonischen Seemanns geht es in "Gaël, der Matrose". Ingolf Jungclaus fasst das Buch in der "Zeit" ein wenig spöttisch so zusammen: "Matrose Gaël fährt also durch die Welt, spielt Mandoline, rettet Schiffbrüchige, raubt seinem Bruder die Verlobte, zeugt Kinder und merkt nicht, daß er alt wird." Anne de Tourville war nie zur See gefahren. Früher arbeitete sie als Malerin, musste aber aufgrund eines Augenleidens umsatteln und fing an zu schreiben. Ihre Sicht blieb bildhaft, und mit poetischen Zügen, die man für das Portrait eines rauen Mannes passend finden kann oder nicht, malte sie nun ihre Seelenlandschaften mit Worten. Dass sie dabei eher die Herzensangelegenheiten ihres Protagonisten, und weniger dessen Abenteuer interessant fand, macht das Buch vielleicht auch für Frauen spannend, die sonst mit der rauen Welt des Meeres nicht viel anfangen können. Immerhin ist der Roman auf Deutsch im renommierten Insel-Verlag erschienen.

William Hervey Allen (1889-1949) war  amerikanischer Schriftsteller, der durch seinen historischen Roman "Antonio Adverso" zu Weltruhm gelangte. Der epische breite Entwicklungsroman umfasst in neun Büchern die Zeitspanne von etwa 1780 bis 1840. Anthony, der illegitime Sproß eines ehebrecherischen Paares aus aristokratischen Kreisen, verlebt seine Kindheit in einem toskanischen Kloster. In Livorno geht er später bei einem britischen Handelskaufmann in die Lehre, bis er sich selbständig macht. Er kommt zunächst nach Kuba, läßt sich dann in Afrika als Sklavenhändler nieder und macht große Geschäfte mit dem Menschenhandel. Reich geworden, geht er nach Frankreich, trifft dort Napoleon und hat eine Affäre mit einer Geliebten des großen Bonaparte, die schon zuvor Anthonys Jugendliebe gewesen war. Nach einer Zwischenstation in New Orleans wird er als Siedler nach Mexiko geführtt und beschliesst sein Leben in einem Bergdorf in der Nähe El Pasos. - Der Roman gilt vielen als einer der besten historischen Romane überhaupt. Der knapp über 900 Seiten dicke Schmöker liest sich als Abenteuerroman schnell weg und springt schlaglichtartig zu allen relevanten Plätzen jener Zeit. 


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