Samstag, Dezember 22, 2012

Frisch ausgepackt 22.12.2012

Zu den schönen Aufgaben eines Antiquars gehört es, immer wieder neue alte Bücher zu entdecken. Während ich sie katalogisiere, beschäftige ich mich mit den Klappentexten, recherchiere ein wenig, schaue mir Rezensionen und Lesermeinungen an. Im besten Fall werde ich so neugierig, dass ich das Buch erst einmal zur Seite lege, um es selbst zu lesen.

Los geht es heute mit einem historischen Roman. Johanna Hoffmann hat ihn 1966 geschrieben. Die biographischen Angaben, die ich über sie beim Thüringer Literaturrat gefunden habe, sind dürftig: * 18.7.1930 Sonneberg, Abitur 1949, Fachschule für angewandte Kunst, ab 1950 Tätigkeit im Gesundheitswesen und im Kulturbund, ab 1954 freiberufliche Journalistin, ab 1960 freiberufliche Schriftstellerin, 1976 Kulturpreis der Stadt Erfurt, lebt seit 1962 in Erfurt. Acht Bücher hat sie zwischen 1963 und 1988 veröffentlicht, darunter eins über Katharina von Bora und eins über François Villon. Aus der Kiste gezogen habe ich ihren Roman "Die verratene Heilige". Obwohl ursprünglich 1966 veröffentlicht, ist dieses Buch über die Landgräfin Elisabeth von Thüringen immer wieder neu aufgelegt und in den letzten Jahren von verschiedenen Verlagen übernommen worden. Der Roman soll eng an die historischen Quellen angelegt sein, dabei aber überaus spannend zu lesen: Elisabeth war die Frau von Landgraf Ludwig IV und lebte zwischen 1207-1231. Sie galt als sehr fromm. Mit der Zeit wurden ihr auch etliche Wunder nachgesagt. Tatsache scheint zu sein, dass sie ein sehr mildtätiges Herz hatte und damit auch ihren Gatten gelegentlich zur Raserei brachte. Sie stand unter dem Einfluss des Kreuzzugpredigers und späteren Inquisitors Konrad von Marburg. Der trieb sie zu sehr harten Frömmigkeitsübungen und schaffte es, dass ihr Mann am Kreuzzug Kaisre Friedrichs II. teilnahm. In Stellvertretung des Landgrafen bekam er das Privileg, die geistlichen Ämter in Thüringen zu vergeben. Als Ludwig während des Kreuzzugs fiel, wurde die junge Elisabeth mitsamt Kindern aus der Wartburg geworfen. Sie lebte fortan als einfache und materiell arme Spitalschwester in einem von ihr gegründeten Marburger Hospital und sorgte dort persönlich für Bedürftige. Im Alter von nur 24 Jahren starb sie. Vier Jahre nach ihrem Tod wurde sie von Papst Gregor IX. zu Pfingsten 1235 heiliggesprochen.

Der nächste Roman stammt von Nikolai Lieskow (der dank der uneinheitlichen Umschreibung aus dem Kyrillischen auch oft Leskow, Leskov oder Lesskow geschrieben wird.) Er lebte von 1835 - 1895 und gehört zu den bedeutenderen russischen Schriftstellern. Er galt als kenntnisreicher und durchaus kritischer Beobachter Russlands, trat für Reformen ein, hielt jedoch nichts von der revolutionären Intelligentia des Landes. Sein Hauptthema war immer der natürliche Mensch im Wiederspruch zum durch gesellschaftliche Konventionen geprägten  Individuum. Martin Beheim-Schwarzbach lobt den Band "Der verzauberte Wanderer" in einem Artikel in der "Zeit" in höchsten Tönen: Es scheint ihm das allerrasanteste, was dieser so ungeheuer heftige, farbige, phantasiefrohe, saftige russische Erzähler überhaupt geschrieben hat, sagt er. Also ein echter Fund: "Es ist kein zusammenhängender Roman, sondern ein loser Lebenslauf und Erlebnisbericht eines höchst abenteuerlichen Pilgers echt russischer, altrussischer Art: Er reiht eine Folge von skurrilen, grotesken, bald grausigen und bald gemütstiefen Erlebnissen zu einer wahren Odyssee aneinander, die der homerischen an Abenteuerlichkeit um nichts nachsteht."

Kommen wir zu Pearl S. Buck (1892-1973). Gerade die Älteren werden sie kennen, denn sie hat nicht nur den Pulitzerpreis, sondern auch den Literaturnobelpreis gewonnen. Und das, obwohl sie eine sehr einfache, leicht zu konsumisierende Sprache spricht, in die man schnell eintauchen und versinken kann. Ihre Bücher gehen daher auch bei mir im Antiquariat nach all den Jahren noch sehr gut weg. In einer ihrer eher politischen Novellen, "Drachensaat", geht es um die Frage, wie der Krieg die Menschen verändert: Der schon beinahe naiv gutmütige Bauer Ling Tan muss erleben, wie der Zweite Weltkrieg auch in sein kleines Dorf in der Nähe von Nanking kommt. Bisher hatte er nie über Patriotismus nachgedacht, denn seine ganze Liebe gehört seinem eigenen Stück Land, das er bewirtschaftet. Nun sieht er sich mit den Flüchtlingsströmen konfrontiert, die die Straßen verstopfen. Und plötzlich ist es seine Aufgabe, den Vormarsch der Japaner ins chinesische Hinterland aufzuhalten. Wenn er trotz aller Mühsal und Enttäuschung den Mut nicht verliert, dann nur darum, weil er weiß, wofür er lebt: Für seine Familie und seine Nachkommen. Seine Heiterkeit jedoch, der Glaube an das Gute und sein Vertrauen zu den Menschen bekommt durch die Ereignisse einen gefährlichen Schlag. Poetisch beschreibt Pearl S. Buck das Leben der Bauern, bis an die Grenze des Erträglichen hart den Einbruch des Krieges.

Arnold Krieger (1904-1965) war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Lyriker. Sein bekanntestes Werk ist der Afrika-Roman Geliebt, gejagt und unvergessen von 1955. Der "Roman, den der Autor nach jahrelangem Studium des schwer zugänglichen Quellenmaterials gestaltete, wurde sofort nach Erscheinen zu einem der erfolgreichsten Bücher des Jahres und erregte bald weit über die Grenzen Deutschlands Aufsehen und Anteilnahme", heißt es im Impressum des Buches. Es war nicht einfach, mehr über den Inhalt zu recherchieren, weil es kaum neuere Auflagen des Bandes gibt und die Zahl derjenigen, die es gelesen haben, auf natürlichem Weg abnimmt. So viel: Liza, Fürstentochter aus Schwarzafrika, ist als 12-Jährige von Sklavenjägern verschleppt worden und muss Frondienste auf den Maisfeldern des reichen arabischen Großgrundbesitzers Abedi leisten. Eines Tages lässt Abedi Liza zu sich bringen. Obwohl sie inzwischen in glücklicher Ehe mit ihrem Arbeitskameraden Leo lebt, muss sie die Geliebte des Mohammedaners werden. Sie bekommt eine Tochter und erfreut sich der besonderen Gunst ihres Herrn. Aber da sind noch andere, die an der Schönheit ihres Körpers teilhaben wollen, vor allem Fereschi, der verderbte Sohn und Erbe Abedis. Er ist es auch, der Lizas Geheimnis an den Herrn Abedi verrät und sie damit einer unmenschlichen Strafe ausliefert. So wagt Liza mit ihrer kleinen Tochter Pia die Flucht ... Die Odyssee der schwarzen Fürstentochter hat Millionen Leser erschüttert. Diese Afrikapassion ist in überschwänglichen Kritiken als das meisterhafte Werk afrikanischer Wirklichkeit gefeiert worden.

Kommen wir zu etwas ganz anderem: 1968. Alles rebelliert, auch die Literatur. Zu den Rebellen zählt Rolf Dieter Brinkmann. Als radikaler literarischer Erneuerer macht der Autor, Jahrgang 1940, die amerikanische Underground-Lyrik in Deutschland bekannt und wird selbst der führende Underground-Autor Deutschlands in den 1960er Jahren. Auf einer Podiumsdiskussion mit dem Literaturpapst Reich-Ranicky schreit Brinkmann diesen an, eigentlich sollte er nicht mit ihm reden, sondern ihn mit einem Maschinengewehr über den Haufen schießen (s. FAZ.net). Brinkmanns Roman "Keiner weiß mehr" über die Unmöglichkeit der Ehe in einer Zeit von außen manipulierter Erwartungen nennt Reich-Ranicky dementsprechend einen Sexroman: "Es ist ein trotzig hingeworfener Brocken Prosa, schonungslos und eindringlich wie nur wenige Romane der sechziger Jahre. Eine Liebesbeziehung wird gezeigt, eine Ehekrise analysiert." Das ist auf wenige Worte zusammengefasst der Inhalt. "Vor allem aber", fährt Ranicky fort, über die Frage nachsinnend, warum Brinkmann in den letzten Jahren eine Art Renaissance erlebt, "liefert der Roman das psychologische Porträt eines typischen Intellektuellen der jungen Generation. Die Verwirrung, an der er leidet, die Abhängigkeit, die er überwinden möchte, seine Hast und Müdigkeit, alle diese Zustände, die der Roman in Nahaufnahmen und Momentbildern fast überscharf verdeutlicht, haben ihren Ursprung im Sexuellen. Brinkmann gelang es immer wieder, die Beschreibung der physischen Vorgänge mit der Wiedergabe ihrer psychischen Voraussetzungen, Begleitumstände und Reaktionen zu ergänzen und zu synchronisieren."

Zu den in Deutschland wenig bekannten Autoren zählt Edwin Lanham. Der aus Texas stammende Schriftsteller begann in den 20ern in Paris zu schreiben. Damals hatte es eine ganze Reihe amerikanischer Autoren an die Seine getrieben, weil der Wechselkurs ihnen dort ein preiswertes Leben ermöglichte. Lanham lernte dort Robert McAlmon, den Besitzer der Contact Publishing Company kennen, der auch schon Gertrude Stein, Hilda Doolittle und Ernest Hemingway veröffentlicht hatte. McAlmon, der von Lanhams Anekdoten begeistert war, überredete diesen dazu, ein erstes Buch in Angriff zu nehmen. Den ganz großen Erfolg hat Lanham mit zwei Büchern über seine Heimat Texas: "The Wind Blew West", das - soweit ich weiß - nie übersetzt wurde, und "Donnernde Erde", das ihn auf den Höhepunkt seiner Karriere katapultierte: Texas zur Zeit der Depression und des Öl-Booms. In der kleinen Stadt Lebanon bricht der Ölrausch aus. Das schwarze Gold, das Texas zu dem machte, was es heute ist, zog aber neben dem aufbrechenden Unternehmertum auch die Gauner an. Glücksritter und ihr großes Gefolge: Kneipenwirte, Verbrecher und Huren richteten sich unweit in einer Ansiedlung ein. Das alles beschreibt Lanham sehr detailreich und autentisch, weil er weiß, wovon er spricht.

Die Amerikanerin Taylor Caldwell (1900-1985) war eine mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Journalistin. Mit ihrem Werk - überwiegend Gesellschaftsromane - wurde sie schon bald zu einer wichtigen Autorin gehobener Gesellschaftsliteratur. Im Roman "Einst wird kommen der Tag", ihrem  erstem und größten Erfolg, beschreibt sie drei Generationen der Einwandererfamilien Barbour und Bouchard. Joseph Barbour und sein Geschäftspartner Armand Bouchard gründen in Pennsylvania eine Rüstungsfabrik und treiben diese rücksichtslos voran. Bald schon kommen die vormals nahezu mittellosen Einwandererfamilien zu  internationaler Anerkennung und Reichtum.  Hinter dem Geschehen wird der Aufstieg Amerikas von 1838 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, und damit ein Abschnitt Weltgeschichte deutlich. Aber es gibt auch eine Liebesgeschichte: Die beiden Söhne Barbour, Martin und Ernest, verlieben sich in die Nichte des Besitzers eines Staalwerkes, mit dem sie kooperieren. Amy muss sich nun entscheiden, ob sie den altruistischen und idealistischen Martin oder dessen egoistischen und hartherzigen Bruder Ernest will. Wenig überraschend entscheidet sie sich für Martin, der aber während des Amerikanischen Bürgerkrieg ums Leben kommt. Ernest, der ohnehin vor allem ans Geld glaubt, wird über ihre Entscheidung noch härter und ruiniert dadurch seinen Vater.

Kommen wir von den großen Stoffen wieder zu den kleinen Schmunzlern: Gerald Malcolm Durrell (1925-1995) war ein britischer autodidaktischer Zoologe und Autor. Er ist der jüngste Bruder des mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagenen Schriftstellers und Diplomaten Lawrence Durrell. Zwischen 1953 und 1992 entstanden zahllose Schriften, in denen oft Tiere eine nicht unwesentliche Rolle spielten. In "Eine Verwandte namens Rosy" ist es ein Elefant, der zu einer nicht unerheblichen Menge an Problemen führt. Als Adrian Rookwhistle hört, dass ein längst verschollen geglaubter Verwandter ihn beerben würde, ist er zunächst hocherfreut. Als er jedoch erfährt, dass es sich bei dem Erbe um eine zirkuserfahrene Elefantendame handelt, die noch dazu eine Schwäche für Alkohol hat, schwindet seine Begeisterung schnell wieder. Mit Rosy, so der Name des Tiers, an seiner Seite macht er sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe für den Elefanten. Was kann er dafür, wenn Rosy mit ihrem Getröte eine Jagdgesellschaft in die Flucht schlägt? Oder wenn der Elefant sich bei einer feierlichen Theaterpremiere in einer Drehbühne verheddert? Die kleinen Katastrophen rund um Rosy beschreibt Gerald Durrell mit bestem englischen Humor, ganz in der Tradition von Jerome K. Jerome oder P. G. Woodhouse.

Magda Szabó (1917-2007) war eine ungarische Schriftstellerin. 1978 bekam Szabó den Kossuth-Preis, Ungarns höchste Auszeichnung für Künstler. Die national und international vielfach preisgekrönte und – bisher – meistübersetzte ungarische Autorin feierte auch überschwängliche Erfolge in der literarischen Szene Frankreichs. "Erika" ist die elfjährige Tochter eines Budapester Arztes, der gleich zu Beginn des Romans an einem Herzversagen stirbt. Seine letzten Worte lauten "Sagt meiner Erika ..." - doch weiter kommt er auch schon nicht mehr. Verzweifelt versucht Erika herauszufinden, was ihr Vater noch hatte sagen wollen. Doch die Mutter, zu der sie kein sonderlich gutes Verhältnis hat, kann ihr nicht sagen, was ihr Mann wohl als Letztes im Sinn hatte. Auch Martha Szabó, die sich selbst eine kleine Gastrolle als verständnisvolle Lehrerin und Problemlöserin im Roman zugesteht, kann ihr nicht entscheidend weiterhelfen. Und dann ist da noch Dora, ebenso alt wie Erika, die gerade kurz vor einer Adoption steht. Eigentlich darf Erika gar nicht mehr mit ihrer besten Freundin reden, tut es aber natürlich doch, weil Kinder nun einmal für unsinnige Verbote wenig Verständnis aufbringen. Erst allmählich befreit sich Erika aus dem Strudel der Ereignisse und bekommt eine Ahnung von dem, was ihr Vater ihr hatte sagen wollen.

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