Montag, Dezember 31, 2012

Genre Chick-Lit

Zu den Notwendigkeiten eines Autorendaseins gehört auch die Beschäftigung mit dem Thema "Genre" - ob man will oder nicht. Kerstin Brömer vom Blog "Literaturjournal" hat das in ihrem Beitrag "Die Qual der Wahl: Wie finde ich mein passendes Genre" so auf den Punkt gebracht: "Wer traditionell bei einem Verlag veröffentlichen möchte, sollte sich darüber bewusst sein, dass sein Roman später in einem Regal in der Buchhandlung landen soll – und daher in ein Genre passen sollte." Ich werde mich daher in der nächsten Zeit verstärkt mit verschiedenen Genres auseinandersetzen und schauen, zu welchen Ergebnissen ich dabei komme.

Warum ausgerechnet Chick-Lit als Einstieg? Auf der einen Seite: Ich lache gern! Wer meinen Blog regelmäßiger liest, weiß, dass ich das Genre "Heiterer Roman", wie ein Teil der Chick-Lit früher tituliert wurde, sehr schätze. Der andere Grund ist pragmatischer. Um zu verstehen, wie Frauen ticken, gibt es keinen besseren Zugang als Frauenliteratur. Durch Jane Austen habe ich mich bereits vor ein paar Jahren erfolgreich (und ernüchtert) gekämpft. Hera Lind habe ich schnell ad acta gelegt. Etwa seit der Jahrtausendwende aber gibt es das neue Subgenre der Frauenliteratur. Wie sagt Tobias Becker im Spiegel: "Chick Lit ... ist der Begriff, den sich junge Männer vor ihrem Besuch in der Buchhandlung einprägen sollten. Weil die Protagonistinnen meist urban lebende Akademikerinnen sind, 25 bis 35 Jahre alt, auf der Suche nach Mr. Right. Und weil die Leserinnen den Protagonistinnen entsprechen. Die ideale Zielgruppe."

Die vorläufige Definition dieses Genres, die ich Wikipedia entnehme, ist dürftig: "In den Romanen dieser Literaturgattung geht es meist um weibliche Hauptpersonen und ihren Freundeskreis im Milieu der konsumorientierten Mittel- und Oberschicht. Das Genre umfasst Komödien, Dramen, Mysteries und Vampirromane." Mal abgesehen von der fragwürdigen Behauptung, die Dramen, Mysteries und Vampirromane zu Subgenres deklassiert. Chick-Lit als Drama? Ich denke kurz an die 14-jährige Julia von Shakespeare und beschließe, dass dieser Autor schon deshalb aus dem Raster fällt, weil er vor dem Jahr 2000 veröffentlichte.

Aber ich ahne, worauf der Wikipedia-Bastler abzielt. Neben den Klassikern des Chick-Lit, Helen Fieldings "Schokolade zum Frühstück" und Candace Bushnells "Sex and the City", zielt sicher auch die Twilight-Serie von Stephenie Meyer auf die Zielgruppe der "Chicks", der "Hühnchen", wie junge Frauen in Amerika gern genannt werden. Daher wahrscheinlich der Verweis auf die "Vampirromane". Und wir haben Kerstin Gier mit ihrer Trilogie "Liebe geht durch alle Zeiten", die ebenfalls fröhliches Genrehopping betreibt und irgendwo zwischen Zeitreise, Historienroman, Mystery und eben Chick-Lit anzusiedeln ist.

Zugegeben: Als Candace Bushnell mit "Sex and the City" über Nacht berühmt wurde, habe ich mir neben dem Roman auch die durchaus kritische Analyse "Die Stadt, der Sex und die Frauen" von Christian Lukas und Sascha Westphal - wohlgemerkt zwei Männern - gekauft. Vom Roman war ich enttäuscht, weil ich zu spät begriff, dass dort ihre tiefenscharfen Kolumnen, die in der Fernsehserie immer mal wieder zitiert werden, nur eine untergeordnete Rolle spielten. Oder anders formuliert: Ich hatte mir vom Roman den Biss erwartet, der gelegentlich in den Zitaten aufblitze. Das ewige Schmachten nach Mr. Big scheint mir zwar archetypisch, aber wenig analytisch.

Mit Helen Fieldings "Schokolade zum Frühstück" macht ich Bekanntschaft bei einer Freundin, die Englisch unterrichtet. Da sie mir auch schon die weniger spektakulären Schriften von Vladimir Nabokov nahegebracht hat, vertraute ich ihrem Lesegeschmack: "Leichte Lektüre, gut für einen Nachmittag, aber sehr unterhaltsam und lustig" pries sie mir Fielding an. Diesem Urteil kann ich mich, nachdem sie mir das Buch in die Hand gedrückt hat, ohne Einschränkung anschließen.

Damals war ich mir jedoch nicht klar, dass ich Zeuge vom Beginn eines neuen Genres geworden war. Für mich fielen beide Bücher einfach in die Kategorie "Frauenliteratur". Größer ist die Gemeinsamkeit auch kaum, sieht man mal davon ab, dass beide Bücher immer wieder ein Schmunzeln bei mir auslösten. Und dass sie auf ihre Art sehr privat daherkommen mit ihrem Blick auf die weibliche Befindlichkeit. Und dass sie beide in der ersten Person verfasst sind.

Das war es dann aber auch schon. Während Candace Bushnells Ich-Erzählerin Carrie Bradshaw den Trends der Großstadt hinterherläuft, ist Bridget Jones typische Mittelschicht, vielleicht ein wenig alternativ angehaucht. Und während Carrie gertenschlank, modebewusst und einfach in ist, gilt für Bridget das genaue Gegenteil: Übergewichtig, von Zweifeln zernagt und zumindest dem eigenen Empfinden nach megaout. Zumindst, bis sie an Daniel Cleaver andocken kann. "Mr. Big" ist also ein verbindendes Thema - wobei ich davon ausgehe, dass es gerade in den Romanen für jüngere Frauen auch eine Nummer kleiner sein darf.

Gibt es eine alles umfassende Klammer der Chick-Lit? Der Deutschlandfunkt hat 2008 eine Reihe von Autorinnen in einem Feature zum Thema Chick-Lit vorgestellt: Steffi von Wolff, Sophie Benning, Ulrike Rylance, Hortense Ullrich und Kerstin Gier kommen mit O-Tönen und kurzen Buchauszügen zu Wort. Die Autorin Karin Hahn bringt in diesem Feature das Genre so auf einen abschließenden Nenner: "Der Witz und die Ironie in den Geschichten fordern die Leserinnen aber dazu auf, den Alltag mit seinen Tücken und die Liebe in all ihren Facetten auch mit Humor zu betrachten." Alltag und Liebe, Witz und Ironie - das passt.

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