Freitag, Dezember 28, 2012

Henning Mankell: Das Grab (Ein Mord im Herbst)

Nur mal kurz zwischendurch: Heute läuft um 22 Uhr (bzw. um 2.55 Uhr in der Wiederholung) ein neuer BBC-Wallander mit Kenneth Branagh im ARD. Titel: Ein Mord im Herbst. Ich war zuerst ein wenig überrascht. Von der Reihe "Mankells Wallander" kannte ich das ja schon: Keine Romanvorlage, nur eine Beteiligung Mankells an Storyentwicklung und Drehbüchern: Der zuständige ARD-Redakteur Rainer Bunz hat das einmal der dpa gegenüber auf den Punkt gebracht: «Nicht allen unserer Filme liegen komplette Romane vor, aber wenigstens ein Mankellsches Original-Treatment von acht bis zehn Seiten. Und er lässt sich die Projekte auch nicht aus der Hand nehmen, liest die Drehbücher, steuert Ideen bei, spricht mit den Darstellern.» Dass auch die BBC jetzt auf diesen Zug aufgesprungen ist, erstaunte mich dann doch etwas.

Um zu sehen, ob es für den "Mord im Herbst" eine literarische Vorlage gibt, führte mein erster Gang zum Bücherregal, wo neben den zehn Wallander-Romanen (inkl. "Vor dem Frost", der offiziell ja nicht mitgerechnet wird, weil es der erste Band der neuen Linda Wallander-Reihe werden sollte) auch der Erzählband "Wallanders erster Fall" steht. Immerhin ist aus diesem Band bereits der Kurzroman "Die Pyramide" mit dem ersten Wallander-Darsteller, Rolf Lassgård, verfilmt worden (deutscher Filmtitel: "Wallanders letzter Fall", 2007). Später gab es dann den Band "Die Pyramide" auch als eigenständige Taschenbuchausgabe bei dtv. 

Der Kurzroman "Das Grab", auf der der Film "Ein Mord im Herbst" mit Kenneth Branagh als Kurt Wallander beruht, ist jedoch in dem Sammelband nicht enthalten! Fündig wurde ich bei den Niederländern. So hat bol.com  den 93-seitigen Band "Het graf" im Angebot, natürlich auf niederländisch. Und damit sind sie derzeit die Einzigen, bei denen die Geschichte in gedruckter Form vorliegt. Denn auch auf dem englischen Buchmarkt ist der Kurzroman bisher nicht veröffentlicht. Und selbst bei den Schweden habe ich den Titel "Händelse om hösten", wie die Geschichte im Original heißen soll, nicht gefunden.

Offenbar ist eine Veröffentlichung in Deutschland allerdings in Vorbereitung. In den Westfälischen Nachrichten gibt es einen Bericht, Mankell habe die deutsche Übersetzung eines Bandes, der bislang nur in Holland erschienen sei, für den kommenden Herbst 2013 beim Hanser-Verlag angekündigt. Ausführlichere Informationen hält die Stuttgarter Zeitung bereit: Zwar nannte Mankell gegenüber seinem Interview-Partner Denis Scheck keinen Titel, aber der Verweis auf die Holländer spricht Bände. 20 Jahre alt soll die Geschichte sein, die jetzt nachträglich in die Wallander-Reihe aufgenommen wird, d.h., sie muss gegen 1992 entstanden sein. "Mörder ohne Gesicht", der erste Wallander-Band, wurde in Schweden 1991 veröffentlicht, im Jahr darauf folgten die "Hunde von Riga". "Das Grab" ist also ein früher Wallander-Roman, vielleicht - wenn man die leicht vage Formulierung Mankells berücksichtigt - der erste.


Das überrascht wiederum. Zumindest in der Verfilmung "Kommissar Wallander – Ein Mord im Herbst" ist die Handlung etwa zu Beginn von "Der Feind im Schatten" angesiedelt, was allerdings der Drehbuchbearbeitung geschuldet ist: Kurt Wallander hat sich gerade das Haus am Strand gekauft, von dem er schon lange geträumt hat. Auch den Hund Jussi gibt es bereits, auch wenn es nicht der Deutsche Schäferhund geworden ist, von dem Kurt Wallander früher immer geträumt hat, sondern ein Labrador. Beides - Haus am Strand und Labrador Jussi - kennen wir ja auch aus der Fernsehserie "Mankells Wallander" mit Krister Henriksson, Staffel 2, sowie aus dem letzten offiziellen Wallander-Band. Das Wallander-Imperium bleibt dank der Beteiligung Henning Mankells an allen Produktionen homogen. Neu ist: Kurt lebt in der Verfilmung von "Das Grab" mit  Vanja Andersson zusammen.

Kommissar Wallander führt Vanja zum Tatort,
an dem der Blumenhändler Runfelt umgebracht wurde.

Foto: ARD Degeto/Yellow Bird Rights/Left Bank Pictures
Diese Vanja Andersson hat Wallander in "Die fünfte Frau" kennengelernt. Sie war Verkäuferin im Blumenladen des ermordeten Gösta Runfelt, zeitweise auch dessen Geliebte. Während Wallander im Roman noch plant, Baiba zu heiraten, beginnt in der BBC-Verfilmung schon kurz nach deren erster Begegnung die Annäherung an Vanja: Erst sind es nur flüchtige Berührungen, die die Kamera einfängt, später werden die Gesten zärtlicher, etwa wenn Kurt Vanja die Fingerabdrücke abnimmt und die Kamera in Großaufnahme ihrer beider Hände dabei verfolgt.

Während Kurt im Roman "Die fünfte Frau" noch Baiba anruft, wenn es ihm schlecht geht, ist es in der neuen Verfilmung Vanja, deren Nummer er wählt. Allerdings ist die Reihenfolge der Bücher in der BBC-Variante ohnehin verdreht: Der Film "Hunde von Riga", in dem er Baiba kennenlernt, folgt dort auf "Ein Mord im Herbst". Er kann also der neuen Chronologie zufolge Baiba noch gar nicht nachtrauern, während er versucht, mit Vanya eine Zukunft aufzubauen, weil er Baiba erst in Riga kennenlernt.

Im Netz kursiert ein Zitat aus der BBC-Verfilmung des Romans "Die fünfte Frau", die chronologisch offensichtlich direkt vor "Ein Mord im Herbst" angesiedelt ist: "Du siehst nicht hin, oder?", fragt der alte Wallander seinem Sohn Kurt, nachdem der ihn aus dem Altersheim zurück auf den Hof gebracht hat. "Du betrachtest die Welt gar nicht. Du fährst nur durch sie hindurch. Halt mal an und guck hin ... Such dir jemanden, der sich zu dir setzt. Es allein zu schaffen bist du nicht stark genug. Niemand ist das. Such dir jemanden, der sich zu dir setzt." Es sind die letzten Worte, die Kurt von seinem Vater hört. Kurz darauf stirbt dieser. Am Ende der Verfilmung kniet Kurt am Grab des Alten, um sich von ihm zu verabschieden. Er legt seinen Ehering auf den Grabstein. Hinter ihm, im wehenden Kleid, beobachtet Vanja die Szene. Als Kurt zu ihr zurückkommt, lächelt sie ihm Mut zu.

Im Film "Ein Mord im Herbst" wagt sie mit Kurt einen Neuanfang und zieht mit ihrem Sohn zusammen in das Haus am Strand, das sie offensichtlich mit Kurt zusammen ausgesucht hat. Zwei Jahre seien sie nun zusammen, wollten es zunächst langsam angehen lassen, erzählt Vanja Kurts Kollegin Ann-Britt Höglund. Allerdings habe sie ihre eigene Wohnung erst einmal behalten. Verlegen lächelnd fügt sie hinzu: "Falls das Wetter mal schlecht ist. Oder für den Winter."

Worum geht es im Film "Ein Mord im Herbst"?  Von einer Fähre zwischen Schweden und Polen geht eine junge Frau über Bord. Sie steht auf keiner Passagierliste, und zunächst glaubt niemand dem einzigen Zeugen, einem halb betrunkenen Fernfahrer. Als später Teile der Leiche am Strand von Ystad angespült werden, offensichtlich von einer Schiffsschraube zerstückelt, kann jedoch die junge Frau anhand eines markanten Armbandes auf den Überwachungsvideos vom Bord der Fähre identifiziert werden.

Während Wallander mit der Frage beschäftigt ist, ob die junge Frau freiwillig sprang oder getötet wurde, entdeckt sein Labrador Jussi  unter ein paar schwarzen Johannesbeerbüschen in Wallanders Garten eine vergrabene Leiche. Kurt macht sich auf die Suche nach den Vormietern des Hauses. Schnell hat er Jan Petrus als Täter in Verdacht, zumal als sein Nachbar ihm erzählt, was für ein fieser Zuhälter dieser Petrus gewesen sein soll. Oft habe der am Hafen Ausreißerinnen, die niemand vermissen würde, aufgelesen und diese später zur Prostitution gezwungen. Und noch mehr passt ins Bild: Petrus' Tochter Ellika ist zehn Jahre zuvor verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Etwa so lange muss auch die Tote in Wallanders neuem Garten gelegen haben, sagt die Gerichtsmedizin. Kurt setzt sich einmal mehr über die Dienstvorschriften hinweg und nimmt den Fall eigenmächtig in die Hand. Aber als er ohne Durchsuchungsbeschluss bei Petrus eindringt, eskaliert die Situation.

So viel zum Film. Von der Existenz des Kurzromans "Das Grab" habe ich wie gesagt erst heute erfahren, werde mir aber das Buch aus den Niederlanden bestellen und euch berichten, in wie weit es vom Film abweicht. Der Hanser-Verlag hat übrigens angekündigt, in die im Herbst 2013 erscheinende deutschen Ausgabe ein ausführliches Register aufzunehmen, das auch jene 900 Personen aufliste, die in den anderen Wallender-Krimis eine Rolle gespielt haben. Das hätte ich heute gebrauchen können, um die Spuren von Vanya Andersson in den anderen Romanen nachzuverfolgen.

Der Klappentext der niederländischen Ausgabe lässt übrigens ahnen, worin die Unterschiede zwischen Buch und Roman bestehen: Kurt Wallander - de inspecteur die zijn werkterrein in het zuiden van Zweden heeft, bekijkt in 'Het graf' een huis dat hij wil kopen. Een opknapbeurt is beslist nodig, maar het huis heeft een grote tuin en een prachtig uitzicht. Terwijl Wallander door de tuin dwaalt, maakt hij een struikeling. Pas als hij in zijn auto weg wil rijden, vraagt hij zich af waarover hij nu eigenlijk gestruikeld is. Hij loopt de tuin weer in en stuit daar op een vergane mensenhand. (Quelle: misdaadromans.nl/Mankell/hetgraf.htm) Keine Vanya, kein Jussi - keine Nebenhandlung. Kurt ist nicht umgezogen, sondern noch als einsamer Wolf auf der Suche nach seinem idealen Haus. Er besichtigt die "Schwarze Höhe", wie das Gelände im Volksmund genannt wird, lediglich als mögliches Kaufobjekt. Umfangreiche Renovierungsarbeiten wären nötig, aber immerhin hat das Gebäude einen großen Garten und eine prächtige Aussicht. Während er über das Gelände streift, stolpert er. Er schaut nicht einmal, worüber. Erst als er im Auto sitzt, um loszufahren, fragt er sich, was es war und muss in den Garten zurückgehen, um die Hand zu entdecken. Das wirkt ein wenig stoffelig und noch kaum verwoben. Wie gesagt: Ich werde euch berichten, wenn ich das Buch habe.
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Update 13.09.2013: Die deutsche Ausgabe des Romans Mord im Herbst erscheint übrigens am 4. November 2013 im Verlag Paul Zsolnay. Und ab 11. November ist dann auch das Hörbuch zu haben.

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