Freitag, Dezember 21, 2012

Hugo Hartung: Ich denke oft an Piroschka [Rezension]

Vielleicht erinnert ihr euch, dass ich vorgestern kurz das Buch „Ich denke of an Piroschka“ von Hugo Hartung vorgestellt habe. Ich las kurz noch einmal rein und beschloss, das Buch auf meinen Nachttisch zu legen. Das führte dazu, dass ich in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag relativ wenig Schlaf bekam. Schlimmer noch: Nachdem ich gestern meinen Blogbeitrag gepostet hatte, machte ich eine kurze Pause, in der ich noch einmal ein paar Seiten weiter las. Drei Stunden später war ich am Ende der Romanze angekommen.

„Ich denke oft an Piroschka“ ist ein zeitlos schönes Buch. Gut, es spielt in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Aber der Erste Weltkrieg, die Inflation und der Hunger tauchen lediglich in einer kurzen Zwischenbemerkung auf und sind gleich wieder vergessen. Der Roman ist eine humorvolle Liebesgeschichte um den 21-jährigen Studenten Andi, der im Rahmen eines Austauschprogramms nach Ungarn fährt.

Auf der Bootsfahrt von Wien nach Budapest lernt er die zwei Jahre jüngere Greta kennen und verbringt später den Abend in der Stadt mit ihr. Zu einem Austausch von Zärtlichkeiten kommt es nur deswegen nicht, weil die beiden von einem penetranten Zigeunergeiger verfolgt werden, der, angestachelt von zwei üppigen Trinkgeldern, sich in den Kopf gesetzt hat, ihre Romanze musikalisch zu begleiten.

Andi weiß, dass Greta vorhat, in naher Zukunft einen griechischen Rosinengroßhändler zu heiraten. Greta scheint ihre letzten Tage vor der Ehe noch einmal genießen zu wollen. Später gibt sie auch zu, ein wenig Angst vor der Hochzeit zu haben. Da sie aber ein Hotel am Plattensee gebucht hat und dort erwartet wird, während Andi weiter zu seiner Gastfamilie nach Hódmezővásárhelykutasipuszta muss, trennen sich die beiden in Budapest mit dem Versprechen, Greta würde ihm später schreiben.

Hódmezővásárhelykutasipuszta heißt übersetzt etwa „Heidebrunnen vom Marktplatz auf dem Biberfeld“, oder wie Andi es despektierlich übersetzt: „Biberfeldmarktplatzbrunnenheide“. Es ist ein kleiner Ort im Süden Ungarns, unweit der Grenzen zu Serbien und Rumänien. Viele Felder, wenige Häuser und kaum Wald. Eigentlich nichts, oder, wie ein Mitreisender im Zug Andi vorwarnt: "Es ist ein hundsmiserables Saudorf."

Andi kommt dort bei einem Arzt unter, verbringt aber viel Zeit beim Bahnhofsvorsteher, mit dessen Tochter Piroschka er sich anfreundet. Ganz offensichtlich empfindet sie mehr für ihn, aber der junge Student ist zu schüchtern, um die Situation auszunutzen. Als Greta sich endlich meldet und ihn zu sich an den Plattensee einlädt, beschließt Piroschka, von zu Hause auszureißen und Andi zu folgen.

Natürlich ist Greta wenig begeistert, als sie Andi am Bahnhof erwartet und dieser mit einer jungen Frau aus dem Zug steigt. Dann aber solidarisiert sie sich mit Piroschka und Andi hat das Nachsehen. Als Piroschka beschließt, die beiden ihrem Glück zu überlassen und noch in der Nacht nach Hause zurückzufahren, ist der Zauber zwischen Greta und Andi schon weitestgehend verflogen. Statt mit zwei Frauen steht er nun ganz ohne Freundin da. Greta muss weiter nach Griechenland und Piroschka will nach seiner Rückkehr zunächst nichts von ihm wissen.

Immer wieder bei der Lektüre überkam mich das Gefühl, die Geschichte sei so detailreich beschrieben, dass Hugo Hartung sicher einmal in Ungarn gewesen sein muss. Und tatsächlich fand ich später einen Bericht, der wohl ursprünglich auf Youtube gepostet worden sein soll. Darin erzählt Heinz Peter Stelten, er habe ab 1989 die Spuren des Buchs recherchiert und das Dorf Hódmezővásárhelykutasipuszta besucht. Zwar kannte keiner der Dorfbewohner den Roman „Ich denke oft an Piroschka“, aber an den jungen deutschen Studenten, der in den Zwanzigern als Gaststudent dorthin kam und sich in eine Einheimische verliebte, konnten sich die Älteren gut erinnern.

Im Roman sagt der Ich-Erzähler übrigens an einer Stelle zu Greta, er wolle nicht mit seinem „richtigen“ Namen angesprochen werden - sein zweiter Name gefalle ihm jedoch besser, und der laute Andi. Insofern wundert es schon kaum noch, wenn man erfährt, dass Hugo Hartung mit zweitem Vornamen Andreas heißt. Auch in seinen „Erinnerungen“ soll Hartung über seine Zeit in Hódmezővásárhelykutasipuszta berichtet haben.

Stelten erzählt: „Inzwischen interessierte den Dorfpfarrer, der inzwischen mein Freund war, die Sache auch und ein oder zwei Jahre später gab er mir dann eine frohe Nachricht. Er hatte die „echte Piroschka“ von damals gefunden. Sie wohnte etwa 80 km entfernt von Székkutas. Wir fuhren zu ihr, um sie zu besuchen. Sie war inzwischen eine sehr alte Frau, die uns freundlich empfing und mit dem Pfarrer (er heißt Imre) auf Ungarisch allerhand besprach. Imre übersetzte mir das dann. Zuletzt machten wir noch ein Foto von uns Dreien und Piroschka (Katy) schrieb mir was in mein mitgebrachtes „Piroschka-Buch“. So bin ich wohl einer der wenigen, die dieses Glück hatten. Ich fuhr jedes Jahr in den Ort und besuchte Imre. Dann kam die Nachricht, das Piroschka (Katy) gestorben war.

Der 1954 erschienene Roman von Hugo Hartung ist übrigens ein Jahr später verfilmt worden. Liselotte Pulver, damals bereits 25, spielte die 17-jährige Piroschka. Der Film wurde ein internationaler Erfolg. Allerdings merkt man ihm deutlicher die Spuren der Zeit an als dem Buch. Obwohl: Öfter beim Lesen stolperte ich über Sätze, die mich an den Stil von Tucholsky oder Kästner erinnerten. Hugo Hartung spielt wie selbstverständlich mit der Sprache und kreiert so einige Ausdrücke, die heute absolut ungebräuchlich sind. Die Geschichte von dem jungen, etwas schüchternen Studenten zwischen zwei Frauen hingegen ist nach wie vor zeitlos.



PS: Wer sich den Film ansehen will, hat im Januar 2013 gleich zwei Mal die Gelegenheit dazu. Am Samstag, den 12. Januar, läuft er um 12:15 auf WDR, am Sonntag, 13. Januar, um 11 Uhr auf MDR.

Titel Ich denke oft an Piroschka : Roman / Hugo Hartung
Person(en) Hartung, Hugo
Verleger Gütersloh : Bertelsmann Lesering
Erscheinungsjahr 1958
Umfang/Format 252 S. ; 8 ; Halbleder
Andere Ausgabe(n) Ullstein TB, 2002
Hörbuch (Steinbach Sprechende Bücher, 4 CDs)
Hörspielfassung des BR (Random House, 2003)
Verfilmung von 1955 (Studiocanal 2012)
Anmerkungen Lizenz d. Ullstein Verl., Berlin
Schlagwörter Ungarn ; Deutscher Student ; Liebesbeziehung ; Geschichte 1925 ; Belletristische Darstellung

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