Donnerstag, Dezember 20, 2012

Kurzgeschichte: Die Wahrheit über Weihnachten



Eben hob die große Glocke der St. Marienkirche ihr Geläut an. Quer durch die Kneipe, hinüber zur Theke, drang ihr tiefer, wabernder Schall, dorthin, wo Stefan nachdenklich den goldgelben Whisky in seinem Glas betrachtete. Seine Gedanken kreisten um seine Familie. Berenice würde jetzt die Lichterkette am Baum anschalten und Leonie und Lucas hereinrufen.

„Bereuen Sie es?“, fragte der Mann auf dem Hocker neben ihm.

Stefan sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Nicht das mit Berenice“, sagte er. „Aber die Kleinen, die vermiss' ich.“

Er ließ seinen Blick in Richtung Fenster schweifen. Unter dem weichen Licht der Laterne schimmerte ein feiner Regen. Nur wenige Menschen huschten zu dieser Zeit noch durch die Stadt. Ab und zu warf der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Fahrzeugs seinen Strahl gegen die regennasse Scheibe der Kneipe. In der Straßenschlucht zwischen den alten Backsteinbauten hallte der Lärm der Motoren nach. Hinter den Gardinen der Häuser schien das Licht heute Abend wärmer als sonst. Das sind die Kerzen, dachte er. Kerzen geben ein viel wärmeres Licht als Glühbirnen.

Die Vorstellung behagte ihm nicht, noch einmal raus in den Regen und in die leere Wohnung zurückkehren zu müssen. Er sah sich um. Nur wenige Gäste verbrachten diesem speziellen Abend hier, saßen schweigsam an einem der alten Holztische, gebeugt über einen Kaffee oder ein Glas Bier. Selbst die Musikanlage blieb stumm. Der Besitzer hatte sie entnervt über die im Radio penetrant dudelnde Weihnachtsmucke ausgestellt.

„Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen“, fragte sein Nachbar in die Stille hinein. „Die Wahrheit über Weihnachten?“

Stefan sah ihn müde an, ohne zu antworten.

„Weihnachten ist ein einziger großer Betrug“, fuhr der Fremde fort.

Ungewollt musste Stefan lachen. Er gab dem Wirt ein Handzeichen und bestellte ein neues Glas.

„Wussten Sie, dass schon die alten Babylonier am 25. Dezember gefeiert haben?“, fragte der Mann. Mit der rechten Hand hielt er sein Glas umklammernd, während die Linke an irgendeinem Gegenstand in seiner Jackentasche herumfingerte. „Bereits mit Nimrod, kurz nach der Sintflut ging es los. Eine uralte Tradition.“

„Es hat mit der Wintersonnenwende zu tun“, antwortete Stefan gleichgültig. Die Überlegungen seines Sitznachbarn interessierten ihn nicht.

Eine Weile blieb es still im Raum. Draußen fiel der Regen nun stärker und prasselte heftig gegen die Scheiben.

„Sicher“, fuhr der Andere schließlich fort. „Die Römer feierten ihre Saturnalien, die Ägypter die Geburt ihres Totengottes Osiris, die Babylonier die Nimrods. Immer am 25. Immer mit dem Solstitium.“

Stefan zuckte die Achseln. „Ist doch egal. Niemand weiß, wann Jesus wirklich geboren wurde. Die Sonnenwende ist ein Symbol.“

Solstitium. Er betrachtete sein Gegenüber und überlegte einen Moment, ob er den Mann nach seinem Beruf fragen solle. Aber was sollte er mit diesem Wissen anfangen? So schwieg er.

Der Andere geriet in Fahrt. „Verstehen Sie nicht? Die Kirche kam gegen dieses heidnische Fest nicht an, das viel zu tief mit den Bräuchen der Bevölkerung verwurzelt war, um es abzuschaffen. So erklärten sie feierlich: Unser Heiland ist just an diesem Tag geboren. Sie haben dem Kult eine christliche Bedeutung aufgepfropft und so umfunktioniert. Und wir triefen an diesem Tag regelmäßig vor Sentimentalität.“

Stefan stellte sich vor, wie Leonie und Lucas im Wohnzimmer auf dem blauen Shaggy-Teppich saßen, den Berenice und er vor zwei Jahren bei Tom Taylor gekauft hatten. Er versuchte, sich in sie hineinzuversetzen. Würden sie an ihn denken? Oder waren sie ganz von den Überraschungen eingenommen, die unter dem Baum für sie bereitlagen?

Er dachte zurück an seine Kindheit. An das Warten vor der Bescherung, während es draußen allmählich dunkel wurde. An das warme Leuchten unzähliger Kerzen durch das Mattglasfenster der Wohnzimmertür. Damals war er überzeugt, die Engel hätten die Lichter am Baum angezündet und der Weihnachtsmann die Geschenke aus seinem Sack geholt und abgelegt. Stefan glaubte nicht, dass Berenice Leonie und Luca diesen Zauber der Heiligen Nacht vermitteln konnte. Und morgen, wenn er die beiden besuchen durfte, wäre es zu spät dafür.

„Überhaupt dieser ganze Konsum“, riss ihn sein Nachbar aus den Gedanken. Fast schien es, als habe er die Hand in seiner Jackentasche zur Faust geballt, als er fortfuhr: „Dabei waren die Geschenke, die die Weisen zur Krippe brachten, nur ein Missverständnis. Es hieß, ein neuer König sei geboren worden. Damals war es eben üblich, den Herrschenden Präsente darzubringen, um sie zu besänftigen. Auf die Idee, sich gegenseitig aus lauter Freude zu beschenken, ist niemand gekommen.“

Das Gesicht des Mannes verfinsterte sich zusehends, während er weiterredete. „Aber wenn ich in den Wochen vor Weihnachten nicht jeden von Julias Blicken auf die Auslagen der Geschäfte nach einem Hinweis absuche, was sie unter dem Baum haben will, dann bekomme ich Probleme. Richtige Probleme.“

Stefan leerte sein Glas. Nachdenklich starrte er auf die Sammlung verschiedener Whiskysorten, die im Spiegelregal aufgereiht standen, sah Fragmente seines Gesichts hinter den Flaschen.

„Warum erzählen Sie mir das alles?“, fragte er schließlich. „Ich kenne Ihre Julia nicht. Und was Weihnachten angeht, bin ich auf dem Laufenden. Der Weihnachtsbaum - die immergrüne Tanne - war ein Symbol für das Durchhalten in schwerster Zeit. Die Kerzen sollten den Sonnengott ermutigen, wenn er die niedrigste Stelle am Himmel erreicht. Na und? Weihnachten gibt der Kindheit etwas Geheimnisvolles.“

„Und trotzdem sind die Kirchen heute voll“, sagte der Andere. Seine Stimme klang resignativ. „Für ein paar Stunden macht sie auf fromm. Egal, wie sie sonst mit einem umgeht.“ Er nahm seine Linke aus der Jackentasche und umfasste mit beiden Händen sein Bierglas.

Für einen Moment meinte Stefan, eine Pistole in der Tasche aufblitzen zu sehen. Er betrachtete das Gesicht des Anderen und ihn beschlich Argwohn. Stellte sein Gegenüber eine Gefahr für ihn dar? Er suchte nach Zeichen für eine nahende Eskalation. Aber der Mann wirkte nicht gefährlich, nur unergründlich traurig.

Stefan überlegte, ob es Sinn machte, den Anderen auf die Waffe anzusprechen. Aber wahrscheinlich spielte ihm ohnehin seine Fantasie einen Streich. Vielleicht auch hatte der Mann noch kurz vor Ladenschluss ein Spielzeug für ein Kind gekauft und war noch nicht zu Hause gewesen, um es einzupacken.

„Wir alle brauchen gelegentlich Phasen, in denen wir uns fallen lassen können“, sagte Stefan schließlich, in dem Gefühl, diese Julia verteidigen zu müssen. „Es gibt doch niemanden, der bei diesen Weihnachtsgottesdiensten nicht zurückdenkt an seine Kindheit und sich für eine Stunde geborgen fühlt wie damals bei seinen Eltern.“

Der Andere sah ihn mit glasigen Augen an. Sie hatten beide zu viel getrunken an diesem Abend. Ein verzweifelter Versuch, die Niederlagen ihrer kleinen Leben zu vergessen.

„Alles gelogen“, sagte sein Nachbar, noch immer über das Bierglas gebeugt. „Wir sitzen mit ihrer ganzen Familie zusammen beim Festessen und versuchen krampfhaft alle Themen zu umgehen, die nach Konflikt riechen. Und mit einem Mal wird einem bewusst, dass man eine riesige Lüge lebt. Kein Wunder, wenn sich gerade über die Feiertage viele das Leben nehmen.“

„Das ist eine urbane Legende. Statistisch gesehen bringen sich über Weihnachten weniger Menschen um als im ganzen übrigen Jahr.“

Aber etwas an dem, was der Fremde sagte, berührte Stephan. Er dachte an Mittagessen zu viert, bei denen Leonie und Lucas das Gespräch dominierten, während Berenice und er kaum über Dinge redeten, die sich nicht auf die Koordination des Alltags bezogen. Wann hatten sie aufgehört, über ihre Träume zu sprechen?

Als der Andere aufstand, um zur Toilette zu wanken, bestellte Stefan sich einen Kaffee. Er wollte versuchen, diesen Schwebezustand zwischen trunkener Gleichgültigkeit und wohligem Koordinationsverlust für eine Weile zu halten.

Der Mann blieb lange weg. Es dauerte eine Weile, bis Stefan argwöhnte, der Andere sei vielleicht gestolpert und liege nun in einer Ecke auf den kalten Kacheln. Und noch einen Moment, bis er an die Pistole in der Tasche des Mannes dachte. Zögernd stand er auf und ging auf die Toilette zu, unsicher, was er tun oder sagen solle. Da ertönte ein Schuss.

Er lief los. Hinter sich hörte er die wenigen Gäste irritiert durcheinanderreden. An der Tür zu den Herrenklos prangte in Messing das Symbol eines kleinen Jungen. Stefan riss sie auf und blieb abrupt stehen. Der Mann lag auf dem weißen Kachelboden, in seiner Hand die Pistole. Blut klebte an den Wänden. Es stank nach Urin und verbranntem Pulver.

Er hätte geglaubt, dass ein solcher Anblick ihn mehr berühre. Während der Anderen vor ihm in seinem Blut lag, dachte Stefan an das gerade noch geführte Gespräch, an die Hoffnungslosigkeit und Bitterkeit, die in den Worten mitgeschwungen waren. Hätte er etwas sagen können, das dem Fremden Hoffnung vermittelt? Ihm fiel ein Satz ein, der ihn selbst an manch trüben Tagen über Wasser hielt: Es macht keinen Sinn aufzugeben, wenn man sich mitten in der Talsohle befindet. Von dort fehlt der Blick für das Wesentliche.

Hinter sich hörte er den Besitzer der Kneipe leise stöhnen.

„Schöne Scheiße.“

Er wartete auf das Eintreffen der Polizei, beobachtete, wie die beiden Beamten sich vom Wirt zu den Toiletten führen ließen und gelangweilt Eintragungen in ihr Notizbuch machten. Gleich darauf näherten sich mit ohrenbetäubendem Lärm die Sirenen eines Krankenwagens. Stefan wollte sich die Ohren zuhalten, zwang sich aber, bewegungslos in seiner Position zu verharren. Er wusste, wenn er anfinge, auf die Ereignisse zu reagieren, wäre er verloren an diesem Abend. Das musste er verhindern, sich selbst zuliebe und seiner Kinder, denen er am nächsten Tag den sorgenfreien Vater vorspielen wollte. Sie hatten das verdient. Weihnachten gehörte den Kindern.

© 2012, Norbert Krüger


Der Blog-Adventskalender ist eine Initiative der Tintenelfe Mona  vom Tintenhain-Blog: Jeden Tag übernimmt ein anderer Blog die Füllung des Kalenders. So lassen sich über die Vorweihnachtstage eine Menge spannender Blogs entdecken. Ich wünsche allen Lesern viel Spaß dabei!

Das 21. Türchen gehört eigentlich zu Ramona vom Blog: The world of Big Eyes, dessen Logline lautet: Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele. Da sie sich aber als ordentliche Studentin zwischen ihre Fachbücher verkrochen hat, öffnete Mona kurzfristig ein Ersatztürchen bei sich.

1 Kommentar:

  1. Ich habe jetzt auf meinem Blog ein Ersatztürchen aufgemacht, da "The World of Big Eyes" ein "vorübergehend geschlossen"-Schild am Blog hängen hat.

    Grüße von der Tintenelfe

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