Dienstag, Dezember 04, 2012

Lars Kepler: Flammenkinder [Rezension]

Lars Kepler, das sind Alexandra Coelho und Alexander Ahndoril, Jahrgang 1966 bzw 1967, ein Autorenehepaar, das auch schon mit seinen Solobüchern unter eigenem Namen erfolgreich veröffentlichte, bevor es sich gemeinsam an das Thrillergenre machte. „Flammenkinder“, ihr dritter Thriller um den finnischen Ermittler Joona Linna, handelt von einem bestialischen Doppelmord in einer offenen Jugendeinrichtung nördlich von Sundsvall in der schwedischen Provinz Västernorrlands län. Die Mordwaffen sind offensichtlich ein Stein und ein Hammer. Getötet wurden eine Betreuerin und eins der Mädchen. Letzteres lag seltsam stilisiert auf ihrem Bett aufgebart, die Hände vor den Augen.

Schnell stellt sich heraus, dass Vicky Bennet, eines der Mädchen, die in dem Heim auf ihre Reintegration in den Alltag vorbereitet werden sollen, seit der Tat verschwunden ist. Und natürlich lenkt sich der Verdacht zunächst gegen sie. Umso mehr, als wenig später in der Nähe des Heimes das Auto der alleinerziehenden Pfarrerin Pia Abrahamsson gestohlen wird. In dem Auto sitzt Dante, der vierjährige Sohn der Frau, die nur kurz im Wald Wasser gelassen hat und nun entsetzt zusieht, wie ein Mädchen an ihr vorbei zum Wagen huscht und mit ihm verschwindet.

Allein, Joona zweifelt recht früh daran, dass Vicky für das Verbrechen verantwortlich ist. Weder die großen Fußabdrücke, die nach der Tat gefunden werden, noch die Kraft, mit der die Schläge ausgeführt wurden, passen zu einem jungen Mädchen. Offen ist auch die Frage nach dem Motiv.

Um alles noch zu verkomplizieren, taucht plötzlich das selbsternannte Medium Flora Hansen auf, das zunächst nur versucht, der Polizei ein wenig Geld abzuluchsen, indem es erzählt, es habe Hinweise zur Tat zu machen. Allerdings schenken ihr die Beamten keinen Glauben - auch nicht, als Flora echte Visionen zu plagen beginnen.

Ich brauchte eine Weile, bis ich mich eingelesen hatte. Das Präsenz als Erzählzeit wirkte auf mich effekthascherisch und gewöhnungsbedürftig. Das Buch beginnt sofort in einem sehr hohen Erzähltempo und spart nicht mit blutigen Details der Morde, so dass ich „Flammenkinder“ bereits nach einigen Seiten wieder weglegen wollte.

Früh ist klar, dass Vicky als Täterin nicht in Frage kommt, auch wenn sie über weite Strecken des Romans von der Polizei verfolgt wird. Allerdings gelingt es dem Ehepaar Ahndoril alias Lars Kepler, von einem Cliffhanger zum Nächsten zu springen und so den Leser über 600 Seiten hinweg bei der Stange zu halten. Die Kapitel sind kurz, die Schnitte schnell. Das erhöht das Lesetempo und sorgt, hat man sich erst an den Stil gewöhnt, für einen gewissen Sog.

Die zwei Enden der Geschichte hingegen haben mich nicht überzeugt. Da ist einmal die Auflösung der Tat, die zwar in sich nachvollziehbar ist, aber so gar nicht zum Anfang des Romans passt. Ich habe mir den Spaß gegönnt, die ersten Kapitel nach Beendigung der Lektüre noch ein zweites Mal zu lesen. Und die Art, wie der Täter zu Beginn beschrieben wird und wie die Betreuerin Elisabeth auf ihn reagiert, will so gar nicht dazu passen, wie später ihre Verbindung aufgedröselt wird. Denn natürlich gibt es ein Motiv für die Morde.

Das zweite Ende, in dem Joona Linna nach Aufklärung der Tat weiter begleitet wird, fand ich nahezu ärgerlich. Zugegeben, ich habe die ersten beiden Bände der Reihe nicht gelesen und kann daher schlecht beurteilen, inwieweit Kepler auf Themen aus den früheren Büchern zurückgreift. Aber die Idee, einen Teil der Familiengeschichte Linnas ans Ende der Geschichte zu verlegen, auf einen Zeitpunkt, als die Frage längst geklärt ist, wer die beiden Frauen im Heim getötet hat, wirkte auf mich ein wenig lieblos. Und der letzte Abschnitt des Romans ist dann so offensichtlich Cliffhanger für den nächsten Band, dass ich mich als Leser manipuliert fühlte. Zumal die Person, die dort eingeführt wird, ganz eindeutig eng an Hannibal Lecter von Thomas Harris angelehnt ist.

Positiv sei angemerkt, dass der Roman immer wieder die Situation der Heiminsassen aufgreift und eine gewisse Sympathie für ihr Schicksal vermittelt. Gerade Vickys Werdegang wird im Verlauf der Handlung ausführlich geschildert, Vorurteile gegen sie abgebaut und so gezeigt, dass auch vermeintliche Fakten oft auf lückenhaftem Verständnis der Vita beruhen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Einführung der Figur Elin Franks, die eine Zeitlang Pflegemutter von Vicky war. Die Passagen, in denen Frau Frank von ihrer Zeit mit Vicky erzählt, gehören für mich zu den eindrücklichsten des ganzen Romans.

„Feuerkinder“ steht ganz in der Tradition des Schwedenkrimis, mit einem Ermittler, der neben seinem Fall auch mit seinem desolaten Privatleben kämpft; mit einem kleinen Schuss Sozialkritik aufwartend und über weite Strecken die Spannung haltend. Wer schnelle, blutige Thriller und eine einfache Sprache mag, ist mit dem Roman sicher gut bedient.

Titel Flammenkinder : Kriminalroman / Lars Kepler. Übers. aus dem Schwed. von Paul Berf
Person(en) Kepler, Lars ; Berf, Paul [Übers.]
Verleger Köln : Lübbe
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 621 S. ; 22 cm
Parallele Ausgabe(n) Hörbuch
Kindle eBook
Einheitssachtitel Eldvittnet ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-7857-2463-7 Pp.
EAN 9783785724637
Amazon-Linkhttp://www.amazon.de/gp/product/3785724632

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