Samstag, Dezember 15, 2012

Sheila Burnford: Die unglaubliche Reise [Rezension]

Zwei Hunde und eine Katze machen sich auf eine 500 km lange Reise durch die kanadische Wildnis, um zurück nach Hause zu gelangen. Gelegentlich berichten die Medien von solchen Geschichten, allein aufgrund des hohen "Human interest"-Faktors. Immerhin sagen solche Fälle ja eine Menge über die unendliche Liebe der Haustiere zu ihren Besitzern aus. Und wer hört so etwas nicht gern?

Sheila Burnford hätte tatsächlich die Möglichkeit, in eine ganze Reihe von Fallen zu tappen, als sie die Geschichte einer solchen Reise zu einem Roman verarbeitete. Die allermeisten davon hat sie mit Bravour umschifft. Das dürfte der Grund sein, warum das Buch nach seinem Erscheinen 1961 schnell Erfolg hatte und dank seiner Verfilmung 1963 durch Walt Disney endgültig zum Bestseller avancierte.

Dabei beginnt der Roman ein wenig verschlungen. Der Labrador Luath, der Bullterrier Bodger und die Siamkatze Tao sind bei einem Mann namens John Longridge untergebracht, während ihre Besitzer, die Familie Hunter, für einige Monate im Ausland weilen, weil der Familienvater Hunter für ein Semester Lesungen in England halten soll. Longridge ist ein Freund der Familie und außerdem Pate der kleinen Elizabeth Hunter, der Tao gehört. Zunächst widerwillig fügen sich die Tiere in ihr neues Dasein bei Longridge ein, akzeptieren aber schließlich, dass er sich um sie kümmert.

Als sie jedoch mitbekommen, wie er sich zu einer merhwöchigen Entenjagd rüstet und zu diesem Zweck seine Koffer packt, ahnen sie offensichtlich, dass sie erneut verlassen werden sollen. Kaum ist das Auto von Longridge außer Sicht, machen sie sich auf den Weg in ihre alte Heimat. Die Haushälterin, Frau Oakes, die sich um die Tiere in Lognridges Abwesenheit kümmern soll, vermutet, dieser habe die drei in letzer Minute mitgenommen und denkt sich nichts dabei, während die beiden Hunde und die Katze ihren Marsch Richtung Westen beginnen.

Der Erzählton der Geschichte ist gewöhnungsbedürftig. Da Sheila Burnford nicht vorhatte, die Tiere zu vermenschlichen und sie mit Gedanken auszustatten, blieb ihr nichts anderes als eine distanzierte, auktoriale Beschreibung der Ereignisse. Diese Distanzierung geht so weit, dass selbst die Namen der drei Tiere erst relativ spät mitgeteilt werden und lange nur vom Bullterrier, dem Labrador und der Siamkatze die Rede ist. So fällt es einigermaßen schwer, sich in die Tiere bei ihren diversen Abenteuer hineinzuversetzen. Damit umschifft Burnford allerdings auch galant die Frage, wie es den Dreien gelingt, ihren Weg zu finden.


Die beiden Verfilmungen des Romans von 1963 und 1993 habe ich nicht gesehen, entnehme jedoch den Beschreibungen der Filme, dass dort die Tiere miteinander reden, also ein ganz anderer Zugang zu ihren Emotionen und Gedanken gewährt wird. Insofern wundert es mich nicht, wenn etliche Leserrezensionen im Netz enttäuscht auf das Buch reagieren und es sogar als langweilig bezeichnen. Mich erinnert das an meine erste Lektüre von Waldemar Bonsels Die Biene Maja und ihre Abenteuer, nachdem ich durch die Zeichentrickserie auf dieses Buch aufmerksam geworden war. Auch dort ist der Erzählton deutlich langsamer, die Geschichten weniger auf Spannung getrimmt als im Film, was mich damals maßlos enttäuschte.

Die unglaubliche Reise hingegen hat mich zwar auch ein paar Seiten Geduld gekostet, bis ich mich eingelesen hatte. Dann jedoch war ich in der Geschichte angekommen und habe das Buch an einem Nachmittag durchgelesen, was bei 108 Seiten und vielen ganzseitigen Bildern kein großes Problem darstellt. Der Roman ist nicht speziell für Kinder geschrieben, scheint es mir, und von der Wortwahl wahrscheinlich an etlichen Stellen erklärungsbedürftig für Jüngere. Auch kann ich mir vorstellen, dass kleinere Kinder zu stark Anteil am Schicksal der Tiere nehmen: Mehr als einmal scheint es, dass einer der drei Reisenden zu Tode gekommen ist und Luath leidet im Verlauf des Romans aufgrund einer missglückten Begegnung mit einem Stachelschwein immer stärker an einer Entzündung, die ihn schließlich kaum noch das Maul öffnen lässt.

Ich gehöre zu den Leuten, die gelegentlich bei Filmen weinen. Bei Büchern passiert mir das fast nie. Das Ende der "unglaublichen Reise" hat mich hingegen zu Tränen gerührt, auch wenn es letztlich vorhersehbar war. Dass es Sheila Burnford trotz ihres distanzierten Erzähltons gelingt, so nahe an die Emotionen des Lesers heranzukommen, scheint mir ihre große Stärke zu sein. Von daher kann ich den Roman allen Tierliebhabern empfehlen.

Titel Die unglaubliche Reise : 2 Hunde u. 1 Kater wandern durch d. Wildnis / Sheila Burnford. Zeichn. von Gunter Böhmer. [Aus d. Engl. von Micheline Maurits]
Person(en) Burnford, Sheila
Ausgabe 33.-37. Tsd.
Verleger Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verlag
Erscheinungsjahr 1983
Umfang/Format 106 S. : Ill. ; 18 cm
Gesamttitel [Fischer-Bücherei] ; 1657
Einheitssachtitel The incredible journey ‹dt.›
Anmerkungen Lizenz d. Verl. S. Fischer, Frankfurt am Main
ISBN/Einband/Preis 3-596-21657-5
Katalog-Linkhttp://www.shakespeare-and-more.com/catalog/sheila-burnford-die-unglaubliche-reise-p-2008.html




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