Mittwoch, Mai 30, 2012

SWR Bestenliste Juni 2012

In der SWR Bestenliste zeichnet sich im Juni ein Trend ab, der bei den Verlagen schon länger zu beobachten ist: Immer häufiger werden Titel neu aufgelegt, die lange Zeit vergessen waren und deren Autoren häufig schon tot sind. So tummeln sich im Juni 2012 August Strindberg neben Jack Kerouac, Alan Ginsberg, Janet Frame und Virginia Wolf neben neuen höchst produktiven Autoren.

Sie kennen das Spiel: 30 Literaturkritikerinnen und -kritiker nennen monatlich - in freier Auswahl - vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie „möglichst viele Leser und Leserinnen“ wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3). Die Addition ergab für den Juni folgendes Resultat (in Klammern die Position der Mai-Bestenliste).

Wie immer wird die SWR Bestenliste von mir ergänzt um die vollständigen bibliografischen Angaben, durch Links zu Lese- und ggf. Hörproben und zu parallelen Ausgaben (eBooks und Hörbücher) - sowie um die etwas aussagekräftigeren Verlagsangaben zum Inhalt.

Platz 1 (-) 60 Punkte

RALF ROTHMANN: Shakespeares Hühner


In einer der neuen Erzählungen Ralf Rothmanns denkt Fritzi, eine junge Gitarristin, über William Shakespeare nach und findet: »Verglichen mit den Sorgen und Nöten seiner finsteren Gestalten sind wir eigentlich nur Hühner oder? Shakespeares Hühner. Wir machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram – Prüfungen, Lockenstäbe, Handymarken, Geld –, und wissen insgeheim doch alle, dass es nicht das Wahre ist. Dass nichts das Wahre sein kann hinterm Hühnerdraht.«
Dramatische oder auch beglückende Wendepunkte im Leben schildert dieses Buch, dessen Sprache durch eine magische Genauigkeit besticht, und ob wir nun vom Selbstbetrug eines sterbenden Stasi-Beamten, von einer missratenen Orgie an der Ostsee, vom Wiedererwachen einer Liebe in einem japanischen Kloster oder vom Gedächtnis des Schnees hören: »Es ist ja nicht dieser oder jener Zustand, der das Leben ausmacht«, sagt Fritzi. »Es sind die Übergänge, wie in der Musik. Manchmal denke ich, sogar der Tod ist nur ein Akkordwechsel.«

Ralf Rothmann, der unangefochtene Meister der langen wie der kurzen Prosa, hat Erzählungen geschrieben, deren Realismus von der Sehnsucht nach dem Unvermuteten befeuert wird, voller Humor und Empathie. Und deren Nachhall verändert.

Titel Shakespeares Hühner : Erzählungen / Ralf Rothmann
Person(en) Rothmann, Ralf
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Berlin : Suhrkamp
Erscheinungstermin 16. April 2012
Umfang/Format 211 S. ; 21 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-518-42248-9 Gewebe : EUR 19.95 (DE), EUR 20.60 (AT), sfr 31.50 (freier Pr.)
3-518-42248-0
Bestellnummer(n) 42248
EAN 9783518422489
Parallele Ausgabe(n) Buch
Kindle eBook
Leseprobe suhrkamp.de
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) leichtere Lektüre

Platz 2 (-) 52 Punkte

DAVID VANN: Die Unermesslichkeit


Gary und Irene wollen sich ein letztes Mal zusammenraufen, ihre verkorkste Ehe retten, nicht jeder für sich zugrunde gehen. Gary hatte einst einen Traum: Sie lebten in einer einfachen Holzhütte auf Caribou Island, einer kleinen Insel vor Alaska, sie waren glücklich, die Schrecken der Vergangenheit hatten sie hinter sich gelassen. Während eines Unwetters machen sie sich auf den Weg.
Schon kurz nach ihrer Ankunft packt Irene die Angst. Sie sind schlecht vorbereitet, um sie herum ragt die Wildnis, gewaltig, unbarmherzig und von undurchdringlicher Schönheit. Als der Winter kommt, treibt die Einsamkeit der Insel das Paar immer weiter auseinander, Beklemmung stürzt um in Wut. Auch ihre Tochter Rhoda, die mit ihrem eigenen Leben, ihrer eigenen Beziehung alle Hände voll zu tun hat, vermag die beiden nicht zu beruhigen. Hingebungsvoll, aber hilflos muss sie vom Festland aus zusehen, wie ihre Eltern sich langsam, aber sicher zerfleischen.

Die Unermesslichkeit erzählt eine dunkle, wahrhaftige Geschichte von den Kämpfen zwischen Mann und Frau – ein packendes Meisterwerk über die letzte Gewissheit, dass wir uns selbst nicht entrinnen können.

David Vann ist "Tragödiendichter in Naturburschengestalt" (Felicitas von Lovenberg).

Titel Die Unermesslichkeit: Roman / David Vann. Aus dem amerikan. Engl. von Miriam Mandelkow
Person(en) Vann, David ; Mandelkow, Miriam [Übers.]
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Berlin : Suhrkamp
Erscheinungstermin 2. April 2012
Umfang/Format 351 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel Caribou island ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-518-42296-0 Pp. : EUR 22.95 (DE), ca. EUR 23.60 (AT), ca. sfr 32.90 (freier Pr.)
3-518-42296-0
Bestellnummer(n) 42296
EAN 9783518422960
Parallele Ausgabe(n) Buch
Kindle eBook
Hörbuch
Leseprobe suhrkamp.de
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) leichtere Lektüre

Platz 3 (-) 44 Punkte

AUGUST STRINDBERG: Das Rote Zimmer


Schilderungen des Lebens als Künstler und Schriftsteller - Mit diesem Buch rettete sich Strindberg aus der Pleite.

Zum 100. Todestag August Strindbergs. - Sein durchschlagender erster Romanerfolg in neuer Übersetzung

«Der ungeheure Strindberg. Diese Wut, diese im Faustkampf erworbenen Seiten», rühmte Franz Kafka die satirische Schlagkraft des schwedischen Klassikers. Mit beißendem Humor zeichnet dieser im «Roten Zimmer» ein Panoptikum amüsanter Karikaturen und entlarvt Besitzgier, Geltungssucht und Opportunismus einer durch und durch verlogenen Gesellschaft.

Stockholm, um 1870: Arvid Falk, ein gutgläubiger junger Mann, beendet sein als nutzlos empfundenes Beamtendasein. Als Journalist und Schriftsteller will er fortan Wahrheit und Fortschritt dienen. Doch wohin der Sinnsuchende sich auch wendet, er trifft auf Machtdünkel und Manipulation: Ein Verleger erkauft sich seine Erfolge bei den Kritikern, bigotte Bürgersfrauen verlangen wohlgefällige Almosenempfänger, Zeitungen, egal welcher Couleur, sind den Mächtigen hörig. Auf Gleichgesinnte trifft Arvid in einem Künstlerkreis, der im „Roten Zimmer” eines berühmten Restaurants zusammenkommt. Aber hier unterliegen die hehren Absichten nur allzu oft den knurrenden Mägen.

August Strindberg schildert die Desillusionierung eines Idealisten. Seine scharfe Beobachtungsgabe, die ironische Zuspitzung weisen weit über die Epoche hinaus.

Titel Das Rote Zimmer: Schilderungen des Lebens als Künstler und Schriftsteller ; Roman / August Strindberg. Aus dem Schwed. übers. von Renate Bleibtreu. Nachw. von Peter Henning
Person(en) Strindberg, August [14.05.1912] ; Bleibtreu, Renate [Übers.]
Verleger Zürich : Manesse-Verl.
Erscheinungstermin 6. März 2012
Umfang/Format 570 S. ; 16 cm
Gesamttitel Manesse-Bibliothek der Weltliteratur
Einheitssachtitel Röda rummet ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-7175-2238-6 Gewebe : ca. EUR 24.95, sfr 35.50
Leseprobe randomhouse.de
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre

Platz 4 - 5 (-) 35 Punkte

THOMAS KAPIELSKI: Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen


Da der Verlag sich in seiner Ankündigung hinter ein nichtssagendes: "Kapielski ist Kapielski" in nicht enden wollenden Wiederholungen zurückzieht, an dieser Stelle keine Inhaltsangabe. Nur ein Ahnen, dass es einen Grund geben muss für diese 35 Punkte der SWR-Jury. Statt dessen zwei Zitate:

»Kapielski pflegt das barocke Pathos dessen, der weiß, dass es kein richtiges Leben in Flaschen gibt … Wir verneigen uns tief vor diesem Mann, seinem Humor, seinen Raunzereien, seinen Kirchen- und Seemannsliedern in Prosa.« Jürgen Kaube, Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Draußen wich finsteres Grau bläulichem; dann brach über der Traufe ein Streifen scharlachkranke Erdbeerfarbe auf." - Auch so kann man einen Sonnenaufgang am Flughafen Tegel beschreiben. Aber wahrscheinlich nur, wenn man Thomas Kapielski heißt.

Titel Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen/ Thomas Kapielski
Person(en) Kapielski, Thomas
Ausgabe Orig.-Ausg., 1. Aufl.
Verleger Berlin : Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 212 S. : Ill. ; 18 cm
Gesamttitel Edition Suhrkamp ; 2680
ISBN/Einband/Preis 978-3-518-12680-6 kart. : EUR 14.00 (DE)
3-518-12680-6
Bestellnummer(n) 12680
EAN 9783518126806
Parallele Ausgabe(n) Buch
Kindle eBook
Leseprobe suhrkamp.de
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre

Platz 4 - 5 (-) 35 Punkte

DEA LOHER: Bugatti taucht auf


Dea Lohers Roman nimmt Existenzielles in den Blick, er fragt nach dem Sinn des Lebens angesichts eines vollkommen sinnlosen Todes und findet Bilder von großer Eindringlichkeit.

Zwei Handlungskreise verknüpft Dea Loher miteinander, denen beiden reale Begebenheiten zugrunde liegen: Ein junger Mann wird während der Fasnacht 2008 in Locarno von einer Gruppe Jugendlicher geschlagen, getreten und schließlich umgebracht. Aber je minutiöser die Rekonstruktion der Tat aus dem Puzzle der Zeugenaussagen versucht wird, umso schillernder und unschärfer wird, was wirklich (und warum) geschehen ist. Die oder den Schuldigen zu finden ist trotz der klaren Beweislage schwieriger als gedacht, und gesühnt ist die Tat damit bestenfalls ansatzweise.

Ein Freund der Familie des Opfers sucht einen anderen Weg: Er erinnert sich an ein Autowrack, das seit 75 Jahren auf dem Grund des Lago Maggiore liegt: Ein Bugatti Brescia 22. So sagt man wenigstens. Alle bisherigen Versuche der Bergung waren nicht von Erfolg gekrönt. Und nun wird das Tauchen in die Tiefen auch der eigenen Abgründe ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang.

"Eine erstaunliche Parallelgeschichte aus dem Geist des alten Europa mit einem exquisiten Sinn für die absurden, komischen und exzessiven Seiten des Lebens". (Iris Radisch)

Titel Bugatti taucht auf: Roman / Dea Loher
Person(en) Loher, Dea
Verleger Göttingen : Wallstein-Verl.
Erscheinungsjahr März 2012
Umfang/Format 206 S. ; 21 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-8353-1054-4 Pp. : EUR 19.90 (DE), EUR 20.50 (AT), sfr 28.90 (freier Pr.)
EAN 9783835310544
Parallele Ausgabe(n) Buch
eBook (PDF oder EPUB Format)
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre

Platz 6 (-) 33 Punkte

IVAN KLÍMA: Stunde der Stille


Ivan Klímas "Stunde der Stille" ist sein erster Roman, ein in Deutschland unbekannter Schlüsselroman, der nach seinem Erscheinen in Prag 1963 schnell vergriffen war und dann der Zensur zum Opfer fiel.

Da ist der idealistische Landvermesser und Ingenieur Martin Petr, der aus Prag in die ferne Ostslowakei geht, um Bauern und Dörfer vor Überschwemmungen zu retten. Da ist Pavel, ein junger Mann, der den Älteren gern zuhört und schnell lernt; oder der Partisan Smoljak, der nach dem Verräter sucht, der seine ganze Familie den Nazis ausgeliefert hat (das war der sehr fromme Pfarrer); der pazifistische Holzfäller, der aus Kanada zurückgekommen ist und im Dorf als "Arzt" sowohl für Menschen wie für Tiere zuständig ist, aber bald verhaftet wird; es sind Frauen, die endlich aus den bäuerlichen Traditionen ausbrechen wollen; es sind (zu Recht) misstrauische und sture Bauern, die Agitatoren mit Knüppeln vom Hof treiben; stalinistische und korrupte Funktionäre, die mit allen Mitteln ihre Macht sichern; es sind Säufer, Marodeure, versprengte Soldaten ein wildes Panoptikum unterschiedlichster Biographien und Interessen, das sich aber im Laufe des Romans zu einer einzigen und unausweichlichen Erkenntnis bündelt.

Der Roman basiert auf einer langen Recherche für einen Spielfilm, den Klíma über die Entwicklung des Sozialismus in der Ostslowakei, einer völlig unterentwickelten, armen und weithin unbekannten Region zwischen Polen, der Ukraine und Ungarn, mitgestalten sollte. Der Film durfte nicht produziert werden, seine Notizen und Erlebnisse verarbeitete Klíma zu einem Roman, der die Zeit vom Kriegsende bis Anfang der fünfziger Jahre umspannt.

Titel Stunde der Stille: Roman / Ivan Klíma. Aus dem Tschech. übers. von Maria Hammerich-Maier
Person(en) Klíma, Ivan ; Hammerich-Maier, Maria [Übers.]
Verleger Berlin : Transit
Erscheinungstermin 28. Februar 2012
Umfang/Format 253 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel Hodina ticha ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-88747-268-9 Pp. : EUR 19.80 (DE), EUR 20.40 (AT), sfr 28.90 (freier Pr.)
EAN 9783887472689
Schlagwörter Ostslowakisches Gebiet ; Politische Einstellung ; Sozialismus ; Geschichte 1945-1957 ; Belletristische Darstellung
Leseprobe libreka.de
Video-Lesung auf youtube.com
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre


Platz 7 - 8 (-) 30 Punkte

GERBRAND BAKKER: Der Umweg


An klaren Tagen kann man in der Ferne das Meer sehen, und auf den verwunschenen Wegen rings um das alte walisische Farmhaus ist lange niemand mehr gewandert. Es ist ein schöner Flecken Erde, den Agnes sich als Versteck ausgesucht hat. Die Gedanken an das, was sie von Amsterdam vertrieben hat, ihr ahnungsloser Mann, der junge Student, vor allem aber die verstörende Angst vor dem Kommenden, lassen sich so leichter im Zaum halten. Nur manchmal wird ihr alles zuviel: dass der Fuchs sich eine Gans nach der andern holt oder dass der grobe Nachbarsfarmer schon morgens um neun in Socken vor ihr sitzt.

Da nistet sich eines Tages der junge Bradwen bei ihr ein. Ähnlich wie Agnes gibt er kaum etwas über seine Vergangenheit preis. Und Agnes, die nicht mit dem Rauchen aufhört, weil sie sich dafür zu krank fühlt, stellt fest: Vorsicht und Zurückhaltung sind nur etwas für die Gesunden.

Der Roman von Gerbrand Bakker, dem "Meister der Andeutungen" (KulturSPIEGEL), bringt uns eine Frau nahe, die in auswegloser Situation Stärke zeigt und beschlossen hat, auf Umwege zu verzichten. Sacht und selbstverständlich geht er unter die Haut, und die Töne, die er anschlägt, hallen lange nach.

Titel Der Umweg : Roman / Gerbrand Bakker. Aus dem Niederländ. von Andreas Ecke
Person(en) Bakker, Gerbrand ; Ecke, Andreas [Übers.]
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Berlin : Suhrkamp
Erscheinungstermin 12. März 2012
Umfang/Format 228 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel De omweg ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-518-42288-5 Pp. : EUR 19.95 (DE), EUR 20.60 (AT), sfr 28.50 (freier Pr.)
3-518-42288-X
Bestellnummer(n) 42288
EAN 9783518422885
Schlagwörter Weibliche Kranke ; Trennung ; Ehemann ; Selbstmord ; Belletristische Darstellung
Parallele Ausgabe(n) Buch
Kindle eBook
Hörbuch
Leseprobe bic-media.com
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre

Platz 7 - 8 (-) 30 Punkte

JANET FRAME: Wenn Eulen schrein


Janet Frames erster Roman von 1957, der ihren literarischen Ruhm begründete und von den Heimsuchungen einer neuseeländischen Eisenbahnarbeiter-Familie erzählt, wird nach dem großen Erfolg ihres nachgelassenen Romans "Dem neuen Sommer entgegen" in einer überarbeiteten Übersetzung neu vorgelegt.

Die Familie des Eisenbahners Bob Withers in der Kleinstadt Waimaru wird von Unglück und Krankheit geplagt: Eine Tochter, Francie, stirbt durch einen tragischen Unfall, eine andere, Daphne, erkrankt psychisch so schwer, dass sie in eine Heilanstalt eingewiesen werden muss, ihr Bruder Toby hat epileptische Anfälle.

Hinter dem Drama der Familie werden aber auch gesellschaftliche Konflikte sichtbar: Kann man im ganz anders gearteten Kosmos Neuseelands einfach die Werte und Bildungsstandards des weißen Europa vermitteln, ohne Rücksicht auf die angestammte Kultur?

Vor allem die grandiose, poetische Sprache dieses Romans, seine Fähigkeit, besonders in die Gedanken- und Wahnwelt Daphnes einzudringen, seine menschliche Feinfühligkeit und erzählerische Objektivität machen ihn zu einem Meisterwerk der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Titel Wenn Eulen schrein
: Roman / Janet Frame. Aus dem Engl. von Ruth Malchow. Neu bearb. von Karen Nölle
Person(en) Frame, Janet ; Malchow-Huth, Ruth [Übers.] ; Nölle, Karen [Bearb.]
Verleger München : Beck
Erscheinungstermin 8. Februar 2012
Umfang/Format 286 S. ; 21 cm
Einheitssachtitel Owls do cry ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-406-63001-9 Pp. : EUR 19.95
3-406-63001-4
EAN 9783406630019
Schlagwörter Neuseeland ; Familie ; Armut ; Belletristische Darstellung
Neuseeland ; Mädchen ; Psychose ; Hirnchirurgie ; Belletristische Darstellung
Leseprobe chbeck.de
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre

Platz 9 (-) 27 Punkte

JACK KEROUAC und ALLEN GINSBERG: Ruhm tötet alles


Es ist nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass die Briefe, in denen sich die großen Helden der Beat-Literatur, Kerouac und Ginsberg, ausgetauscht haben, noch erhalten sind. Allein der Umfang der Korrespondenz ist bemerkenswert; außergewöhnlich aber ist die Intimität und Ausdauer: Der Briefwechsel beginnt kurz nach Kerouacs und Ginsbergs erstem Treffen 1944 und dauert bis zu Kerouacs Tod im Jahr 1969 an. Beide Männer hatten sich mit Haut und Haar der Literatur verschrieben, und ihre Briefe waren der Ort, wo heftig diskutiert wurde. Sie empfehlen sich Bücher, verreißen Autoren, tauschen Gedichte aus und kritisieren sich schonungslos. ( "Ihr seid ein Haufen unbedeutender Literatur-Egomanen!", schreibt Kerouac an Ginsberg 1952).

Pathos und Wahnsinn, Hass und Liebe, Poesie und Sehnsucht sprechen aus ihren Zeilen genauso wie scharfer Verstand, leise Ironie und schneidender Zynismus. Als leidenschaftliche Selbstporträts sind diese Briefe eine unschätzbare Ergänzung des Gesamtwerks von Kerouac und Ginsberg.

Titel Ruhm tötet alles : Die Briefe / Jack Kerouac ; Allen Ginsberg
Person(en) Kerouac, Jack ; Ginsberg, Allen ; Morgan, Bill [Hrsg.] ; Stanford, David [Hrsg.]
Ausgabe 1., neue Ausg.
Verleger Berlin : Rogner & Bernhard
Erscheinungstermin Mai 2012
Umfang/Format 400 S. ; 227 mm x 150 mm
ISBN/Einband/Preis 978-3-9540300-1-9 Gb. : EUR 22.95 (DE), EUR 23.60 (AT), sfr 32.90 (freier Pr.)
EAN 9783954030019
Leseprobe rogner-bernhard.de
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre

Platz 10 (-) 25 Punkte

VIRGINIA WOOLF: Augenblicke des Daseins


Die Kunst des Erinnerns: Fünf hinreißende und bewegende Skizzen aus einem schwierigen Leben

Neben ihren Tagebüchern und Briefen hat Virginia Woolf einige Memoiren hinterlassen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Den ersten dieser Texte schrieb sie mit 26 Jahren, lange bevor sie als Schriftstellerin hervortrat; an dem letzten arbeitete sie bis wenige Monate vor ihrem Tod. Mit fast analytischer Genauigkeit hält sie den Zauber, aber auch die Schrecken und Abgründe ihrer Kindheit fest. Sie berichtet von der allmählichen Befreiung aus der Enge ihres viktorianisch-prüden Elternhauses und von den Anfängen der legendären "Bloomsbury Group". Nicht ohne Witz und Ironie schildert sie diesen unkonventionellen Freundeskreis aus Künstlern und Schriftstellern, der ihr Denken und Schreiben entscheidend mit beeinflusst hat.

Titel Augenblicke des Daseins: Autobiographische Skizzen : autobiographische Skizzen / Virginia Woolf. Dt. von Brigitte Walitzek
Person(en) Woolf, Virginia [28.03.1941] ; Walitzek, Brigitte [Übers.]
Verleger Frankfurt, M. : S. Fischer
Erscheinungstermin 2. März 2012
Umfang/Format XVI, 251 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel Moments of being ‹dt.›
ISBN/Einband/Preis 978-3-10-092522-0 Gewebe : EUR 26.00 (DE)
3-10-092522-X
EAN 9783100925220
Schlagwörter Woolf, Virginia ; Autobiographie
Schwierigkeitsgrad (vermutlich) mittelschwere Lektüre

Persönliche Empfehlung
Im Juni von Elke Schmitter (Berlin):

HELON HABILA: Öl auf Wasser


Port Harcourt, Nigeria, im Delta des Niger. Eine Frau verschwindet.

Dies wäre keine Nachricht in den Medien wert, handelte es sich nicht um eine Britin, die Ehefrau eines hochrangigen Mitarbeiters einer ausländischen Ölgesellschaft, die im Delta und vor der Küste Öl bohren. Die Entführung ist offensichtlich das Werk einer Rebellengruppe, die gegen die Ölgesellschaften kämpfen, die das Land ausbeuten und zerstören. Als eine Lösegeldforderung eingeht, wittert der junge Journalist Rufus die Chance zu einer großen Story und macht sich mit dem gealterten Starreporter Zaq auf die Suche nach der Entführten.

Es wird eine Reise ins Delta des Nigers hinein, ins Herz der Finsternis , in eine apokalyptische Welt. Mit wachsendem Entsetzen nimmt Rufus die Zerstörung der Umwelt wahr, die Eskalation der Gewalt, die je eigenen Profitinteressen, die die widerstreitenden Kräfte Ölgesellschaften, Polizei und Armee, Politiker und lokale Würdenträger auf der einen Seite, die Rebellen mit ihren Sympathisanten auf der anderen in den Auseinandersetzungen verfolgen, die Entmenschlichung auf beiden Seiten der Front.

Opfer sind in jedem Fall die einfachen Menschen, Fischer zumeist, die im Delta des Flusses leben. Sie haben nicht die Mittel, sich zur Wehr zu setzen, ihre Dorfgemeinschaften werden zwischen den Fronten zerrieben, sie verlieren ihre Lebensgrundlage, werden vertrieben, müssen fortziehen, hin zur großen Stadt, an deren Rand sie stranden.Hoffnung vermittelt einzig ein Dorf auf der kleinen Insel Irikefe, das einen humanistischen, egalitären Gegenentwurf lebt, ähnlich dem, den Wole Soyinka in Zeit der Gesetzlosigkeit beschreibt: im Einklang mit der Natur, ihren Rhythmen und Gesetzen folgend.

Hier findet Rufus nach einem Brand körperlich und seelisch schwer verletzte Schwester Boma Ruhe, hier findet Rufus eine Liebe, hier schließt Zaq seinen Frieden Doch auch hier ist nicht alles so, wie es scheint. Wie überhaupt nichts so ist, wie es an der Oberfläche aussieht. Das Grab der Britin ist leer. Nur ein Stein ist darin begraben Öl auf Wasser ist Bildungsroman und Umweltkrimi zugleich, Politthriller und anrührende Liebesgeschichte.

"Auf der Suche nach der großen Story gerät ein nigerianischer Journalist in die brutale Unübersichtlichkeit der afrikanischen Gegenwart: Rebellentruppen, Ölkonzerne, Fischer im Nigerdelta und lokale Politiker kämpfen mit ungleichen Waffen. Habilas Sprache ist reich und präzise, seine Geschichte spannungsgeladen, berührend und klug erzählt. Ein aufklärender Roman in der Tradition Graham Greenes." (Elke Schmitter)

Titel Öl auf Wasser : Roman / Helon Habila
Person(en) Habila, Helon ; Brückner, Thomas [Übers.] ; Wussow, Indra [Hrsg.]
Ausgabe 1., neue Ausg.
Verleger Heidelberg, Neckar : Das Wunderhorn
Erscheinungstermin 20. April 2012
Umfang/Format 240 S.
Gesamttitel AfrikAWunderhorn
ISBN/Einband/Preis 978-3-88423-391-7 Gb. : EUR 24.80 (DE), EUR 25.50 (AT)
3-88423-391-2
EAN 9783884233917
Leseprobe issuu.com

Quelle: www.swr.de/bestenliste

Mittwoch, Mai 23, 2012

10 Tipps von Neil Gaiman

Neil Gaiman, der zu einem der zehn wichtigsten postmodernen Autoren Amerikas zählt, ging nie auf ein College. Weder hat er ein Fachstudium begonnen, noch eins beendet, sondern ist ins kalte Wasser gesprungen und hat angefangen zu schreiben. Und das mit Enthusiasmus. Er gehört heute zu den Autoren, die regelmäßig in der Bestenliste der New York Times auftauchen. Seine Romane Anansi Boys, American Gods und Niemalsland sind auf Deutsch bei Heyne erschienen. 2009 war er der Gewinner der Newbery Medaille und 2010 gewann er die Carnegie Medaille in Literatur. Nun wurde er eingeladen, die Rede für die Graduierten der Kunsthochschule in Philadelphia zu halten. In der Rede, die als Video online steht, erzählt er der Abschlussklasse all jene Dinge, die er in ihrem Alter gern gewusst hätte. Die Rede dauert 19 Minuten. Hier die wichtigsten Erkenntnisse daraus:
  1. Genieß die Tatsache, dass du jung bist. Akzeptiere, das du nicht weißt, was du tust. Und höre auf niemanden, der dir von Regeln und Grenzen erzählt.
  2. Wenn du weißt, in welche Richtung es dich zieht, gehe dorthin. Bleib auf dem Weg. Höre nie auf, dich in diese Richtung zu bewegen, auch wenn der Weg länger dauert als angenommen und Opfer fordert.
  3. Lerne, Fehler zu akzeptieren. Mach dir klar, dass Dinge verkehrt laufen werden. Wenn Dinge dann gut laufen, wirst du dir wahrscheinlich wie ein Hochstapler vorkommen. Das ist normal.
  4. Mache Fehler, ruhmvolle und bombige Fehler. Sie zeigen, dass du dabei bist, Dinge zu tun und auszuprobieren.
  5. Wenn das Leben kompliziert wird - und es wird unausweichlich schwierig werden -, mache gute Kunst. Mach einfach gute Kunst.
  6. Mach deine eigene Kunst, also jene Art Kunst, die deine Individualität und deine persönliche Vision spiegelt.
  7. Nun ein praktischer Tipp: Du wirst Aufträge bekommen, wenn deine Arbeit gut ist, wenn du einfach im Umgang bist und dich an Abgabetermine hältst. Tatsächlich brauchst du nicht alle drei Regeln einzuhalten. Zwei reichen.
  8. Genieß den Flug, ärgere dich nicht die ganze Zeit über. Stephen King gab mir diesen Rat vor Jahren.
  9. Sei weise und bringe Dinge in deiner Laufbahn zu Ende. Wenn du Probleme damit hast, eine Idee umzusetzen, stell dir einfach vor, du seist jemand Weises, der Dinge getan bekommt. Das wird dir helfen voranzukommen.
  10. Lass die Welt interessanter zurück, als sie vor dir war.



Quelle: www.openculture.com/2012/05/neil_gaiman_offers_graduates_10_essential_tips_for_working_in_the_arts.html

    Mittwoch, Mai 16, 2012

    Tess Gerritsen: Der Meister

    Von der ersten Zeile des Romans "Der Meister" von Tess Gerritsen wird klar, worum es geht: „Heute habe ich einen Mann sterben sehen“, heißt es zu Beginn des Prologs. In langen Ausschweifungen gibt der Ich-Erzähler Warren Hoyt kund, wie sehr er diesen Augenblick genießt. Als ehemaliger Chirurg, der sich mittlerweile im Gefängnis befindet, läuft er zu dem Schwerverletzten, betrachtet ausgiebig dessen Wunde und ergötzt sich daran. Mit jedem Satz, den er von sich gibt, erinnert er mehr an Thomas Harris‘ Figur des Hannibal Lecter. Intelligent, abgrundtief böse, mit überausgeprägtem Geruchssinn.

    Die Szene wechselt. Wir begegnen der Heldin des Romans, in einer Art zweiten Prolog. Denn das Rätsel, vor dem Detective Jane Rizzoli vom Bostoner Police Department steht, hat mit dem eigentlichen Fall nichts zu tun. Vor ihr auf der Straße liegt eine Leiche. Die Eingeweide finden sich in einem Umkreis von etlichen Metern. Während die Anwohner von einem Verkehrsunfall faseln, ohne jedoch ein Auto gesehen zu haben, setzt Rizzoli die Indizien zusammen und geriert sich so als Nachfolgerin von Sherlock Holmes. Klug, unbeirrt, konsequent logisch. Auch wenn das Ergebnis ihrer Überlegungen von der Konstruktion her ein wenig an die urbane Legende vom Taucher im Wald erinnert.

    Neu ist wenig an diesem Roman. Er ist die konsequente Fortsetzung ihres Erfolgsbuches Die Chirurgin, mit dem sich Tess Gerritsen 2004 ihre deutsche Fangemeinde ausgebaut und die neue Serienfigur Jane Rizzoli eingeführt hat. Nicht nur die Heldin, auch der Antagonist ist identisch mit dem Vorgängerroman, und wenn sie gleich an den ersten Tatort ihres neuen Falles gerufen wird, erinnert sie alles an Warren Hoyt, den Chirurgen aus Teil 1 der neuen Reihe. Natürlich glaubt ihr niemand. Ihre Vorgesetzten werden ihr nahelegen, sich therapeutische Hilfe zu suchen. Aber wie es das Klischee will, wird sie recht behalten.

    Zumindest ein wenig. Denn so sehr sich Der Meister inhaltlich an Die Chirurgin anlehnt, die Auflösung wirkt dann doch ein wenig konstruiert. Und die Rolle Hoyts, das muss er selbst zugeben, ist nicht so groß, wie zeitweilig vermutet wird. Aber das ist nahezu nebensächlich. Der Schwerpunkt des Interesses liegt auf den spannenden Ermittlungsschritten der Forensiker, auf UV-Lampen und Spektrallichtern. Geschrieben für die Fangemeinde der US-amerikanischen TV-Krimiserie „C.S.I.“

    Wie es sich für einen Thriller gehört, gerät Rizzoli zunehmend selbst ins Visier des Verbrechers und muss am Ende um ihr Leben kämpfen. Ich verrate hier kein Geheimnis. Tess Gerritsen versucht keinen Moment lang, das Plotmodell des erfolgreichen Kriminalromans zu sprengen. Sogar ein Liebesobjekt fügt sie der Geschichte bei. Für die weibliche Leserschaft muss das so sein. Ein wenig holprig und sprunghaft mag diese Liebe daherkommen. Wen stört das?

    Manche Szenen des Romans entbehren nicht einer gewissen Qualität. Da taucht unvermutet der FBI-Agent Gabriel Dean in Jane Rizzolis Wohnung auf. Etwas in ihr warnt sie, den Mann nicht hereinzulassen. Natürlich öffnet sie ihm dennoch die Tür - und Gerritsen spielt nun gekonnt mit der Erwartungshaltung des Lesers. Ist Dean der unbekannte Gehilfe Hoyts? Wird er Rizzoli gleich mittels Teaser lahmlegen? Ärgerlich nur, wie der hübsche Detective im vollen Bewusstsein der Gefahr alle Aktionen Deans konsequent naiv uminterpretiert. Die junge Frau mit dem logischen Vermögen eines Sherlock Holmes wechselt mal eben in die Rolle des unschuldigen Frauchens, weil es dem Spannungsbogen dient.

    Das scheint mir ohnehin die Crux dieses Bandes zu sein: Ich glaube der Hauptfigur einfach nicht. Sie mag eine Koryphäe im Bereich der Forensik sein, privat erscheint sie mir zu blass. Daran ändern weder ihre Vorahnungen etwas, noch ihre Angst, ihre Liebe oder die im letzten Teil des Romans gelegentlich eingestreuten Jugenderinnerungen. Jane Rizzoli hangelt sich von Hinweis zu Hinweis,  von Tatort zu Tatort. Aber als eigenständige Figur bietet sie wenig. Vielleicht führt das dazu, dass ihre Liebesbeziehung in der zweiten Hälfte des Buches so sprunghaft aufzuflammen scheint.

    Es spricht für Tess Gerritsen, dass sich auch Der Meister in einem Rutsch durchlesen lässt. Befreit von Ecken und Kanten zeigt der Roman solides Handwerk und befindet sich technisch gesehen auf der Höhe der Zeit. Für Autoren, die an einem Thriller Plotstrukturen studieren wollen, ist das Buch nicht zu anspruchsvolles Arbeitsmaterial. Und für Thrillerfans, die Serienfiguren lieben, ist Jane Rizzoli eine austauschbare, aber nicht unsympathische Protagonistin. Schade nur, dass Gerritsen nicht wagt, neue Wege zu beschreiten.

    Titel Der Meister : Roman / Tess Gerritsen. Aus dem Amerikan. von Andreas Jäger
    Person(en) Gerritsen, Tess
    Ausgabe Taschenbuchausg., 1. Aufl.
    Verleger [München] : Blanvalet
    Erscheinungstermin 8. August 2005
    Umfang/Format 412 S. ; 19 cm
    Gesamttitel Blanvalet ; 36284
    Einheitssachtitel The apprentice ‹dt.›
    ISBN/Einband/Preis 3-442-36284-9 kart. : EUR 8.95
    EAN 9783442362844
    Parallele Ausgabe(n) Hardcover
    Taschenbuch
    (Ungekürztes) Hörbuch
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