Dienstag, Juli 31, 2012

M. E. Kerr: Rettet die Zärtlichkeit

Rettet die Zärtlichkeit ist ein Jugendroman von M.E.Kerr, den ich bereits aus den 70ern kenne und der mich damals nachhaltig fasziniert hatte. Der Roman erzählt die Geschichte von Alan Bennett, einem sechzehnjährigen Highschool-Schüler aus Cayuta/New York, der davon träumt, später einmal Schriftsteller zu werden. Er ist der angesagteste Junge, zumindest in seinen eigenen Augen, spielt im American Football-Team der Highschool und geht seit Neuestem mit Leah.

Gerade ist ein anderer Junge nach Cayuta gezogen, Duncan Stein. Seine Eltern wollen in dem kleinen Ort ein Rehazentrum für Alkoholiker aufbauen. Duncan nimmt in der Schule sofort die Rolle des Außenseiters ein. Was immer die anderen tun - es ist nicht „sein Ding“. Dafür gibt er eines Tages seine eigene kleine Zeitung heraus: „Abseits“ ist ein Vier-Seiten-Blättchen, in dem er seine leicht skurrile Denkweise darlegt und den Alltag in dem 550-Seelen-Ort gehörig durcheinanderbringt.

„Abseits“ besteht in der Regel aus einer „Würdigung“ einer Duncans Meinung nach relevanten Frauengestalt der Geschichte. In der ersten Ausgabe etwa würdigt er Beatrice Portinari, Dantes großer Liebe, die auch in der „Göttlichen Komödie“ ihren Platz gefunden hat. Auf den folgenden Seiten finden sich Chiffre-Anzeigen, die bald zur üblichen Art werden, wie die Schüler der Highschool ihre Dates ausmachen: jeweils nur ein Treffen ohne Verbindlichkeit, mit fest gefügten Spielregeln und Abläufen. Etwa so:
GESUCHT
ein Junge, mit dem ich eine Stunde lang spazieren gehen kann. Auf dem Spaziergang werden wir uns über ein Liebesgedicht unterhalten. Wir werden einander nicht berühren. Wer werden über nichts anderes sprechen als über das Gedicht, das wir ausgesucht haben. Nach dieser Stunde werden wir einander niemals wiedersehen.

Auch Leah, Alans Freundin, gibt eine Chiffreanzeige im „Abseits“ auf. Falls jemand über parapsychologische Fähigkeiten verfüge, solle derjenige sie mit dem Wort „Veilchen“ ansprechen. So würde sie wissen, dass ihre geistige Nähe groß genug für eine langfristige Beziehung sei. Da Leah nicht nur eins der schönsten Mädchen der Schule ist, sondern darüber hinaus auch intellektuell hoch bewandert, schreibt Duncan ihr einen Brief. Immerhin ist er der Einzige, der weiß, wer hinter der Chiffre-Anzeige steckt. Und wenn er den Brief mit dem Wort „Veilchen“ eröffnet, ist das zwar ein wenig gegen die Spielregeln, aber immer noch wild romantisch.

Die ganze Geschichte wird sehr stringent aus der Sicht Alans erzählt, der neben seiner eigenen Liebe auch noch einige andere Nebenkampfplätze beobachtet. So findet er heraus, dass Duncans Mutter mit dem Sportlehrer der Schule fremdgeht, während Alans eigene Mutter mit einem Insassen des Rehazentrums anbändelt. Außerdem meldet sich Alans Vater aus New York, um Kontakt zu seinem Sohn aufzunehmen, den er seit der Scheidung nicht mehr gesehen hat.

All das ist einfühlsam erzählt. Und wenn auch der Hype um Duncan Stein ein wenig plötzlich an der Highschool losbricht, erinnert er doch ein wenig an die Gelbe-Westen-Euphorie, die nach Erscheinen von Goethes „Werther“ in Deutschland aufkam. Duncan Stein ist ein typischer Vertreter der Neo-Romantik, abgeklärt, distanziert, und gerade darum als Projektionsfläche für Schülerträume umso geeigneter. Dass er sich in Leah verliebt, passt eigentlich gar nicht in sein Konzept. Und während er seine Zeit nun lieber mit dem Mädchen verbringt, freundet sich Alan mit Duncans Mutter an.

All diese kleinen Dramen des Älterwerdens finden ihren Platz im Roman, der sich ein wenig liest wie Salingers „Fänger im Roggen“. Da sind dieser distanzierte Blick auf die Welt der Erwachsenen mit ihrem Treiben, die eigene Ratlosigkeit und eine gehörige Portion Melancholie.

Gespickt wird das Ganze immer wieder mit kleinen Tipps zum Thema „Schreiben“. Denn Alan erzählt als werdender Autor in der ersten Person. Und das, was sein Großvater ihm über das Schreiben beibringt, findet im Roman ebenso seinen Platz wie die Tipps seiner Englischlehrerin. Wenn auch zumeist deswegen, weil er diese Regeln konsequent bricht.

Lange war ich irritiert, weil gelegentlich neben M.E. Kerr auch Marijane Meaker als Autorin des Romans genannt wird. Im Autorenvermerk des Buchs heißt es:
„M. E. Kerr lebt mit ihren Hunden in einem alten Haus in Long Island. Über 30 Bücher hat sie bereits geschrieben; ihre vier Jungendbücher erregten bei der internationalen Kritik großes Aufsehen und wurden in viele Sprachen übersetzt.
Auf die Frage, warum sie Bücher für junge Erwachsene schreibe, antwortete M.E. Kerr, dass sie nicht länger zusehen könne, wie das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern und umgekehrt durch Lüge entstellt wird.“
Bei genauer Betrachtung ist M.E. Kerr eine phonetische Variante von Meaker. Sie schreibt unter zahlreichen Pseudonymen, etwa als Vin Packer, Ann Aldrich oder Mary James. Zuletzt erschien auf Deutsch unter ihrem eigenen Namen Meine Jahre mit Pat: Erinnerungen an Patricia Highsmith bei Diogenes.

Titel Rettet die Zärtlichkeit / M. E. Kerr. [Aus dem Amerikan. von Irmela Brender]
Person(en) Meaker, Marijane
Ausgabe Ungekürzte Ausg., 12. Aufl.
Verleger München : Dt. Taschenbuch-Verl.
Erscheinungsjahr 1999
Umfang/Format 157 S. ; 18 cm
Gesamttitel dtv ; 7845 : dtv-junior : dtv pocket : Lesen, nachdenken, mitreden
Einheitssachtitel If I love you, am I trapped forever? ‹dt.›
Anmerkungen Lizenz des Signal-Verl., Baden-Baden
ISBN/Einband/Preis 3-423-07845-6 kart. : DM 8.90, S 70.00
Schlagwörter Junge ; Erste Liebe ; Jugendbuch

Montag, Juli 16, 2012

Norbert Krüger: Das Ende der Leichtigkeit

Heute mal ein wenig Werbung in eigener Sache: Ganz frisch auf dem Markt ist mein Roman "Das Ende der Leichtigkeit". VÖ war der 15.07.2012, letzten Donnerstag kamen die Belegexemplare bei mir an. Das Buch ist so frisch, dass es bis jetzt noch nicht einmal bei Amazon gelistet ist. Aber natürlich ist es bereits über Shakespeare and more zu haben - oder eben direkt beim Verlag. Bei einer Bestellung über Shakespeare kann in den Anmerkungen beim Bestellvorgang angegeben werden, wenn Ihr ein signiertes Exemplar haben wollte. Außerdem liefert Shakespeare zumindest in Deutschland versandkostenfrei.

Für das Buch gibt es eine komplette Website mit Leseproben, Hintergründen und sogar dem Soundtrack zum Roman. Also ein Rundumpaket, was die Vorab-Infos angeht. Derzeit erreicht ihr die Seite unter dem etwas sonderbaren Namen: www.das-dritte-prinzip.de. Der Titel eist dem Eingangszitat des Romans entlehnt, das von René Descartes stammt. In seinem Diskurs über die Methode erzählt er von den Prinzipien (Maximen), mit denen er seine Suche nach moralischen Wahrheiten angegangen ist. Im Vorfeld fand ich, es sei eine tolle Idee, auch die Homepage so zu nennen. Mittlerweile habe ich aber auch die Seiten das-ende-der-leichtigkeit.de nebst anderer Schreibweisen gebucht. Müssen nur eben noch verlinkt bzw. gefüllt werden.

Aber nun zum Inhalt. Ich gebe hier mal den Verlagstext wieder: "Dies ist eine ganz normale Liebesgeschichte zwischen zwei ganz normalen, vom Leben verwundeten Menschen. Stefan ist Filmkritiker. Auf einer Fahrt nach Paris lernt er die Studentin Suzanne kennen. Und lieben. Nur sehr zögernd öffnet sie sich ihm. Nicht alles, was sie erzählt, passt zu der leichten Sommerliebe, von der er träumt.
Stefan muss sich entscheiden. Ist er bereit, an der Beziehung zu arbeiten oder flüchtet er sichin Weltrettungsfantasien? Er tritt eine Reise an, nach Korfu, dorthin, wo sich auch für Suzanne das Leben grundlegend geändert hat. Die Zeit auf der Insel und die Begegnung mit einigen der Inselbewohner wird ihn verändern. Bei seiner Rückkehr nach Hamburg ist er reifer, vor allem aber bewusster. Wird Suzanne ihn noch wollen?
"

Letztlich also eine Liebesgeschichte, angesiedelt zwischen Korfu, Paris und Hamburg. Und eben doch auch mehr als nur eine leichte Sommerlektüre. Denn über der Beziehung zwischen Stephan und Suzanne liegt ein Schatten. Und so macht sich Stephan auf den Weg in Suzannes Vergangenheit. Er fährt nach Korfu, weil er seine Freundin verstehen will. Weil er verstehen will, was ihr passiert ist und was das Leben für sie so grundlegend geändert hat.

Wie gesagt: Wer mehr wissen will, ist mit der Homepage zum Buch bestens bedient. Und ich werde an dieser Stelle natürlich auch den Link zu Amazon nachreichen, sobald das Buch dort gelistet ist.

Titel Das Ende der Leichtigkeit / Norbert Krüger
Person(en) Krüger, Norbert
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Hassloch: Freunscht Media
Erscheinungstermin 15. Juli 2012
Umfang/Format 217 S. : 21x16 cm
Anhänge Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Vita
ISBN/Einband/Preis 978-3-943220-04-9 kaschiertes HC : EUR 15.95
Hörprobe youtube.com

Freitag, Juli 13, 2012

Literatur im Foyer - vom 12.07.2012

Letzte Ausgabe von "Literatur im Foyer" vor der Sommerpause. Das große Sommerloch nähert sich mit Riesenschritten. Davor noch einmal ein wenig Sport. Die EM ist grandios vergeigt. Derzeit schinden sich die Radfahrer bei der Tour de France. Aber die wird von den Öffentlich-Rechtlichen ja weitgehend ignoriert. Offiziell des Dopings wegen. Wobei die Info, dass die Doping-Ärzte nicht nur Radfahrer zu ihren Kunden zählten, bei den gebühreneinfordernden Sendern anscheinend noch nicht angekommen ist. Aber sei es drum.

Während die Nation also auf die Olympischen Spiele wartet, installiert Thea Dorn eine Gesprächsrunde zum Thema Sport. Diesmal sitzen drei Leute bei ihr am Tisch. Hellmuth Karasek, der sich schon seit einiger Zeit als Herausgeber von Briefen berühmter Leute hervortut, hat nun im vierten Band seiner Reihe Briefe bewegen die Welt Korrespondenz zum Thema "Triumphe und Tragödien des Sports" zusammengesucht. Legendäre Briefe von Turnvater Jahn bis Torhüter Jens Lehmann. Außerdem dabei Albert Ostermaier, dessen Band Der Torwart ist immer dort, wo es weh tut für diese Runde qualifiziert. Und die Sportreporterin Evi Simeoni. Sie hat sich das Schicksal des Ruderers Arne Hansen angenommen, keine Biografie, aber ein "an einer wahren Begebenheit orientierter" Roman: Schlagmann. Aber der Reihe nach:

Albert Ostermeier sagt über Fußball so ziemlich das Gleiche, was schon Ror Wolf von sich gegeben hat. Fußball ist eine große Tragödie, mit großen Gefühlen inszeniert. Es gibt die Helden, die ihren Kampf bestehen müssen. Und jeder fiebert mit. Von daher findet er es sehr naheliegend, dass die Geschichten auch von Schriftstellern aufgeschrieben werden.

An einer Stelle im Gespräch beschreibt Evi Simeoni den inneren Kampf eines Gewichthebers vor dem Heben der Hantel, improvisiert, aber mit großem Einfühlsvermögen, das Lust auf ihren Roman macht: "Ein Mann. Ein Gewicht. Kein Gegner außer dem Eisen, das er vor sich hat. Und sich selbst, der vielleicht die Kraft hat, dieses Gewicht hochzuheben. Aber der in dem Moment so mit sich allein ist und sich so konzentrieren muss, dass er große Probleme hat, diese Kraft zu sammeln und sie in diesem einen Moment hundertprozentig parat zu haben. [...] Wie der sich vorbereitet ... Wie der tausend Mal das Magnesia in die Hand nimmt ... Ausatmet ... Das Gewicht anschreit ... Wie er an die Hantel tritt und probiert, wie sie sich anfühlt. Wie er den Kopf senkt und wieder hebt. Das Publikum anguckt und erschrickt. Da passiert so viel. Und im Prinzip nichts. Denn wenn er dann das Gewicht gestemmt hat und wieder fallen lässt, ist alles wieder wie zuvor."

Karasek wird nach seinem Lieblingsbrief aus dem neuen Briefband gefragt und erzählt von einer DDR-Hochspringerin, die aufgrund ihrer West-Verwandschaft daran gehindert wurde, so für die Wettbewerbe zu trainieren, wie sie das gern getan hätte. Thea Dorn findet jedoch ein anderes Dokument aus diesem Brief-Band spannender: Den Spickzettel, den Torwart-Trainer Andy Köpke bei der WM 2006 vor dem Elfmeterschießen im Viertelfinale Jens Lehmann in die Hand gedrückt hat.

Es folgt eine längere Laudatio von Albert Ostermeier auf Oliver Kahn, der seiner Meinung nach die Rolle des Torwarts völlig neu interpretiert hat. Außerdem hätte Oliver Kahn eben eine ungeheuere Fallhöhe besessen, die für jede Literatur entscheidend ist. Deswegen wohl auch die Rolle, die Kahn in Ostermeiers Buch Der Torwart ... spielt. So professionell sei er gewesen, dass er bei jedem Spiel drei Kilo verloren habe. Ein echter tragischer Held, der so auf das Gewinnen fixiert war, dass ihm dabei sein ganzes Leben aus den Fugen geriet.

Eigentlich klingt das, was er über Kahn sagt, gar nicht so viel anders als das, was Evi Simeoni in ihrem Roman Schlagmann anhand des Ruderers beschreibt, der zunächst bei den Olympischen Spielen Gold holt, dann aber irgendwann an sich selbst zerbricht. Ihr Arne Hansen hat viel von Bahne Rabe, der 2001 an einer Lungenentzündung gestorben ist, die er aufgrund seiner Magersucht nicht überstand. Simeoni hatte damals für die FAZ seinen Nachruf geschrieben und danach das Thema weiter in sich bewegt.

Die komplette Bücherliste inkl. aller weiteren Titel der Autoren finden Sie unter swr.de/literatur-im-foyer/. In der SWR-Mediathek können Sie auch die komplette Sendung ansehen, falls Sie jetzt beim Lesen Lust dazu bekommen habe.

Donnerstag, Juli 12, 2012

Lesezeichen - vom 9.7.2012

Am 9. Juli begann die Sendung "Lesezeichen" des BR gleich mit den Tipps der Zuschauer. Ich fasse mal kurz zusammen, was da derzeit so alles gelesen und an Tipps weitergegeben wird. Eine bunte Mischung aus Altem und Neuem hat die "Lesezeichen"-Redaktion da an Kommentaren zusammengestellt. Ein wenig Politik (Norbert Blüm), Zeitgeschichte (Ernst von Salomon), Bestseller von einst (Pearl S. Buck), SciFi (George R.R. Martin), Historischem Roman (Kraszewski), aktuellen Romanen (T.C. Boyle und D.F. Wallace) bis hin zu - wohl als Gag - einem Kinderbuch (Schneider). Wie immer in diesem Blog sind die orange gefärbten Titel mit einem Link hinterlegt, um sich bei Lust und Laune das Buch bei amazon.de ansehen zu können:

Samar Yazbek: Schrei nach Freiheit


Samar Yazbek gehört zu den mutigsten politischen Schriftstellerinnen Syriens. Der Beitrag über ihr Buch Schrei nach Freiheit beginnt mit Bildern von blutigen Leichen, aufgenommen in irgendeiner Stadt des vorderasiatischen Staates. Kaum jemand hier im Westen versteht wirklich, was dort passiert. Während die Anhänger vor Ort noch immer Baschār al-Assad feiern, wird der Widerstand gegen ihn immer militanter.

"Die Menschen mussten sich gegen die Waffengewalt des Regimes wehren", sagt Yazbek und bezieht so klar Position. "Jetzt setzt das Regime alles daran, die Einheit des Volkes zu zerstören und es zu zerspalten." Sie befürchtet, dass sich das Land immer weiter einem Bürgerkrieg nähert, der die ganze Region in Flammen aufgehen lassen kann. Begonnen hatten die Unruhen wohl vor einem Jahr, als das Regime ein paar Graffitis sprühende Kinder gefoltert hatte. Auch Yazbek hat sich den Protesten angeschlossen und damals begonnen, Tagebuch über die Ereignisse zu führen. Dieses Buch ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Titel Schrei nach Freiheit: Bericht aus dem Inneren der syrischen Revolution / Samar Yazbek. Mit einem Vorw. von Rafik Schami. Aus dem Arab. übertr. von Larissa Bender
Person(en) Yazbak, Samar ; Bender, Larissa [Übers.] ; Schami, Rafik [Vorr.]
Verleger München : Nagel und Kimche
Erscheinungstermin 27. Februar 2012
Umfang/Format 216 S. ; 22 cm
Parallele Ausgabe(n) Kindle eBook
ISBN/Einband/Preis 978-3-312-00531-4 kart. : EUR 17.90 (DE)
3-312-00531-0
Bestellnummer(n) 547/00531
EAN 9783312005314
Schlagwörter Syrien ; Aufstand ; Journalistin ; Geschichte 2011 ; Erlebnisbericht
Leseprobe hanser.de

Ror Wolf: Die Vorzüge der Dunkelheit


Anderes Thema. Fußball. Ror Wolfs Horrorroman Die Vorzüge der Dunkelheit wird derzeit gern besprochen, zumal aufgrund des 80. Geburtstags des Autors. Auch in der Sendung Druckfrisch vom 3.6.2012 gab es ja bereits einen Bericht über ihn, der sich allerdings weniger dem aktuellen Roman, als vielmehr seiner Karriere als Fußball-Autor widmete.

Diesmal gelingt der Schwenk hin zu seinem neuen Buch besser. Zu sehen sind etliche Bilder aus dem reich illustrierten Fantasyband, einer Abenteuerreise, die den Helden mit ekligen Krankheiten, wilden Tieren und anderen gefährlichen oder grotesken Situationen konfrontiert. Inspiriert wurde das Buch durch eine psychedelische Narkoseerfahrung, die Ror Wolf vor zehn Jahren gemacht hat. Etliche der Dinge, die er damals sah, haben ihren Weg in den Band gefunden. Ein bisschen "Alice im Wunderland", nur für Erwachsene. Der Autor selbst sieht das Werk dementsprechend auch als Groteske, als Teil des Schwarzen Humors. Eine Radikalisierung der Realität.

Titel Die Vorzüge der Dunkelheit : neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen ; Horrorroman / Ror Wolf. [Mit Collagen des Autors]
Person(en) Wolf, Ror
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Frankfurt, M. : Schöffling
Erscheinungstermin 24. April 2012
Umfang/Format 266 S. : zahlr. Ill. ; 22 cm
Parallele Ausgabe(n) Hörbuch
ISBN/Einband/Preis 978-3-89561-307-4 Gewebe : EUR 24.95 (DE), EUR 25.70 (AT)
3-89561-307-X
EAN 9783895613074
Leseprobe schoeffling.de

Nina Bußmann: Große Ferien


Nina Bußmann ist Bachmann-Preisträgerin des Vorjahres. Nun hat sie aus ihrem damaligen Text ein Buch gemacht: Große Ferien heißt es und erzählt von einem Schüler, der seinen Lehrer ziemlich in Verwirrung stürzt. Faulheit war der Grund für die Themenwahl, gesteht sie im Interview Armin Kratzert. Kaum ein Beruf, den sie weniger hätte recherchieren müssen, nachdem sie die Gegenwart von Lehrern dreizehn Jahre lang mehr oder weniger regelmäßig genoss. Ihre Hauptfigur, den Lehrer Schramm, nimmt sie sehr in Schutz, sowohl was die Spießigkeit angeht, die ihm oft vorgeworfen wird, als auch in Bezug auf seine gärtnerischen Ambitionen. Wollen wir nicht alle ein wenig Ordnung ins Chaos bringen? Zumal es die freie Natur ohne Eingriff durch den Menschen doch ohnehin kaum noch gibt?

Der Roman erzählt von einem Vorfall zwischen Schramm und seinem Schüler Waidschmidt. Eigentlich ist nichts passiert, das der Rede wert wäre. Trotzdem wird Schramm vorläufig suspendiert. Denn in den Köpfen aller Beteiligten, inklusive der Leser, verdichten sich die zaghaft geschilderten Details zu üppigen Bildern pädagogischen Übergriffes. Das ist der Grund, meint Nina Bußmann, warum um den Text viel Wind gemacht wird, obwohl er sich in der Schilderung bewusst zurückhält.

Titel Große Ferien : Roman / Nina Bußmann
Person(en) Bußmann, Nina
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Berlin : Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 199 S. ; 21 cm
Parallele Ausgabe(n) Kindle eBook
ISBN/Einband/Preis 978-3-518-42278-6 Pp. : EUR 17.95 (DE)
3-518-42278-2
Bestellnummer(n) 42278
EAN 9783518422786
Schlagwörter Lehrer ; Straftat ; Isolation  ‹Soziologie› ; Identitätsfindung ; Belletristische Darstellung
Leseprobe bic-media.com

Abschließend gibt es noch einen Bericht über die Kinderbuchsammlung der Staatsbibliothek Berlin, die im einem alten Speicher untergebracht ist. Etliche wunderschöne Bände befinden sich in der Sammlung. Ich zitiere hier einfach mal aus der Senderinfo: "Eine handkolorierte Struwelpeter-Ausgabe von 1846. Einen Ausklappzirkus von 1887. Ein sprechendes Bilderbuch, aus dem seitlich Stifte herausragen, die man ziehen kann, um zum Beispiel eine Kuh muhen zu hören ... - Multimedia, mehr als 100 Jahre alt! Oder eine Taschenbuch Erstausgabe von Harry Potter. Sie trägt eine Originalwidmung der Autorin Joanne K. Rowling - aber es ist ein Druckfehler auf Seite 57, der das Buch besonders wertvoll macht ..."

Falls Sie in der nächsten Zeit mal in Berlin sind, hier die Adresse:
Westhafenspeicher
Staatsbibliothek zu Berlin - PK
Kinder- und Jugendbuchabteilung
Westhafenstraße 1
D-13353 Berlin (Mitte)

Dienstag, Juli 10, 2012

Neuerscheinungen rund um Shakespeare - Juli 2012

Wenn ich die Lage richtig beurteile, tut sich im Juli 2012 relativ wenig in Bezug auf unseren Barden aus Stratford. Gerade drei "Neuerscheinungen" sind gelistet, und bei näherer Betrachtung handelt es sich dabei ausnahmslos um ältere Texte, die neu aufgelegt wurden.

Da ist zum Beispiel

Alois Brandl: Shakespeare. Leben - Umwelt - Kunst


517 Seiten, erscheint am 6. Juli 2012 beim Outlook Verlag. Brandl war Literaturwissenschaftler und Mitbegründern des 1895 entstandenen Instituts für Anglistik und Amerikanistik der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 1901 bis 1921 war er Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft in Weimar. So widmete er Shakespeare einen Großteil seiner wissenschaftlichen Studien. Er starb 1940 in Berlin.

Das Buch Shakespeare. Leben - Umwelt - Kunst kam ursprünglich 1922 in Berlin bei Ernst Hofmann & Co. heraus und wurde bereits im darauffolgenden Jahr in Wittenberg bei Ziemsen nachgedruckt.

Brandl gehört zu den Autoren, die 2011 gemeinfrei geworden sind, das heißt, das Urheberrecht ist aufgehoben worden. Der Urheberrechtsschutz endet in Deutschland 70 Jahre (§ 64 UrhG) nach dem Tod des Urhebers. Allerdings stellt sich neben der Frage der Relevanz Brandls für die heutige Shakespeare-Forschung auch die Frage, ob man wirklich 59,90 Euro für einen Nachdruck von 2012 ausgeben muss, wenn das Original (oder ein früher Nachdruck) oft deutlich unter 10 Euro gebraucht zu haben ist.

Titel Shakespeare. Leben - Umwelt - Kunst / Alois Brandl
Person(en) Brandl, Alois
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Bremen : outlook Verlag
Erscheinungstermin 6. Juli 2012
Umfang/Format 548 S. ; 210 mm x 148 mm
ISBN/Einband/Preis 978-3-86403-799-3 Pb. : EUR 59.90 (DE), EUR 61.60 (AT)
EAN 9783864037993


Gleich noch ein paar Tage älter ist folgender Titel:

Ulrich Bräker: Etwas über William Shakespeares Schauspiele


Der Band stammt ursprünglich aus dem Jahr 1780. Bräker ist Sohn einfacher Leute. 1735 wird erin Näbis im Toggenburg (Kanton St. Gallen) als ältestes von elf Kindern eines Tagelöhners, Kleinbauern und Salpetersieders geboren. Er wurde in Preußens dritten Krieg um Schlesien hineingezogen (von Werbern unter falschen Versprechen angelockt), desertierte aber und kehrte in seine Heimat zurück, wo er als Baumwollfergger, also als Mittelsmann zwischen Produktion und Handel, arbeitete. Er nutzte die Literatur, um seinen Horizont zu erweitern und lernte so auch Shakespeares Werke kennen, die er in seinem Tagebuch kommentierte.

Relevant ist das Buch vor allem deswegen, weil es aus dieser Zeit kaum Aufzeichnungen sogenannter kleiner Leute gibt. Die Subjektivität seines Shakespeare-Kommentars wird schon im Untertitel des Buches deutlich: "Von einem armen ungelehrten Weltbürger, der das Glück genoß, ihn zu lesen". Darin feiert er Shakespeare als »Menschenmacher« und »wundertätigen Theatergott«. Er sieht in ihm den größten Dichter überhaupt und bezeichnet ihn als Seelenverwandten.

Lange Zeit wurden Bräkers Schriften weitgehend ignoriert. Wiederentdeckt wurde er duch Herman Grimm, der Sohn von Wilhelm Grimm. Er wies auf die einzigartige Bedeutung der Lebenserinnerungen und der Shakespeare-Studien Bräkers hin.

Titel Etwas über William Shakespeares Schauspiele / Ulrich Bräker
Person(en) Bräker, Ulrich
Verleger Hamburg: Tredition Classics
Umfang/Format 104 S., 13,34 cm x 20,32 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-8424-8868-7, EUR 9,90 (DE)
Schlagwörter Shakespeare, William ; Drama

Last not least ist nun auch eine kostenpflichtige Version der alten Schlegel-Tieck-Übersetzung der "Komödien, Historien und Tragödien" als Kindle eBook erhältlich, versehen mit dem Zusatz "aktiver Index". Leider ist in der Leseprobe auf diesen Index kein Zugriff möglich. Ob der also die 1,78 Euro wert ist, oder ob man letztlich mit der Ausgabe der Gutenberg-Bibliothek genauso gut fährt, kann ich nicht beurteilen.




Sonntag, Juli 08, 2012

Literatur im Foyer - vom 5.7.2012

Klaus Wallendorf ist Kabarettist. Für sein Ensemble "Lachmusik" schreibt er die Texte und Arrangements. Und spielt Horn. Seit 1980 gehört er zu den Berliner Philharmonikern, außerdem ist er Mitglied des Kammerensembles Consortium Classicum und des Blechbläser-Quintetts German Brass. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das mehr oder weniger folgerichtig heißt: Immer Ärger mit dem Cello: Liebeserklärung eines irrenden Waldhornisten an die streichenden Kollegen.

Er ist bekannt für seine schrägen Metaphern, die er auf seine Zuhörer niederprasseln lässt, egal ob bei Festreden oder bei Auftritten der "Lachmusik". Seine geheime Liebe zum Cello hat er bereits in jungen Jahren entdeckt. Die Cellistinnen, denen er diese Gefühle eigentlich zukommen ließ, haben längst neuen Objekten der Begierde Platz gemacht. Seine Liebe zum Instrument jedoch ist geblieben. So widmet Klaus Wallendorf sein Buch den zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker, die auch ohne den Rest des Orchesters einige wunderschöne und ungewöhnliche Aufnahmen veröffentlicht haben. So eine CD mit Filmmusik von "Casablanca" bis "Titanic": As Time Goes By. Oder eine Einspielung mit Musik aus Frankreich, von Debussy und Satie bis Trenet und Piaf: Fleur de Paris. Seit nunmehr  40 Jahren begeistern die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker mit ihrem einmaligen, ungemein sanglichen und samtig-weichen Sound ihr Publikum rund um die Welt.

In "Literatur im Foyer" erzählt  Klaus Wallendorf Thea Dorn von seiner Zeit bei den Philharmonikern. Selbst eins der Gründungsdokumente hat er aufgetrieben und in sein Buch eingearbeitet: die Anweisungen für die Proben. Zum Beispiel wurde darin festgelegt, es sei wichtig, dass bei den Proben mehr gespielt als geredet werde. "Toleranz und Freundschaftlichkeit sind oberstes Prinzip bei der Probenarbeit. Alle sind gleichberechtigt. Ludwig und Georg sind mit der Leitung der Probe beauftragt." Die beide Solocellisten Ludwig und Georg sind noch im Jubiläumsjahr 2012 dabei. Und aus Anlass dieses Jubiläums im April dürfte auch das Büchlein entstanden sein. Leider bietet der Verlag keine Leseprobe an; jedoch werden auf der Website zum Buch etliche sehr überzeugende Rezensionen zitiert und zum Teil auch verlinkt.

Der flämische Dirigent und ehemalige künstlerische Leiter der Beethoven-AkademieJan Caeyers ist der zweite Gast in Thea Dorns Sendung vom 5.7.2012. Er hat ein neues Buch über Beethoven geschrieben: Beethoven: Der einsame Revolutionär. Ich zitiere hier mal den Verlagstext, weil während der Sendung selbst das Buch doch deutlich hinter der Person Beethoven zurücktritt: "Jan Caeyers entwirft in dieser großen Biographie ein faszinierend lebendiges Portrait des Künstlers. Der Autor stellt uns Beethoven als eine Ausnahmeerscheinung der Musikwelt vor, ohne musikhistorisches oder gar musiktechnisches Wissen vorauszusetzen. Er erhellt in dieser meisterhaft erzählten Biographie den menschlichen wie den künstlerischen Werdegang seines Protagonisten, indem er die Entstehungsgeschichte seiner Werke mit Beethovens persönlicher Entwicklung - die zwischen Generosität und Kleinlichkeit, zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung oszilliert - verwebt. Dabei erschließen sich zugleich die Arbeitsbedingungen, die wirtschaftlichen Nöte sowie das musikalische und gesellschaftliche Leben in der Provinz und in der Metropole Wien an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Auch beschreibt Caeyers die Zwänge dieser Epoche, denen sich selbst ein Genie wie Beethoven nicht entziehen konnte und die es verhindert haben, dass er die einzige große Liebe seines Lebens zu der 'unsterblichen Geliebten' hat leben können."

Als Thea Dorn Jan Caeyers fragt, warum es noch eine weitere Biografie über diesen Musiker geben musste, reagiert der Flame zurückhaltend. Es sei nie seine Vision gewesen, dieser ganzen Bibliothek an Literatur über Ludwig van noch ein neues Buch hinzuzufügen. Es sei eher ein Zufall gewesen, der ihn mit dem Schreiben habe beginnen lassen. Immerhin hat er schon lange mit Beethoven gelebt und ihn seit 25 Jahren dirigiert. Da sei es normal gewesen, dass er eben auch sehr viel über ihn gelesen hat. In seinem Buch streicht Caeyers auch die vielen Zufälle heraus, die Beethovens Leben beeinflusst haben. Wäre er nicht taub geworden, wäre er wahrscheinlich einfach ein begnadeter Klaviervirtuose geworden, der als Interpret durch die Land gezogen wäre. Erst durch das aussetzende Gehör wurde er gezwungen, sich stattdessen aufs Komponieren zu beschränken - so eine von Caeyers Thesen. Was für ein Verlust für die Menschheit, wenn Beethoven nicht taub geworden wäre!

Derzeit ist die Sendung noch im Archiv abrufbar. Und es lohnt sich. Allein schon wegen der vielsagenden Blicke zwischen Wallendorf und Caeyers, die ja von völlig unterschiedlichen Positionen an die Musik herangehen. Da ist es einfach spannend zu sehen, wie die beiden aufeinander reagieren, gerade im zweiten Teil der Sendung, wo es ums Fachsimpeln über Beethoven und seine Musik geht. Die Sendung macht auf jeden Fall Lust, in die beiden Bücher hineinzusehen - und sich dabei die ein oder andere Aufnahme anzuhören.