Montag, Januar 07, 2013

Benjamin Tillig: Cici Letters [Rezension]

Der Preis für das sonderbarste Weihnachtsgeschenk, das ich in diesem Jahr erhalten habe, geht  ohne Frage an Benjamin Tilligs kleinen Band "Cici Letters". Die Geschichte ist schnell erzählt: Benjamin Tillig erwirbt Anfang September 2009 bei ebay einen neuen Akku für sein Macbook, da sich der Alte "in die Luft gesprengt hat", wie er sagt. Das Angebot kommt aus Hongkong, aber laut Produktbeschreibung 10-18 Werktage. Als das Teil nach einem Monat noch nicht bei ihm eintrifft, fragt er freundlich beim Kundenservice nach, was denn los sei. Es stellt sich heraus: Der versandte Akku ist verschollen. Was tun?

Benjamin Tillig geht den Weg allen Übels, verhandelt mit Hongkong, bemüht sich über PayPal um Inanspruchnahme des Käuferschutzes, gibt schließlich eine negative Ebay-Bewertung ab. Was dem Anbieter in Hongkong verständlicherweise nicht schmeckt. Tillig steht von mehreren Seiten unter Druck. Zum einen braucht er dringend den Akku, weil er sonst nur mit der recht fragilen Netzsteckervariante arbeiten kann. Und der Paypal-Käuferschutz hat bestimmte Fristen, die eingehalten werden wollen.

Zu allem Übel fährt der Anbieter in Hongkong eine sehr persönliche Schiene. Mit dem Argument, der Logistiker brauche zur Verifizierung der Lieferung eine Telefonnummer, luchst ihm die Sachbearbeiterin in Hongkong, die immer mit dem Namen Cici zeichnet, seine Telefondaten ab. Um ihn kurz darauf morgens anzurufen und ihm eine herzergreifende Geschichte zu erzählen, mit der Bitte, die Käuferschutz-Aktivitäten bei PayPal zu stornieren. Das will Tillig auch gern tun - falls er denn seinen Akku bekommt.

Die Geschichte steigert sich immer weiter ins Absurde. Tillig hat keine Ahnung, ob es die Callcenter-Mitarbeiterin Cici und deren Not wirklich gibt, oder ob die Figur Cici lediglich eine Strategie des Anbieters ist. Cici verkündet, teilweise mehrmals am Tag, sie bange um ihren Job, wenn die Probleme sich nicht lösen ließen. Oder wenn eine negative Bewertung im Raum steht. Als Tillig Zweifel äußerst, beginnt Cici ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Missverständnisse häufen sich, zeitweise ist Cici davon überzeugt, Tillig wolle mit ihr anbändeln und schickt Fotos von sich, von denen sie glaubt, er wolle sie haben.

Die etwa 50 E-Mails, in denen sich die Auseinandersetzung entspinnt, sind schnell gelesen. Ein paar Telefonate, die im Rahmen dieser kurzen Begegnung stattfinden, sind etwas ausführlicher beschrieben, inklusive des emotionalen Unbehagens und der Irritation des Autors. Das Ganze zweisprachig: Die Korrespondenz zwischen Tillig und Cici in Englisch, die zwischen Tillig und ebay bzw. Paypal auf Deutsch. Die Telefonate hat der Autor am Ende noch mal ins Englische übersetzt. Englischkenntnisse sind bei dieser Lektüre Voraussetzung, allein um die Zwischentöne herauszulesen und die Stolperfallen der Kommunikation auszumachen.

Ich bin mir unsicher, was ich von dem Buch halten soll. Das Ende empfand ich als letztlich offen. Denn der Kontakt endet sehr abrupt, als der Anbieter in Hongkong seinen Willen durchgesetzt hat. Allein durch die erneute Aufnahme der Korrespondenz anlässlich der geplanten Buchveröffentlichung lässt sich ahnen, dass Cici bis zuletzt an die Romanze glaubt, bzw. ihre gesamte Hoffnung auf den jungen Mann in Deutschland legt. Ist also alles bare Münze, was Cici da in ihren Briefen und Telefonaten von sich und ihrem Arbeitsumfeld zum Besten gibt? Oder steckt dort doch eine Menge Taktik in der Art, wie in Hongkong mit unzufriedenen Kunden umgegangen wird?

Insofern ist auch die Frage schwer zu beantworten, ob das Buch tatsächlich Einblicke in die interkulturelle Kommunikation ermöglicht. Deutlich wird lediglich, dass eben auch für Mitarbeiter in Hongkong Englisch eine Fremdsprache ist - wodurch Missinterpretationen vorprogrammiert sind. Für Tillig, so schreibt er in einem Brief an Cici, ist ihre Korrespondenz eine ziemlich bemerkenswerte Charakterisierung der Zeiten, in denen er lebt. Persönliche Handlung und private Perimeter sind radikal durcheinandergewürfelt, er erlebt Nähe wie Distanz in einem Kontakt, den er lange als rein geschäftlich werten will. Fraglich, ob die chinesische Sachbearbeiterin aus diesen selbstreflektorischen Überlegungen Tilligs klug werden kann. Sicherheitshalber schickt sie ein neues Bild von sich, kurvenbetonter diesmal, eindeutiger in ihrer Absicht.

Was bleibt, ist eine kurzweilige Anekdote aus dem Alltag globaler Vernetzung. Sie zeigt, wie der weltweite Handel und der damit einhergehende Preisdump dazu führen können, dass sich Leute aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen mit ihren Kommunikationsstrukturen auseinandersetzen müssen. Dass wir eben nicht nur preiswert Waren einkaufen, sondern damit in die Lebenswelt anderer Völker eingreifen. Vielleicht, dass Deutschland immer noch als Traumziel armer Bevölkerungsschichten anderer Nationen gilt und so Kunden leicht zu Freunden hochstilisiert werden. Der literarische Wert des Bändchens bewegt sich bei null. Der Unterhaltungsfaktor ist hoch. Immerhin bietet sich der Band ob seiner Kürze an für kultursoziologische Projektionen aller Art.

Titel Cici letters : an epistolary piece / Benjamin Tillig
Person(en) Tillig, Benjamin
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Köln : SB
Erscheinungstermin 15. Dezember 2010
Umfang/Format 112 S. ; 19 cm
Anmerkungen Beiträge teilweise deutsch, teilweise englisch
ISBN/Einband/Preis 978-3-942680-00-4 Pp. : EUR 14.80 (DE)
EAN 9783942680004
Sprache(n) Deutsch (ger), Englisch (eng)
Katalog-Linkhttp://www.amazon.de/gp/product/3942680009/

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