Dienstag, Januar 01, 2013

Genre Lad Lit

Weiter geht's mit dem Parcourritt durch die Genres. Lad Lit - sollte mir eigentlich eher liegen als das weibliche Pendant. Ich versuche es heute mal ein wenig systematischer als gestern und schaue mich zunächst nach einer brauchbaren Definition des Genres um. Fündig werde ich bei wordspy: Die definieren Lad Lit als literarisches Genre, das sich durch Bücher auszeichnet, die von Männern geschrieben sind und den Schwerpunkt auf junge, männliche Protagonisten legt - vor allem auf solche, die selbstbezogen, unsensibel und mit Beziehungsangst behaftet sind.

Die erste Erwähnung dieses Genres macht wordspy bei Catherine Bennett im Guardian vom 7. Juli 1995 aus: Auch zu Beginn der Achtziger habe es schon Romane gegeben, die sich um diese Art Protagonisten bewegen, damals aber noch mit dem Schwerpunkt des Entwicklungsromans. Die Helden dieser Romane waren ähnlich stoffelig, aber eben doch eindrucksvoller, ihre Namen eindeutig erfunden und ihre Freundinnen zumindest sexy. Dieselben Protagonisten tauchten dann, Mitte der Achtziger, in Reiseliteratur auf, das Genre nutzend, um entwaffnende Enthüllungen über gewagte männliche Verhaltensweisen zu machen. Die Helden in den 90ern reisten dann nur noch mit dem Finger über die Landkarte und zogen es ansonsten vor, zuhause zu bleiben und in ihrer Vergangenheit zu wühlen. Das Ergebnis feierten die Verleger als "neue Non-Fiction", oder, wie Bill Buford, Herausgeber des Literaturmagazins Granta und Verleger bei Granta Books, diese Art Literatur für Macker nannte: Lad Lit.

Bennett hat den Begriff also nicht initiiert, sonder bezieht sich auf Bill Buford. Und Buford hatte mit diesem Begriff definitiv noch anderes im Sinn. In seinem ersten Buch "Geil auf Gewalt: Unter Hooligans" mischte er sich unter die englische Hooliganszene und schrieb über seine Erfahrungen ein sehr persönliches Sachbuch. Und auch sein zweites Buch "Hitze" ist aus einer sehr männlichen Sicht geschrieben. Dort beschreibt er seine ersten Versuche, kochen zu lernen, indem er in verschiedenen Restaurants als Praktikant anheuert und schließlich in Italien landet, um sich von den dortigen Meisterköchen in die Geheimnisse der Kochkunst einweihen zu lassen. All das ist sehr "Lad", hat aber mit der obigen Definition überhaupt nichts zu tun.

Folgte man Buford, wäre man automatisch bei allen Titeln gelandet, die früher einmal in den Bereich "Männerbücher" fielen, seien es Henry Miller und Ernest Hemingway mit ihrer spezifisch männlichen Sicht und Sprache, sei es Avery Corman als Vertreter der neuen Männlichkeit ("Kramer gegen Kramer", "Ein Mann steigt aus" etc.) oder gar Theodor Kallifatides ("Schnaps und Rosen", "Der gefallene Engel") als Vertreter der männlichen Innerlichkeit.

Und tatsächlich datiert die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Feministin Elaine Showalter in dem Sammelband "On Modern British Fiction" die Anfänge der Lad Lit auf die 50er Jahre zurück, etwa mit Jack Kerouacs "On the Road" (1957) oder "Uhrwerk Orange" von Anthony Burgess (1962). Aber sie macht auch einen brauchbaren Versuch, die Bandbreite des Genres zu taxieren:
 "Am unteren Ende der Leiter war Ladlit das männliche Gegenstück des Bridget Jones-Phänomens; am oberen Ende war es eine meisterliche Auswertung der männlichen Identität im heutigen England."
Spannend im Zusammenhang mit der Definion der "Lad literature" finde ich auch den Band "Man as Social Animal?" - Charakterliche und psychische Anlagen der männlichen Protagonisten in ausgewählten Romanen von Nick Hornby von Nicole Kusza. Denn sie weist darauf hin, dass über den Unterschied zwischen new man und new lad zumindest noch kontrovers diskutiert wird. Wie der Titel ihrer Magisterarbeit schon aufzeigt, beschäftigt sie sich vor allem mit den Schriften von Nick Hornby, der inzwischen von den allermeisten als typischer Vertreter der Lad Lit anerkannt wird. Sie definiert:
"Die Protagonisten der lad lit sind heterosexuelle Männer zwischen Ende 20 und Anfang 30, die auf Abenteuer aus sind. Sie sind hinter Frauen her, trinken Alkohol und sind fußballinteressiert, was bis zur Fußballbesessenheit führen kann. Sie blicken wehmütig auf ihre Kindheit und Jugend zurück und schauen ängstlich nach vorne auf Beziehungen, Heirat und Kinder. Ohne große Zielsetzung, aber dennoch optimistisch."
Als Geburtsstunde der lad lit bezeichnet sie Nick Hornbys Roman "Fever Pitch" (1992). Bezeichnenderweise ist auch "Fever Pitch", ähnlich wie Bullfords "Geil auf Gewalt: Unter Hooligans" (1991), ein autobiographischer Roman aus der Fußballfanszene. Wenn ich mich im Bücherregal Lad Lit etwa bei goodreads.com umsehe, lande ich wiederum in vorderster Front bei Hornby, gefolgt von Autoren wie Sherman Alexie ("Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers"), Mike Gayle ("Sturzflug ins Leben. Oder: Mein 30. Geburtstag") oder Matt Dunn ("Hochzeitsglocken und andere Alarmsignale").

Aber auch wenn der Begriff Lad Lit (oder, in alternativer Schreibung auch LadLit oder Lad-Lit) sich für deutsche Autoren noch nicht durchgesetzt hat, gibt es doch eine ganze Reihe von Männern, die nach dem gleichen Konzept seit ein paar Jahren relativ erfolgreich Romane schreiben. Wenn auch - wie  Elaine Showalter sagen würde - am unteren Ende der Leiter, bzw. des Marktes. Da ist etwa Heinz Strunk, der mit "Fleisch ist mein Gemüse" einen Überraschungserfolg erzielt hat. Letztlich ein Bildungsroman,  mit einem gehörigen Schuss Selbstironie und einer gekonnten Balance aus Humor und ernsten Passagen.

Nicht zu vergessen Tommy Jaud, dessen Romantitel wie "Hummeldumm" oder "Vollidiot" schon eine Menge über die Protagonisten verraten, gleichzeitig aber zeigen, wohin die Reise geht. Der new lad ist vom Leben überfordert und empfindet sich selbst - zumindest insgeheim - als mental nicht den Ansprüchen seiner Umwelt gewachsen. Mit diesem Lebensgefühl scheinen sich etliche Leser zu identifizieren, denn die Verkaufszahlen von Jaud sind sensationell, bedenkt man einmal, dass mit den Titeln ja auch eine Erwartungshaltung an die Leseerfahrung verbunden ist.

Nick Hornbys Schema vom semi-autobiographische Romane mit viel Humor haben sich eine ganze Reihe deutschsprachiger Autoren angeschlossen, auch wenn viele von ihnen über das Genre Lad-Lit wahrscheinlich nie nachgedacht haben. Es bietet sich ja auch an: wenig Rechercheaufwand, Schöpfen aus dem Fundus der eigenen Erfahrungen und die Möglichkeit, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Kein Wunder, dass die neue Lad-Lit (ähnlich wie die ChickLit) häufig in der 1. Person verfasst ist: Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" etwa oder Sascha Lobos "Strohfeuer".

Aber auch den Romanen, die in der dritten Person geschrieben wurden, spürt man häufig viel persönliche Erfahrung ab. Sven Regeners "Herr Lehmann" etwa ist atmosphärisch so dicht, dass niemand, der die Berliner Kneipenszene kennt, daran zweifelt, hier wurde viel vor Ort recherchiert. Das dürfte einer der Hauptgründe gewesen sein, warum der Roman derart schnell durchschlug. Oder Matthias Keidtel "Das Leben geht weiter". Dessen Protagonist Felix Holm ist der typische sympathischen Loser, der fast immer im Zentrum der Lad-Lit steht. Nach einer gescheiterten Loslösung von den Eltern, nach einer ebenso gescheiterten Beziehung und dem Versuch, mit einem Tabakwarenladen sein Glück zu machen, kehrt Holm zurück ins elterliche Zuhause. Er verbringt seine Tage mit Nichtstun und mit kleinen Streitereien, wie er sie schon früher mit seinen Eltern austrug. Matthias Keidtel bemüht sich um eine hohe Pointendichte seines Textes, auch wenn seine Beobachtungen den kleinen, den eigentlich völlig unwichtigen Details des Lebens gilt. Und natürlich, auch das ist nicht ungewöhnlich in der Lad-Lit, scheitert er mit seinem Projekt, einen deutsch-französischen Rosen-Handel aufzuziehen. Aber das Leben geht weiter.



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