Donnerstag, Mai 09, 2013

Marlene Klaus: Das Buch des Kurfürsten


Herbst 1595. Wir befinden uns im Heidelberg der kleinen Leute. Philipp Eichhorn ist Kanzleiknecht, seine junge Frau Hedwig arbeitet bei einem französischen Tuchhändler als Magd. Vor wenigen Monaten ist ihre Tochter Juli auf die Welt gekommen.

Ein kleines, ereignisarmes Leben scheint für die Drei vorgezeichnet. Doch eines Tages wird Hedwig entführt. Die Männer haben es auf eines der kurfürstlichen Kopialbücher abgesehen, die sich in der Kanzlei befinden, in der Philipp arbeitet. Der junge Vater soll das Buch heimlich aus der Kanzlei schmuggeln – sonst wird er Frau und Kind nicht wiedersehen. Dieser zögert nicht lange.

So landet das Buch mit wichtigen Dokumenten über die Lehen der Ritterschaft in der Hand dunkler Gestalten. Schlimmer noch: Philipp soll das Buch später, nachdem es in einigen Punkten geändert wurde, wieder zurück in die Kanzlei bringen. Erst wenn dies geschehen ist, soll er seine junge Familie wiedersehen.
Das Problem ist, die Verbrecher tauchen nicht zur vereinbarten Übergabe auf. Und plötzlich sagt sich Hedwigs Familie in Heidelberg an, wo sie den Einmarsch des Kurfürsten Friedrich IV. beiwohnen will. Dumm genug. Denn Philipp hat Hedwigs plötzliche Abwesenheit eben damit begründet, dass sie kurzfristig zu ihrer kranken Mutter nach Reilingen aufbrach. Nun droht der Schwindel aufzufliegen. Und Hedwig bleibt verschwunden.

Die Autorin Marlene Klaus kommt schnell auf den Punkt. Bereits auf der ersten Seite wird die Bedrohung thematisiert und auf S. 50 dieses etwas über 400 Seiten starken Romans ist die Ausgangssituation klar umrissen. Dies allerdings geht auf Kosten der Figurenzeichnung, die etwas blass bleibt. Und führt dazu, zunächst kein allzu großes Mitgefühl mit den Hauptpersonen entstehen zu lassen.

Dazu kommt, dass sich die Autorin Klaus den Regeln des historischen Romans weitgehend widersetzt und den Lebensumständen jener Zeit nicht viel Platz einräumt. Hinweise auf Kleidung und Gebräuche bewegen sich oft auf dem Niveau des Namedropping. „Ein weißer Flaum legte sich auf Baretts und Schauben“, heißt es etwa auf S.9. Das klingt altertümlich, lässt aber kaum Bilder entstehen, zumal für jene, die in dieser Zeit nicht zuhause sind.

Ein ähnliches Namedropping legt Marlene Klaus auch bei der Beschreibung der Örtlichkeiten an den Tag. Wer sich in der Region Heidelberg auskennt, wird mit den Ortschaften Schlierbach, Friesenberg oder Rohrbach sicher Bilder verbinden. Die häufige Erwähnung solcher Orte legt den Verdacht nahe, die Autorin habe hier auf den Markt der Regionalromane geschielt und sucht ihre Käufer bei den Einheimischen und Urlaubern der Region. Leider entstehen beim Lesen für den Ortsunkundigen selten Bilder im Kopf, so dass diese Namen beliebig bleiben.

Lediglich Heidelberg selbst wird als Örtlichkeit beschrieben, wenn auch in jener gedrängten Form, in der Marlene Klaus viele ihrer Recherchen im Roman darbringt. Auf den Seiten 101-104 beginnt Philipp eine etwas unmotivierte Tour durch die Stadt, die vom alten Marktplatz zum Fischmarkt und weiter führt. Hier finden sich Hinweise auf die „Untere Straße“ und die „Haspelgasse“, das Belier’sche Haus, das Collegium Casimirianum und etliche andere Gebäude der Stadt jener Zeit.

Auffällig ist, dass Marlene Klaus ihre Rechercheergebnisse konsequent im wahrsten Sinne „en bloc“ präsentiert – in einem einzigen, vier Seiten umfassenden Absatz.
Ganz ähnlich handhabt sie dies auch mit ihren Recherchen zum politischen Hintergrund des Romans, den sie auf den Seiten 234-237 „en bloc“ zusammenfasst. Das ist informativ und zeigt, dass sich die Autorin mit diesem Material auseinandergesetzt hat. Als Leser hätte ich mir jedoch gewünscht, solche Informationen gleichmäßiger in den Roman verflochten zu finden, szenisch aufgearbeitet und nicht als fremdkörperartige Exkursion.

Immerhin: Ihre erste Einführung ins Thema kurfürstliches Archiv, Kopialbücher, Ritterschaft und Lehenswesen, der von S. 39 – 44 reicht, lockert Marlene Klaus zumindest durch Absätze auf, wenn diese auch häufig noch über eine dreiviertel Seite reichen.

Vielleicht sind diese langen Absätze ein Indiz für die Absicht der Autorin, mit „Das Buch des Kurfürsten“ einen literarischen Historienroman zu schreiben. Tatsächlich ist ihr Sprachstil gehoben und wirkt angepasst an die Zeit, die sie beschreibt. Das funktioniert nach einer Phase des Einlesens recht gut, wird aber nicht immer konsequent durchgehalten. So erfährt der Leser ein wenig überrascht von Philipp, der gerade von seinem Freund Kilian getröstet wird: „Trotzdem fühlte er sich scheiße.“ Und wenige Seiten später feixt ein Anderer: „Siehst ja schon nicht mehr so scheiße aus.“

Sieht man von diesen Schwächen ab, ist Marlene Klaus ein überraschend spannender Unterhaltungsroman gelungen. Mit einem eigentlich sehr kleinen Handlungsbogen füllt sie die vierhundert Seiten sehr kurzweilig. Das liegt unter anderem daran, dass es ihr immer wieder gelingt, die verschiedenen Konfliktebenen zuzuspitzen und so den Spannungsbogen voranzutreiben. Auch wenn weite Teile des Romans von einem Fluchtplot getragen werden, finden sich doch eine ganze Reihe anderer Themen, die das Interesse an der Geschichte zusätzlich aufrechterhalten.

Da ist unter anderem die sich anbahnende Beziehung zwischen Hedwig und ihrem „Fluchthelfer“, dem walisischen fliegenden Händler und ehemaligen Apotheker Ryss, die dem Roman eine neue Ebene hinzufügt. Denn während die Genrekonventionen nahelegen, wie die Geschichte endet, entspinnt hier eine für die Zeit untypische Konstellation, deren Ende lange offen bleibt und die auch Philipp später vor eine Herausforderung stellt.

Während „Das Buch des Kurfürsten“ als historischer Roman also ein wenig enttäuschend auf mich wirkte, funktioniert er als Spannungsroman mit historischem Setting und als Regionalroman durchaus. Es ist das zweite Buch von Marlene Klaus, die laut Verlagsvita hauptberuflich als Buchhändlerin arbeitet. Ich bin gespannt, wie sich ihr Schreibstil weiter entwickeln wird.

Titel Das Buch des Kurfürsten : historischer Roman / von Marlene Klaus
Person(en) Klaus, Marlene
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Frankfurt, M. : Dryas
Erscheinungsjahr 2012
Umfang/Format 437 S. ; 19 cm
Parallele Ausgabe(n) Kindle edition
ePub-Format (ohne DRM)
ISBN/Einband/Preis 978-3-940855-35-0 kart. : EUR 13.50 (DE), EUR 13.90 (AT)
3-940855-35-9
EAN 9783940855350
Leseprobedryas.de
Katalog-Linkamazon.de/gp/product/3940855359/

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Dryas Verlag , der mir ein Rezensionsexemplar von Das Buch des Kurfürsten zur Verfügung gestellt hat. Ebenfalls Dank an Blogg dein Buch für die Vermittlung zwischen diesem Blog und dem Verlag.

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