Montag, September 16, 2013

Reingelesen: Manuela Reizel - Recovery


Zu den interessanteren Neuerscheinungen dieses Herbstes schien mir Manuela Reizels Roman "Recovery" zu gehören. Das Buch ist nach dem Thriller "Der Kranich" das zweite Werk aus ihrer Feder. In diesem neuen Roman geht es um den Überwachungsstaat, um Whistleblower, um Leaking und 9/11. Das klingt vielversprechend - und ich hatte die Gelegenheit, in den Roman, der a. 01.10.2013 im Handel sein wird, reinzulesen. Hier meine ersten Eindrücke:


Recovery funktioniert von der ersten Seite an. Das Eingangszitat von Thomas Jefferson: "When injustice becomes law, resistance becomes duty." "Hatte Edward Snowden damit nicht erklärt, warum er die NSA-Dokumente veröffentlichte, obwohl zu befürchten war, damit sei sein ganzes bisheriges Leben ad acta gelegt?

Dann die erste Seite des Romans: Groß prangt das 1984. Und schon diese Jahreszahl ist eine Geschichte für sich. Unübersehbar der Hinweis auf Orwell und seine düstere Vision vom Überwachungsstaat.
Reizels Stil ist sinnlich, auch das vom ersten Satz an: Wind, Dämmerung, Vorweihnachtszeit, der Duft von Gebäck, der durchs Haus strömt. Nach wenig mehr als einer Seite springt die Geschichte ins Jahr 2012, zum Thema NSA, zu Geheimdokumenten auf Memory Cards – hin zum ersten Mord. Doch auch dies erweist sich lediglich als Prolog. 

Auf der nächsten Seite steht als Überschrift „Hestia“, so wie die jungfräuliche Göttin des Staatsfeuers in der antiken Sage. Und: „Tag 1 – Donnerstag“. Wir sind in der Welt der Programmierer gelandet. Ich ahne, hier dient Lisbeth Salander als Vorbild für einen modernen Protagonisten. Bin halb gespannt, wie Manuela Reizel die Figur anlegt, halb verärgert, weil ich befürchte, dies werde vielleicht nicht das letzte Plagiat bleiben. Karl-Heinz Emmerich und Lukas heißen die beiden Akteure der folgenden Sequenz. Und tatsächlich: Lukas wird als „hochbegabtes, menschenscheues Computerkid“ beschrieben, das wie selbstverständlich mit seiner Computertastatur zu verschmelzen scheint. Auch bei der Info, die Szene spielt sich im „Wangener Firmensitz der Avaleet Software AG“ ab, zucke ich zusammen. Wangen – Vanger, das ist mir alles zu dicht an Larsson. Fast ist zwangsläufig, dass Lukas sich in einer brenzligen Situation in die Karibik verdrückt.

Es folgen ein paar Seiten mit Handlungszusammenfassung im Schnelldurchlauf. Mitten drin, kursiv und auf Französisch, ein Sartre-Zitat, allerdings ohne Verfasserangabe. Auch ein Karl Jaspers-Zitat, am Anfang des Abschnitts, hatte mich überrascht. Das ist nicht das, was man von einem Thriller unbedingt erwartet.

Unvermittelt wechselt die Erzähl-Perspektive in die erste Person, wirkt tagebuchartig. Wir erfahren, dass Lukas früher unter dem Nick „Luke Skywalker“ in der Hacker-Szene bekannt war. Ein wenig unoriginell, denke ich, und hoffe, Reizel gewinnt im Verlauf der Geschichte ihre Phantasie zurück.        
Aber schon naht „Tag 2 – Freitag“ – und der beginnt in den Redaktionsräumen „des linksalternativen Nachrichtenmagazins Chronos“. Erneut denke ich an Larsson. Mikael Blomkvist heißt in diesem Roman Ralf Albin. Sein Team ist mit fünf Leuten etwa gleich stark besetzt wie die Milleniums-Redaktion. Und natürlich recherchiert Chronos regelmäßig die Vorgänge in der rechten Szene und wird dafür von den Ewig-Gestrigen unter Druck gesetzt und tätlich angegriffen. Ein Themenheft über das rechte Sammelbecken der „Württembergischen Bruderschaft“ steht an.

Harter Schnitt: Gustav Elvert und eine namenlose Sie Mitte zwanzig. Er schmachtet sie an, sie erzählt aus ihrem Leben: das ganze Repertoire der klassischen Außenseiterin; Essstörungen, Selbstverletzung, Zwangshandlungen, krankhafte Ängste und Suizidgedanken. Erst allmählich entrollt Reizel das tatsächliche Verhältnis dieser beiden. Sie spielt mit der Erwartungshaltung des Lesers, und das hat etwas, auch wenn sie es sofort ausdekliniert, „dass die Dinge oft nicht so sind, wie sie im ersten Moment erscheinen“.

Die junge Frau, die Elvert gegenübersitzt, heißt Simone Weber. Aufgewachsen ist sie in Namibia. Sie erzählt ein wenig aus ihrer Kindheit. Und das macht neugierig. Ich bin gespannt, welche Rolle sie im Roman spielen wird.

Fazit: Schreiben kann sie, die Manuela Reizel. Allerdings lehnt ihr neues Werk stark an der Milleniums-Trilogie Stieg Larssons an - und die zahlreichen Déjà vus wirken ein wenig deplatziert bzw. phantasiearm/anbiedernd. Dazu kommt, dass es Frau Reizel eben nur zum Teil gelingt, so bildhaft und spannend zu schreiben wie Stieg, was durch die inhaltlichen Parallelen doppelt auffällt. Aber das ist lediglich ein flüchtiger Eindruck nach der Lektüre der ersten 30 Seiten.

Nachtrag: Wer mehr über das Buch erfahren will, kommt hier zur vollständigen Rezension in meinem Blog.


Titel Recovery / Manuela Reizel
Person(en) Reizel, Manuela
Verleger Wien : Braumüller Literaturverlag
Erscheinungstermin 01.10.2013
Umfang/Format 360 S. ; 196 mm x 120 mm
ISBN/Einband/Preis 978-3-99200-102-6 Pb. : ca. EUR 19.90 (DE), ca. EUR 19.90 (AT), ca. sfr 28.50 (freier Pr.)
3-99200-102-4
EAN 9783992001026
Kataloglinkamazon.de/gp/product/3992001024

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