Sonntag, Oktober 20, 2013

Manuela Reizel: Recovery (Rezension)


Ein lauer Vormittag im August 2012, irgendwo in der kalifornischen Bay Area, mit Blick auf die Golden Gate Bridge. Georg Caviness ist ein alternder Softwaretitan, der mit seinem Chrysler hierher gefahren ist, um eine Memory Card mit brisantem Inhalt weiterzugeben: Informationen über den elitären „Bohemian Club“, über das, was sich in den Wäldern von Sonoma County wirklich abspielt, wo sich diese Elite aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Medien, jährlich für zwei Wochen zum Retreat trifft.

Bekommen soll die Speicherkarte Ciarán McCallum, ein Ire, der mittlerweile in Santa Monica eine Leaking-Plattform namens underground.org aufbaut. Jemand, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, genau solche Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen, wie Caviness sie besitzt. Jemand, auf den die CIA eine sechsstellige Summe ausgesetzt hat.

Doch statt seines Kontaktmanns taucht zunächst ein Mitarbeiter des NSA in einem schwarzen Van auf, dreißig Jahre jünger als Caviness, sonnenbebrillt und im Nahkampf ausgebildet. Auch er zeigt sich äußerst interessiert an der Karte und zögert nicht, den Alten final außer Gefecht zu setzen, als dieser sich weigert, sie herauszugeben. Doch er wird bei der Suche durch das Herannahen des Internet-Aktivisten Leo Whitehead gestört und verzieht sich eilends vom Tatort.

Nun ist zwar Underground im Besitz der Informationen, kommt aber nicht an sie heran, da die SD-Card verschlüsselt ist. Einzige Lösung scheint ein deutscher Computerhacker zu sein, der ein paar Jahre zuvor sehr aktiv im Netz gewesen war. Seinerzeit entwickelte er den ersten voll funktionsfähigen autoreferenziellen Algorithmus der IT-Geschichte, um den es einigen Wirbel gab. Mittlerweile aber hat er sich aus der Szene herausgezogen, mehrfach seine Adresse gewechselt und sogar seinen eigenen Tod inszeniert, um endlich Ruhe zu haben: Lukas Stegmann arbeitet inzwischen als freier Game-Designer für den Softwarehersteller Avaleet.

Aber, so mutmaßt McCallum, er ist der Einzige, der Zugang zu den herstellerspezifischen Betriebsparametern bekommen könnte, mit denen sich dieser spezielle Kryptochip emulieren lässt. So setzt er einen Schweizer Kollegen darauf an, Lukas zu suchen und ihm die SD-Card zwecks Entschlüsselung zu übergeben.

Vieles an Manuela Reizels „Recovery“ - dem zweiten Band ihrer Trilogie um Lukas „Crane“ Stegmann - erinnert an Stieg Larssons Milleniums-Trilogie. Da ist die introvertierte Hauptfigur, ein genialer Computerhacker mit seinem großen Tattoo auf der Schulter. Der sich, als es brenzlig für ihn wird, in die Karibik verzieht. Da ist die Redaktion einer linken Zeitschrift, in der Lukas‘ Freund Ralf arbeitet, und die gerade ein Schwerpunktheft über eine rechte Gruppe plant. Angriffe auf Verlagsräume und Druckerei eingeschlossen. Und auch die Motorradgang fehlt nicht, mit der sich Lisbeth seinerzeit anlegte - die in diesem Roman aber eine andere Funktion hat.

Ich ahne bei der Autorin Manuela Reizel auch ähnliche Ambitionen wie Larsson. Ähnlich wie dieser wagt sie sich in „Recovery“ an die großen Themen heran, an die globale Vernetzung der politischen Elite ebenso wie an 9/11. Aber dort, wo Stieg mit seinem nahezu lexikalischen Wissen wuchern konnte, ergeht sich Manuela Reizel größtenteils in Andeutungen, die das flaue Gefühl hinterlassen, sie habe eben nur vordergründig recherchiert. Erscheint es etwa auch nur halbwegs logisch, dass der Leiter der rechtsextremen Württembergischen Bruderschaft sich ausgerechnet mit dem Nick „Master Fred“ anreden lässt? Amerikanismen bei den Deutschtümlern, die aus T-Shirts T-Hemden und aus dem Internet ein Welt-Netz machen? Das wirkt auf mich wenig durchdacht, und überhaupt ist dieser ganze Nebenstrang um die Zeitschrift Chronos und die Bruderschaft weitgehend unverbunden zur Hauptstory - und weitestgehend frei von Inhalten.

Manuela Reizel hat dieses Buch Julian Assange gewidmet, „In Solidarität mit J.A.“, dem Initiator der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Anschließend bringt Reizel jenes Jefferson-Zitat, mit dem Edward Snowden sein Tun der Presse gegenüber rechtfertigte. Damit hängt sie die Latte gewaltig hoch. Um dann mit großem Anlauf unter ihr hindurch zu springen. Wie gesagt: Sie wirft mit Schlagwörtern um sich, verzichtet aber weitgehend auf Erklärungen. So fällt zwar im Zusammenhang mit 9/11 das Stichwort WT7. Aber dabei bleibt es auch. Hier hätten ein paar Worte zur Brisanz geholfen. So aber wirkt es nach wenig mehr als einem Augenzwinkern für Eingeweihte.

Aber vielleicht ist gerade dies das Spiel, das Manuela Reizel liebt. So hat sie in ihrem Roman "Recovery" zwei Einteilungen: einmal die nach den Tagen, an denen die Handlung spielt. Und dann die in sechs jeweils etwa 60 Buchseiten lange Abschnitte, die sie locker von 1 bis 6 durchnummeriert. Bzw., nicht ganz so locker, nach der Geburtsreihenfolge der Kinder von Kronos und Reha nach der griechischen Mythologie: Hestia, Demeter, Hera, Hades, Poseidon und Zeus. Eine kleine Spielerei, die aber ratlose Konsumenten hinterlassen dürfte. In die gleiche Kerbe hauen auch einige Zitate, die ebenfalls nichts Wesentliches zur Geschichte beitragen, zumal nicht in der von Reizel verwendeten Originalsprache. Es ist diese Lust an Verwirrung, diese Herausforderung an den Leser, die ihr Sympathien kosten wird.

Wer zum Beispiel ist der Junge aus dem Intro des Romans, der sich mehr für die Puppen seiner Schwester als die eigenen Plastikautos und die teure Modelleisenbahn interessiert? Für die normale Thriller-Klientel dürfte diese Frage kaum relevant sein. Sie will unterhalten werden, wartet auf den Thrill. Und ist bestenfalls sauer, wenn die Antwort nicht expressis verbis am Ende des Romans gegeben wird.

Wer auf jeder zweiten Seite im Glossar des Anhangs nachschauen muss, worum es geht und was z.B. die kryptischen Chats zwischen Lukas und Ciarán bedeuten, wird auf die reinen Thriller-Elemente zurückgeworfen, die zwar vorhanden, aber letztlich kaum für sich tragfähig sind. Spaß werden all diejenigen an „Recovery“ haben, die sich selbst schon einmal an kleinen Hacks versuchten und die mit den zahllosen Anspielungen auf die Leaking-Szene etwas anfangen können. Diejenigen, die 1995 mit Begeisterung Douglas Couplands „Microsklaven“ lasen und seitdem am Ball geblieben sind.

Titel Recovery / Manuela Reizel
Person(en) Reizel, Manuela
Verleger Wien : Braumüller Literaturverlag
Erscheinungsjahr 2013
Umfang/Format 360 S. ; 196 mm x 120 mm
ISBN/Einband/Preis 978-3-99200-102-6 Pb. : ca. EUR 19.90 (DE), ca. EUR 19.90 (AT), ca. sfr 28.50 (freier Pr.)
3-99200-102-4
EAN 9783992001026
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Herzlichen Dank an den Braunmüller Verlag für das Rezensions-Exemplar sowie an vorablesen.de für die Vermittlung!

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