Samstag, Januar 04, 2014

David Baldacci: Zero Day [Rezension]

Die Zeit war Reif für meinen ersten Baldacci-Roman. Seit 17 Jahren veröffentlicht er regelmäßig. Seine Bücher sind in 37 Sprachen übersetzt und werden in über 80 Ländern verkauft. Er erreichte bisher eine Gesamtauflage von weltweit über 40 Millionen Exemplaren. Die Storys wurden verfilmt und zu TV-Serien ausgearbeitet. Irgendetwas muss also dran sein an ihnen.

„Zero Day“, David Baldaccis neuer Roman, erschien am 18. November 2013. Die Geschichte führt mich in das ländliche West Virginia. Glaubt man dem Autor, ist die Region ein trostloses Kohle-Revier. Die Bergketten sind für den Tagebau abgesprengt, die Täler mit Schutt angefüllt. Die einst idyllischen Hügel gleichen inzwischen der Mondoberfläche. Überall in der Luft hängt der Geruch von Schwefeltrioxid und Kohlestaub. Wahrlich kein Wohlfühlsetting.

John Puller ist Kriegsveteran und der besten Militärermittler des CID. Er wird ohne Crew nach Drake/West Virginia geschickt, weil dort ein hoher Angehöriger des militärischen Geheimdiensts, der DIA, ermordet wurde. Abgeschlachtet zusammen mit Ehefrau und den zwei Kindern. Höchste Geheimhaltungsstufe. Hilfe bekommt Puller nur von der örtlichen Kriminalbeamtin, der jungen Samantha Cole. So simpel der Fall beginnt: Bald kristallisiert sich heraus, dass der Mord lediglich ein Vorbote für den größten Anschlag ist, den die Vereinigten Staaten je erleben werden. Weit grausamer als 9/11.



Im ersten Kapitel begegnen wir Howard Reed, dem Postboten des Örtchens Drake. Die einzelnen Lieferadressen seines Bezirks liegen so verstreut, dass er sie mit seinem alten Ford anfährt. Wir erfahren davon, wie er seine achtzehn Jahre alte Karre so umbaute, dass er sie vom Beifahrersitz aus lenken und so unmittelbar neben den Briefkästen halten kann. Irgendwann will er mit dem Wagen nach England, wo alle links fahren. Fast nebenbei lesen wir von seiner Frau, die ihn für diesen Traum zum Idioten erklärt, der sich früher oder später selbst umbringen wird.

Reed ist es, der am Ende des ersten Kapitels die Leichen der kompletten Familie entdeckt. Damit ist seine Funktion im Roman allerdings auch erfüllt. Er taucht noch einmal kurz in der Kneipe des Dorfes auf, um dem Ermittler John Puller ein paar Informationen zu geben. Das war‘s. Spätestens am Ende von Kapitel 4 fragte ich mich, was aus Reed wird und wie er mit dem grauslichen Fund umgeht, den er gemacht hat. Ich dachte über Textökonomie nach. Über den Prolog-Charakter dieses Romaneinstiegs. Die Absicht Baldaccis ist klar: Damit der Leser Mitgefühl für Reed entwickeln kann, braucht er Hintergrundwissen über den Mann. Aber ginge das nicht auch eleganter? Wäre es nicht sinnvoll, mit Personen und Informationen zu arbeiten, die für den Roman tatsächlich eine tragende Rolle spielen?

Dieser Beginn ist symptomatisch für eine Geschichte, die bis nahezu zum Schluss von solch irrelevanten Fakten lebt. Wir bekommen Details, die eine Zeitlang als wichtig gelten, die sich im Nachhinein aber als belanglos entpuppen. In der Krimiszene werden diese Art Infos oft „Rote Heringe“ genannt, mutwillig falsch gelegte Fährten. Das ist in Ordnung, solange ein oder zwei dieser Spuren dazu führen, dass die Lösung nicht zu früh offensichtlich wird. Treten sie zuhauf auf, fühlt der Leser sich irgendwann verschaukelt. Genau dies passiert hier.

Die Lösung, die John Puller in bester Agatha-Christie-Manier aus dem Hut zaubert, indem er den Täter mit Motiven und Beweisen konfrontiert, erklärt einen Großteil des Plots zu falschen Fährten. Zwar gibt es immer wieder innerhalb des Romans Hinweise auf mögliche Zusammenhänge, doch gehen diese im Gewirr der ausgelegten Spuren weitgehend unter. Eine der goldenen Regeln des „Whodonit“ lautet: Der Leser muss alle relevanten Informationen bekommen, um selbst auf den Täter stoßen zu können. Das ist hier nur sehr bedingt der Fall. Und David Baldacci weiß das. So präsentiert er, um den Mörder zu überführen, Gesprächsprotokolle, von deren Inhalt bis dahin nie die Rede war. Und auch für die logische Kette, mit der Puller erklärt, wie er auf jene Person kam, gibt es naheliegendere Erklärungsmodelle, die zu einem anderen Täter führen.

Das deutet darauf hin, dass dieser Roman nicht im Vorfeld durchstrukturiert wurde. Baldacchi hat eine Idee, verfolgt sie eine Weile, verliert das Interesse daran und hat am Ende Mühe, alle Fäden irgendwie in Pullers großen Schlussmonolog zusammenzuknüpfen. Das wirkt hilflos und hinterlässt einen schalen Geschmack beim Schließen des Buches.

Die Stärke des Romans „Zero Day“ liegt in der Schilderung des Settings. David Baldacci schreibt detailliert über eine Region, die durch Finanzinteressen immer weiter zerstört wird. Er zeigt die Opfer dieses Raubkapitalismus ebenso wie die Täter. Außerdem gelingt ihm ein eindrucksvolles Porträt einer Familie, die sich im Spannungsfeld zwischen diesen Extremen bewegt. Wer sich darauf einlassen kann, wird Gefallen am Roman finden. Wer einen gut gemachten Krimiplot im CSI-Stil sucht, wird von Baldaccis neuem Schmöker eher enttäuscht.

Titel Zero day : Thriller / David Baldacci. Aus dem Amerikan. von Uwe Anton
Person(en) Baldacci, David ; Anton, Uwe [Übers.]
Verleger München : Heyne
Erscheinungstermin 18.11.2013
Umfang/Format 607 S. ; 22 cm
Einheitssachtitel Zero day ‹dt.›
ISBN/Einband 978-3-453-26906-4, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 9783453269064
Leseprobe randomhouse.de/Buch/Zero-Day-Thriller/David-Baldacci
Kataloglinkamazon.de/gp/product/3453269063/

Herzlichen Dank an den Heyne Verlag für das Rezensions-Exemplar sowie an testleser-werden.de für die Vermittlung!
---------------------------------------------------
Tags: Militärpolizei;   Kohlenabbau;   Verschwörung;   Washington;   Spezialermittler;   CID;   Komplott;   West Virginia;   John Puller
---------------------------------------------------

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen