Samstag, März 14, 2015

Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenwut [Rezension der 4CD-Hörfassung]


Greetsiel ist ein Ortsteil im Norden der Gemeinde Krummhörn im Landkreis Aurich. Das Ortsbild wird geprägt durch alte, gut erhaltene Fischerhäuser, die teilweise noch aus dem 18. Jahrhundert stammen. Zwei holländische Windmühlen stehen am Wasser des Sieltiefs und lassen ihre Flügel im Wind kreisen. Am kleinen Hafen schaukeln zahlreiche Krabbenkutter auf den Wellen.

Hier, am Hafen von Greetsiel, beginnt Klaus-Peter Wolfs neuer Roman „Ostfriesenwut“. Seine Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen hat einen Spaziergang am Meer hinter sich. Es ist November. Der Wind bläst, „als hätte er vor, die Deiche weiter nach hinten ins Festland zu verschieben. Selbst die Möwen hatten Mühe, sich gegen die Böen zu behaupten“, heißt es in einem der ersten Sätze des Hörbuchs. Und dann geht es auch schon los: Mit den ersten Andeutungen auf die kommenden Ereignisse - und mit der ersten Irritation.

Ann Kathrin Klaasen ist nämlich unterwegs zu einem Captains Dinner. Bei denen, die schon einmal eine Kreuzfahrt gemacht oder zumindest einmal eine Folge vom ZDF-„Traumschiff“ gesehen haben, läuft jetzt ein kleiner Film im Kopf ab. Als Höhepunkt oder Abschluss der Reise lädt der Kapitän eines Schiffes zum Empfang, hält eine Rede, alle lassen ihn hochleben, und dann wird feierlich und opulent gegessen. - In Ann Kathrin Klaasens Fall Erbsensuppe.

Wer in den letzten Jahren einmal in Greetsiel war, wird wissen, dass es seit 2007 am Hafen ein Café/Restaurant mit dem Namen „Captains Dinner“ gibt. Zwei alte, eng zusammenstehende Fischerhäuser wurden zum Teil entkernt und 2007 zu einem Gastronomiebetrieb zusammengefasst. Schwarze Deckenbalken über der Bar, im Restaurantbereich alles noch sehr neu, und hell. Aus den Fenstern der Blick auf den Hafen und die Kutter. Hierhin hat es die Kripo-Beamtin verschlagen. Da ich von Greetsiel bisher nicht viel wusste, blieb mir nur die Verwirrung, die noch dadurch gesteigert wurde, dass Klaus-Peter Wolf das „Dinner“ gerade mal einen Halbsatz wert war, mathematisch gesehen noch deutlich weniger.

Denn in den Satz von Captains Dinner und Erbsensuppe flicht er ein, dass der Mörder ihres Vaters gerade mit einer deutlich jüngeren Frau eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank holte. Mir persönlich ist das zu holperig. Und zu schnell. Gerade für ein Hörbuch. Wieder beschleicht mich ein Gefühl, das ich schon von der Audio-Version des „Ostfriesenmoor“ her kenne, dem siebten Band der Serie, den ich vor zwei Jahren als Rezensionsexemplar erhielt: Klaus-Peter Wolf mag als Autor noch so gut sein: Als Hörbuch funktionieren die Bände um die Kripo Aurich einfach nicht. Noch dazu, wenn sie bis aufs Gerippe gekürzt werden und so psychologische Entwicklung wie auch Location weitgehend auf der Strecke bleiben.

Auch die 4-CD-Version von „Ostfriesenwut“ wirkt auf mich, als habe der im Eingang des Romans beschriebene Wind die Geschichte völlig zerzaust. Auf audible.de gibt es eine Komplettlesung des Textes. Sie dauert 16 Stunden und 15 Minuten. Auf der gekürzten Lesung, die der Jumbo-Verlag auf CD anbietet, befinden sich davon lediglich 5 Stunden und 51 Minuten - das ist wenig mehr als ein Drittel des Romans.

Aber das nur nebenbei. Wir waren gerade beim Mörder von Ann Kathrin Klaasens Vater angekommen. „Ostfriesenwut“ ist der neunte Band einer Serie um die Mordkommission der Kripo Aurich. (Auf einem Teil der CDs wird "Ostfriesenwut" fälschlicherweise als achter Fall bezeichnet, was dann unrecherchiert in entsprechenden Rezensionen übernommen wurde.)


Die Geschichte von der Suche nach dem Mörder ihres Vaters wird in Band 4, „Ostfriesensünde“, ausführlich aufgerollt. Als seelische Narbe der Kommissarin geistert dieser Mord allerdings schon länger durch die Buchreihe: Einst wurde ihr Vater während einer verdeckten Ermittlung bei einem Banküberfall erschossen. Natürlich heftet sich Ann Kathrin an die Spur des Täters und kann ihn letztlich stellen. Er kommt ins Gefängnis nach Celle, und die Kripo-Beamtin ist sicher, dass er sich noch heute dort aufhält.

In Wirklichkeit jedoch befindet sich der Mann, der sich selbst neuerdings Dr. Wolfgang Steinhausen nennt, mit einer deutlich jüngeren Blondine beim Liebesspiel auf einem Wasserbett in seinem Luxusappartement. Die Brüste der 29-jährigen wurden gerade erst auf seine Kosten neu gemacht und spannen noch ein wenig. Als es an der Haustür klingelt und Wolfgang Besuch bekommt, beschließt die junge Frau namens Eske Tammena, sich aufzumachen und die Eröffnung der Krimitage im Kulturspeicher Leer zu besuchen.

Sie wird diesen Abend nicht überleben. Bei einem ersten Angriff eines Unbekannten gelingt es noch einigen zufälligen Zeugen, den Mann, der Eske Tammena von hinten eine Stahlschlinge um den Hals zieht, zu überwältigen und in die Flucht zu schlagen. Doch später in der Nacht holt sie ein Angler am Leeraner Hafen aus dem Wasser. Zu diesem Zeitpunkt ist sie längst tot.

Ann Kathrin Klaasen nimmt die Ermittlungen auf. Über Eske Tammenas Adresse lernt sie deren Freundin Kirstin de Boek kennen, die die Nacht über Eskes fünfjährigen Sohn Focko gehütet hatte und sich deshalb in der Wohnung der Freundin aufhielt. Von dorthin bis zu Wolfgang Steinhausen sind es nur wenige Ermittlungsschritte.

In der Fassung des gekürzten Hörbuchs wirkt das Folgende ein wenig holprig. Irgendwann kommt Klaasen auf die Idee, Steinhausen könne eine neue Identität für den Mörder ihres Vaters sein. Und so mutiert die Mordermittlung innerhalb kürzester Zeit zu einem Rachefeldzug. Dumm nur, dass Steinhausen nach Ostfriesland gekommen ist, um seinerseits Rache an Ann Kathrin zu nehmen, die ihm seinerzeit bei der Festnahme das Knie zerschossen hat. Wer jagt hier wen?



Dass dabei die Ermittlergruppe der Mordkommission immer weniger eine Rolle spielt und auch der Mord an Eske Tammena nicht weiter ermittelt wird, macht deutlich, dass Klaus-Peter Wolf mit diesem neunten Band neue Wege beschreitet: Statt eines Krimis liefert er einen Ostfriesland-Thriller ab, in dem die Hauptkommissarin sich als einsame Heldin gegen moralische, seelische und physische Gewalteinwirkung durch ihre Gegenspieler behaupten muss. Und das sind, neben Steinhausen, auch ihre eigene Behörde.

Denn natürlich war Steinhausen ein V-Mann und seine Identität wird weiterhin geschützt, weil er den Behörden wiederholt wertvolle Tipps gegeben hat. Und natürlich werden sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt, damit Ann Kathrin Klaasen in ihrer stetig steigenden Wut diesen Mann nicht enttarnt.

Das kann man mögen. Viele Leser der Serie jedoch reagieren entsetzt. Sie haben sich an die ruhige, besonnene Kriminalkommissarin gewöhnt, die in ihrer Freizeit gern Kinderbücher liest und mit ihrem Partner Frank Weller eine gleichberechtigte Ehe führt. Nun ist die Heldin auf Kamikaze-Kurs, ihr Team spielt kaum noch eine Rolle und selbst ihr Mann wird zum farblosen Statisten.

Klaus-Peter Wolf hat in diesen Thriller alle Themen hineingepackt, die ihn in der Zeit des Schreibens beschäftigten: die V-Mann-Debatte infolge des NSU-Skandals, eine Prise Gustl Mollath und der psychiatrischer Maßregelvollzug, Börsenspekulationen, transatlantisches Datenverkehrskabel und die Verwundbarkeit des Internets, die Abmahnwelle beim Pornostreaming, Biokampfstoffe und zuletzt sogar Mädchen- und Frauenhandel. Das mag zusammen ein buntes Zeitkolorit geben, zusammengepresst auf 4 CDs ist das ein ziemlich dicker Sirup.

Die Stimme von Klaus-Peter Wolf finde ich nach wie vor gewöhnungsbedürftig. Er mag bei Live-Lesungen wunderbarer Entertainer sein, aber er ist eben kein Schauspieler. Seine Figuren sprechen alle gleich, so dass er mir zeitweise schwer fiel zu erkennen, wer jetzt gerade das Wort führt. Dazu kommt phasenweise eine ziemlich irrwitzige Betonung gegen den Strich, bei der Wolf an für ihn wichtigen Stichworten die Stimme hebt, unabhängig davon, wie das im Satzzusammenhang passt. Zum Glück gab er diesen Betonungsversuch bald wieder auf. Aber auch der Wechsel der Kapitel, in der Buchfassung durch Möwen angezeigt, lässt sich in der Hörfassung nur erahnen, so dass die Sprünge von einem Setting zum nächsten, von einem Hauptakteur zu einem anderen, sich teilweise nur schwer nachvollziehen lassen.

All das ändert nichts daran, dass sich Klaus-Peter Wolf mit seinen Ostfriesen-Krimis derzeit auf der absoluten Erfolgsspur befindet. Schon seit längerem finden sich die im jährlichen Abstand im Frühjahr erscheinenden Bände in den Spiegel-Bestsellerliste wieder. „Ostfriesenwut“ nun, schaffte, wie bereits in letzten Jahr der Roman „Ostfriesenfeuer“, auf Anhieb den Sprung auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste, was zu einem großen Teil an den Vorbestellungen der Fans liegen dürfte, die jeden neuen Band heiß herbeisehnen.

Inzwischen ist auch das ZDF hellhörig geworden und bereitet zusammen mit Schiwagofilm die Umsetzung des ersten Bandes „Ostfriesenkiller“ als Fernsehproduktion vor. Und natürlich hat Klaus-Peter Wolf auch Band Zehn um das Team der Kripo Aurich bereits in Arbeit: „Ostfriesenschwur“, der teilweise auf Langeoog spielt, wird im Frühjahr 2016 auf den Markt kommen. Ein Ende des Hypes ist also vorerst nicht abzusehen.

Titel/Bezeichnung Ostfriesenwut / Klaus-Peter Wolf
Person(en)
Wolf, Klaus-Peter [Spr.]
Ausgabe neue Ausg.
Verleger Hamburg : Jumbo
Erscheinungsjahr 2015
Umfang/Format 4CDs ; 5 Std. 51 Min.
ISBN/Einband/Preis 978-3-8337-3383-3 Jewelcase. : EUR 19.99 (DE) (freier Pr.), EUR 19.99 (AT) (freier Pr.), sfr 28.00 (freier Pr.)
EAN 9783833733833
Sprache(n) Deutsch (ger)
Literarische Gattung Krimis, Thriller, Spionage
Erscheinungstermin März 2015

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Jumbo Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar von Ostfriesenwut von Klaus-Peter Wolf zur Verfügung gestellt hat. Ebenfalls Dank an Blogg dein Buch für die Vermittlung zwischen diesem Blog und dem Verlag.

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