Sonntag, Juni 07, 2015

Ray Bradbury: Fahrenheit 451 [Rezension]

Ray Bradbury war ein mit Auszeichnungen überhäufter US-amerikanischer Schriftsteller. Sein Spezialgebiet war der Sci-Fi. Berühmt geworden ist er aber mit einer düsteren Dystopie: Fahrenheit 451.
Eine Zeit, in der Bücher geächtet sind. In der Fernseher ganze Wohnzimmerwände füllen und jeder mit einem Knopfohrhörer herumläuft. Für Bradbury sind dies Zeichen einer zunehmenden Weltentfremdung: Die Leute leben mit dem Fernsehen, und je größer die Bildschirme, desto besser funktioniert die Illusion, mitten im Geschehen zu stecken. Wer nicht vor der Glotze hängt, hat zumindest einen kleinen Knopf im Ohr, so dass er kaum mehr mitbekommt, wenn anderen ihn ansprechen. In ihrer Rundumberieselung verarmen die Leute immer mehr. Den Kontakt zur Wirklichkeit haben sie längst verloren. Ihre Sinne stumpfen ab. Kleine Pillen sorgen dafür, Stimmungsschwankungen auszugleichen.
Bücher haben hier einen schweren Stand. Und das nicht nur, weil die Leute ihr Interesse am Lesen verlieren. Die Fähigkeit zur Konzentration kommt ihnen immer mehr abhanden. Das alles klingt nach billiger Medienkritik, wirkt aber sehr eindringlich, nicht zuletzt, weil Bradbury dieses Szenario bereits im Jahr 1953 entwirft. 60 Jahre später, in einer Zeit der riesigen Curved-TVs und der im Smartphone integrierten Mediaplayer ist die Fassungslosigkeit, mit der der Firefighter Montag - der Protagonist dieses Romans - seiner Umwelt begegnet, anders greifbar als zu Zeiten der Erstveröffentlichung.
Montag gehört zu einer Brigade von Firefightern, die sich auf das Aufspüren und Verbrennen von Büchern spezialisiert hat. Denn in einer Gessellschaft, in der die Gehirne der Masse mittels gleichförmiger Medienberieselung dummgehalten werden, sind Bücher zur Gefahr geworden. Sie könnten die Phantasie anregen, schlimmer noch, sie könnten ungewollte Emotionen hervorrufen. Und natürlich wäre es vorbei mit der Gleichheit aller, wenn die einen sich mit schwerer literarischer Kost beschäftigen, während die anderen ihre Liebe für seichte Romane entdecken. Also durchsuchen die Firefighter bei Verdacht die Wohnungen, tragen die Bücher hinaus ins Freie und verbrennen sie öffentlich. Oder sie fackeln, falls ganze Zimmer mit Bücherregalen vollgestellt sind, auch gern einmal ein komplettes Haus ab. "Fahrenheit 451", so Bradbury, ist die Temperatur, bei der Papier anfängt, Feuer zu fangen und zu verbrennen.
Gleich zu Beginn des Romans begegnet Montag der 17jährigen Clarisse. Sie ist gerade dabei, die Welt zu entdecken. Sie will barfuß durchs Gras tanzen, den Regen auf der Zunge schmecken und das Land durchwandern. Ihre Fragen bringen Montag dazu, sein eigenes Leben mit anderen Augen zu sehen. Verliebt er sich in sie? Zumindest sieht er seine eigene, abgestumpfte und lebensmüde Frau mit anderen Augen.
Er beginnt, bei seinen Einsätzen heimlich Bücher einzustecken und mit nach Hause zu nehmen. Nach einiger Zeit meldet er sich krank, weil er sich nicht mehr in der Lage sieht, diese Schätze zu vernichten. Am Ende ist es seine eigene Frau, die ihn bei den Feuerbrigaden anschwärzt. Sie verlässt ihn, als die Firefighter kommen, um sein Haus anzuzünden. Er, der selbst über Jahre Literatur ins Feuer geworfen hat, wird zum Geächteten. Er flieht und entgeht so der - fast notwendigen - Apokalypse.
Ein Buch über die Liebe zur Literatur. Eine gnadenlose Abrechnung mit unserer Zeit, in der immer mehr Menschen in eine mediale Scheinwelt abtauchen und dort stumpf werden gegenüber dem Leben. Ein Plädoyer für die Sinnlichkeit des Alltags. Für den Mut zum Widerstand. Ein Buch, das mich in seinen Bann gezogen hat, weil es aus der Distanz von über 60 Jahren mein Leben hinterfragt und meine Werte zurechtrückt.
Stellenweise neigt Bradbury zur Predigt. Clarisse etwa, die mit jedem ihrer Sätze Bilder in mir hervorruft vom Irrsinn unserer Zeit. Die gnadenlos abrechnet mit unserer Art, die Tage vollzustopfen und abends todmüde, aber leer, ins Bett zu fallen. Oder Captain Beatty, Montags Vorgesetzter bei den Firefightern, der viel Verständnis zeigt für Montags Neugier, der aber gerade in seiner Tirade über die Bücher aufzeigt, wie wichtig diese auch heute noch sind. Oder der Professor für englische Literatur, Faber, mit dem Montag sich später verbündet. Sie alle haben ihre Monologe in diesem Roman, die nur allzu deutlich die Funktion ihrer Sprecher im Gesamtkonstrukt positionieren
Sonderbarerweise sind es genau diese Passagen, die mir zuerst einfallen, wenn ich an den Roman denke. Es sind Monologe, die in mir die Lust wecken, sie auswendig zu lernen, um sie ständig präsent zu haben, um sie mir ganz zu eigen zu machen.
Ray Bradburys "Fahrenheit 451" ist ein kleiner Schatz, weil er nicht nur ein Loblied auf die Literatur singt, sondern mit jeder Seite zeigt, wie wichtig Bücher sind, um der medialen Dauerberieselung unserer Zeit etwas Stille und Reflexion entgegenzusetzen.

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