Sonntag, Juli 19, 2015

Natalie Simon: Das Lied des blauen Mondes [Rezension]


Juliette Blandford arbeitet als Restaurateurin beim alten Guy Rousseau in dessen Kunsttischlerei. Diese liegt mitten im Quartier Faubourg St.-Antoine, einem Pariser Viertel, das gerade zum neuen Ziel der Gentrifizierung geworden ist: Die alten Einzelhändler und Gewerbetreibenden können sich die ständig steigenden Mieten nicht mehr leisten und machen Platz für „Boutiquen, teure Friseure und Schnickschnack-Läden für Touristen“.

Die kleine Werkstatt, in der Isabelle und Guy zumeist antiquarische Möbelstücke restaurieren, geht mehr schlecht als recht. Als Transportfahrzeug, mit dem sie die Möbel abholen und ausliefern, nutzen sie den Kleinbus des benachbarten Gemüsehändlers. Nun soll das Gebäude, in dem sich nicht nur ihre Werkstatt, sondern auch ihre Wohnungen befinden, verkauft werden und die Kündigung liegt auf dem Tisch.

Emotionale Unterstützung erhält Juliette von ihrer Tante Manon. Die war in den 60ern eine begnadete Chan­son­ni­è­re und ist gerade nach Paris zurückgekehrt, wo sie das Haus ihrer Jugendliebe  geerbt hat. Die alte Dame erweist sich als ungeheuer kommunikativ und spannt jeden, den sie kennenlernt, für ihre Zwecke ein. Unter anderem auch Gérard, einen jungen Antiquitätenhändler, der sich das Interieur der alten Villa ansehen soll, die sie gerade bezogen hat.

Dass sich Gérard und Juliette ineinander verlieben und Manon ihren Teil dazu beiträgt, dass die beiden zusammenkommen, überrascht wenig. Überhaupt ziehen sich die ersten 80 Seiten des Romans ein wenig. Das Autorenduo Tanja Schlie und Karin Traoré, das die Geschichte unter dem französisch anmutenden Namen „Natalie Simon“ veröffentlicht hat, zeigt zunächst die Protagonistin Juliette in ihrem Pariser Alltag: dem Gang zum Bäcker, einen Besuch im Café, Smalltalk. Dazu viele Erklärungen über den bisherigen Lebensweg. Erklärungen zum Quartier. Zur Arbeit. Vieles wird erzählt, erstaunlich wenig gezeigt. Das Paris-Flair bleibt in Oberflächlichkeiten hängen, in Klischees, wie dem Baguette, das Juliette gleich auf der ersten Seite des Romans kauft.

Auch die Dialoge wirken zuweilen wenig pointiert. Da hilft auch nicht,  dass die beiden Autorinnen häufiger als andere Romanciers mit französischen Floskeln um sich werfen. Ein Beispiel: Guy erzählt Juliette von einem Brief ihres Vermieters. "Diesmal ist es eine Kündigung. Wir sollen ganz raus." - " Ô non!" - "Mais oui." - "Das kann doch nicht sein." - "Und ob das sein kann. Ich habe es schwarz auf weiß."

Die Absicht hinter solchen schulfranzösischen Kurzsätzen ist deutlich. Sie dienen dem Lokalkolorit und verhelfen dem Text zu einem französischen Touch. Dabei macht es nur offensichtlich, dass dies eben keine französische Übersetzung ins Deutsche ist, denn kein Übersetzer würde derart viele Floskeln in Originalsprache stehen lassen, wie sie sich in diesem Roman finden. Und das führt zu einem weiteren Problem. Positiv formuliert: Die Bedeutung der Phrasen erschließt sich problemlos aus dem Zusammenhang. Negativ formuliert: Es sind überflüssige Worthülsen ohne jedwede inhaltliche Relevanz.

Dieser Hang zum Banalen zeigt sich auf den ersten Seiten des Romans häufiger. Nehmen wir eine frühe Begegnung zwischen Juliette und Gérard. Drei Mal sind sich Juliette und er bisher über den Weg gelaufen, zufällig natürlich. Auch jetzt beginnt Gérard die Kommunikation mit: "Juliette? Das gibt es ja nicht! So ein Zufall." - "Hallo." Selbstkritisch merken die Autorinnen an dieser Stelle an: „Mehr fiel ihr nicht ein.“ Gerard fährt fort: "Wie geht es Ihnen?" Wieder ein Einschub der Autorinnen, um die Frage ein wenig mit Bedeutung aufzuladen: „Juliette sah ihn skeptisch an. Sah sie so schlecht aus?“ Eine typisch weibliche Reaktion auf  eine solche Frage zur Begrüßung, schließe ich mal. Juliette erwidert: "Gut. Ich bin nur spät ins Bett gekommen." Natürlich gibt es solche banalen Unterhaltungen im wahren Leben. Aber dient Literatur nicht auch dazu, dieser Banalität zu entfliehen? Oder zeigt sich hier einfach die Crux des Romans: Es geht nicht um Literatur, sondern um eine leichte Sommerlektüre.

Nicht zufällig haben die Autorinnen zahlreiche Liedzitate in den Text eingebaut. Die Liste reicht von Charles Aznavours „Hier encore“ über Françoise Hardys „Tous les garcons et les filles“ über Julio Iglesias‘ „Fidèle“, bis zu Axelle Reds „Parce que c’est toi“ und Stromaes „Papaoutai“. Diese Songs bilden den Soundtrack zu dieser Geschichte, federleicht, zumeist jedem Frankreich-Fan bekannt, so dass beim Lesen schnell weiterreichende Assoziationen auftauchen, die dem Text einen weiteren Sympathie-Faktor verleihen. Ausschnitte aus den Lyrics einiger der Lieder finden sich auch  im Anhang des Romans, sowohl im Original als in deutscher Übersetzung. (Ich habe auf Spotify eine Playlist mit allen im Text erwähnten Chansons zusammengestellt. Sie hat tatsächlich das Zeug, zu meinem Soundtrack des Sommers zu werden.)

Gerade am Anfang von "Das Lied des blauen Mondes" flattert die Erzählperspektive: Es kann es durchaus passieren, dass ich eben noch mit dem Pianisten Jean-Claude dessen erste Begegnung mit Manon nacherlebe, um einen Absatz später bereits Manons inneres Beben angesichts dieses „Coup de foudre“ beschrieben zu bekommen. Selbst die Emotionen der "übrigen Anwesenden" finden ihren Platz in einem eigenen Absatz in derselben Szene. So fällt es schwer, mit den Protagonisten mitzugehen, da ich ständig aus der Perspektive gerissen werde und umdenken muss. Ich merke, wie ich an solchen Bruchstellen auf emotionalen  Abstand zum Text gehe, statt, wie es wohl die Autorinnen beabsichtigt hatten, von einem Gefühl zum nächsten zu springen und so den magischen Moment, von dem die Rede ist, zu teilen. Später im Text halten die beiden Autorinnen, die unter dem Namen "Natalie Simon" firmieren, die Perspektive deutlich besser durch, so dass es sich lohnt, den Text nicht gleich wieder zur Seite zu legen.

Emotional wirklich stark gelungen sind zum Beispiel Manons Erinnerungen an das Kriegsende, ihr eigenes Schicksal als „Bâtard de Boche“, als Besatzungskind: Manons Mutter hatte sich mit einem deutschen Soldaten eingelassen und Manon war das Ergebnis dieser Liaison. In solchen Passagen gewinnt der Text eine Stringenz und Authentizität, die gefangen nimmt und betroffen macht.
Ähnlich eindrucksvoll gelungen sind auch die Szene aus dem Mai 68, als Lilly, eine Tochter aus gutem Hause, sich auf die Suche nach ihrem Verlobten Jean-Claude macht. Das Entsetzen, von einem Vertreter der Staatsmacht völlig grundlos zusammengeschlagen zu werden, spiegelt besser als alle Augenzeugenberichte die damalige  Situation in Paris. Gerade weil Lilly absolut unpolitisch ist, trifft sie die Realität der Barrikadenkämpfe besonders hart.

In solche geschichtlichen Rückblenden, vor allem in Manon und ihren Erinnerungen, erweist sich die Fähigkeit des Autorinnenduos Natalie Simon und die Stärke des Romans. Leider bekommt Manon im weiteren Verlauf der Handlung immer weniger Raum. Der Fokus der Geschichte liegt auf Juliette, ihrer ambivalenten Beziehung zu Gérard und auf dem Versuch, die Ébénisterie zu retten. Statt die alte Dame in pointiertem Dialog mit den anderen Protagonisten zu zeigen, wie es seinerzeit Anna Gavalda in „Zusammen ist man weniger allein“ gemacht hat, beschränkt sich Manons Rolle im Paris der Gegenwart weitestgehend auf die der Strippenzieherin.

Da eine passive Protagonistin generell keine gute Hauptfigur abgibt, ist Juliettes Rolle als junge Frau, die eigentlich keine Beziehung will, die sich nicht entscheiden kann, die sich aus Eifersucht zurückzieht und sämtliche Kontaktversuche Gérards abblockt, von vornherein schwierig. Auch die Impulse zur Rettung der Ébénisterie, der Tischlereiwerkstatt, gehen nicht von ihr, sondern von Manon und deren Kontakten aus. Damit aber nimmt sich "Das Lied des blauen Mondes" einen Großteil seiner Möglichkeiten.

Stark ist der Roman dort, wo er mit Manon eine selbstbewusste Frau zeichnet, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt und gegen alle Widerstände ihren Weg geht. Ihre Lebensgeschichte, deren Schwerpunkt auf den 40er und 60er Jahren liegt, machen den Roman in meinen Augen lesenswert. In diesen Passagen finden sich Szenen, die lange im Gedächtnis bleiben werden. Wer Frankreich mag und Lust auf eine leichte Liebesgeschichte hat, mit ein paar nicht ganz so leicht verdaulichen Brocken Historie, dem wird "Das Lied des blauen Mondes" von Natalie Simon sicherlich gefallen.

Titel/Bezeichnung Das Lied des blauen Mondes : Roman / Natalie Simon
Person(en) Simon, Natalie
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Berlin : Aufbau
Erscheinungstermin 19. Juni 2015
Umfang/Format 320 S. ; 19 cm
Parallele Ausgabe(n) kindle edition
Ungekürztes Hörbuch bei audible.de
ISBN/Einband/Preis 978-3-7466-3140-0 kart. : EUR 9.99 (DE), EUR 10.30 (AT), sfr 14.90 (freier Pr.)
3-7466-3140-8
Bestellnummer(n) 656/33140
EAN 9783746631400
Leseprobe aufbau-verlag.de/media/Upload/leseproben/9783746631400.pdf
Kataloglink "Das Lied des blauen Mondes" bei amazon.de

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Aufbau Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar von "Das Lied des blauen Mondes" von Natalie Simon zur Verfügung gestellt hat.

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