Montag, August 03, 2015

Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen [Rezension]


Ein klassischer Fall: Philip Marlowe, Privatdetektiv, soll für eine schöne blonde Frau deren Liebhaber suchen. Offiziell ist Nico Peterson bei einem Autounfall mit Fahrerflucht vor dem Cahuilla Club in Pacific Palisades ums Leben gekommen und ebenso offiziell ist er beerdigt worden. Nur hat Marlowes Auftraggeberin, Claire Cavendish, ihn noch vor einer Woche höchst lebendig in San Francisco auf der Straße herumlaufen gesehen. Die alte Geschichte: Bevor sie sich vom Schock erholt hatte, war er verschwunden; der Verkehr war zu dicht, um ihren Wagen wenden zu können und überhaupt waren die Chancen, ihn in dem Gedränge wiederzufinden, gleich null. Nun also sitzt sie im Büro des Privatdetektivs, verführerisch schön, eingehüllt in eine Wolke teuren Parfüms, und beauftragt ihn, sich auf die Suche nach Nico zu machen.

Über Nicos Beruf weiß sie so gut wie nichts. Nur, dass er ständig auf dem Weg zu irgendwelchen Leuten war und indirekt etwas mit dem Filmbusiness zu tun haben musste. Und eben seit Wochen nicht mehr erreichbar war, auch sein Haus nicht mehr betreten hat, vor dessen  Tür sich die Zeitungsberge häuften.

Wir befinden uns im Los Angeles des Jahres 1951. Im Kino läuft die Vorschau für Curt Siodmaks "Bride of the gorillas" und Marlowe sieht sich eine Wiederholung von "Horse Feathers"  der Marx Brothers an, findet sie aber nicht besonders lustig. Er hat wenig bis keine Aufträge, steht oft am Fenster seines Büros am Cahuenga Boulevard und beobachtet die Passanten. Die schöne Cavendish kommt ihm gerade recht, und natürlich nimmt er den Auftrag an. Schnell merkt er, dass er nicht der Einzige ist, der sich an Nicos Fersen geheftet hat.

John Banville, der als Benjamin Black Krimis schreibt, gibt sich nicht allzu viel Mühe, beim Leser Sympathien für seine Protagonisten zu wecken. Und so dümpelt die Story von einer chandleresken Situation zur nächsten, immer mit einem gewissen Wiedererkennungswert, aber auch einer gewissen Beliebigkeit. War Raymond Chandler, der Erfinder des Privatdetektivs Marlowe, noch ein Meister in der Kunst, auch banale Nebenszenen mit Spannung aufzuladen, scheint Banville die Szenenfolgen vor allem dazu zu benutzen, den Stil Chandlers zu evozieren. Das gelingt ihm vor allem bei den Vergleichen: "Das Telefon auf dem Schreibtisch sah aus, als wüsste es, dass es beobachtet wurde" heißt es bei Banville etwa, oder "Nico Peterson erinnerte an eine misshandelte Rinderhälfte in einem glänzenden Anzug". Und zugegeben: John Banville alias Benjamin Black  ist technisch routiniert genug, diese Marotte Chandlers augenzwinkernd weiterzuführen.

Den melancholisch-lakonischen Tonfalls, der Marlowes Weltsicht bei Chandler bestimmt, trifft Banville hingegen nur selten. In „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ ist der Privatdetektiv eher neutral-distanzierter Beobachter der Welt um ihn her, selbst wenn er zuweilen einen Hieb gegen die Schläfe einstecken muss.

Was den Lesegenuss schmälert, ist der häufige Gebrauch von Klischees, die bei Chandler ev. noch originell waren, mit den Jahren jedoch ihre Wirkung weitgehend aussetzten. Spätestens, wenn die Auftraggeberin, Claire Cavendish, das dritte Mal innerhalb weniger Kapitel errötet, wird klar, dass es um John Banville alias Benjamin Blacks Fähigkeit, Emotionen zu zeichnen, nicht weit her ist. Zumal sie nicht die einzige errötende Frau in diesem Buch bleiben wird.

Für Chandler ebenso untypisch sind die zahlreichen Seitenhiebe auf die englischen Traditionen, auf warmes Ale und zerkochtes Beaf etwa, auf das britische Wetter, Autos oder Teetraditionen. Seit Marlowes erstem Besuch im Cahuilla Club häufen sich diese Bilder unangenehm. An einer Stelle wird Banville das Gesicht des Polizisten Bernie Ohls, stellvertretender Leiter der Mordkommission im Büro des Sheriffs, mit einem englischen Cottage-Loaf-Brot vergleichen. Spätestens da bricht Banville aus der Perspektive seines Protagonisten komplett aus und outet sich als Insel-Europäer.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Setting. Chandler konnte ganze Absätze mit dem niedergehenden Regen einer einsamen Nacht im Auto füllen, und in jeder Sekunde erlebte der Leser mit Marlowe die Umgebung, in der dieser sich befand. So sehr war das Nacht-Setting Teil der Geschichten, dass die Storys bald schon einen neuen Trend schufen: Die Krimis der 40er und 50er Jahre spielten zumeist in der Dunkelheit und waren geprägt vom Pessimismus der Depressionsjahre und des Krieges. Der Verlag Gallimard übersetzte diese Geschichten ins Französische und schuf für sie den prägenden Titel: Série Noire - die Schwarze Serie.

Banville nun verlegt die Handlung seines Marlowe-Romans von der Nacht in den Tag. Die Sonne scheint gnadenlos, und jedes Mal, wenn der Detektiv in sein Auto steigt, schlägt ihm die aufgestaute Hitze entgegen, so dass er sich am Lenkrad fast verbrennt. Damit verändert der Autor aber grundsätzlich die Atmosphäre. Wenn „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ eines nicht mehr ist, dann ist es ein „Noir“.

Erfolgreiche Bücher oder Buchreihe nach dem Tod des Autors fortzusetzen, gilt schon seit längerem als Erfolgsrezept in der Branche. Und zwar durch alle Genres. Ich denke an „Pu der Bär. Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald“ von David Benedictus, an die „Vom Winde verweht“-Fortsetzungen „Rhett“ und „Scarlett“, ein wenig auch an das verunglückte Hank Moody-Imitat „God hates us all“, in dem es ja auch darum ging, den Tonfall des Originals nachzuempfinden und fortzuspinnen. Und natürlich an die neuen Sherlock Holmes-Romane von Anthony Horowitz und die James Bond-Romane von John Gardner. Für die Liebhaber der Originale waren all diese Bücher mehr oder weniger enttäuschend.

Auch an Philip Marlowe hatte sich von etwa 15 Jahren bereits ein anderer Autor abgearbeitet: Robert B. Parker hatte sich als Chandler-Epigone von Gnaden der Erbengemeinschaft "Raymond Chandler Limited"  mehr schlecht als recht gehalten. Sein Versuch mit "Einsame Klasse", die unvollendeten Aufzeichnungen Chandlers für einen weiteren Marlowe - Roman nach dessen Tod veröffentlichungsreif zu ergänzen, mag trotz einiger harscher Kritiken noch zu einem finanziellen Erfolg geführt haben. Immerhin durfte Parker einen zweiten Marlowe-Roman, "Tote träumen nicht", hinterher schieben. Doch diese Fortsetzung von "Der große Schlaf", fiel bei Kritik und Leserschaft weitestgehend durch und beendeten Parkers Karriere als offizieller Nachfolger Chandlers.

Die Kritiken zu John Banville alias Benjamin Blacks "Die Blonde mit den schwarzen Augen" hingegen klingen zunächst überaus begeistert. »Banville trifft den Tonfall Chandlers mit bewundernswerter Präzision und versetzt die Leser augenblicklich zurück in das Los Angeles der 50er-Jahre.« heißt es beispielsweise im Focus. Und die New York Times meint, es sei »bemerkenswert, wie frisch sich das Buch liest, dabei hält es sich eng an die literarischen Vorgaben. Black hat den Nagel auf den Kopf getroffen.«

Immerhin ist John Banville mit zahlreichen Auszeichnungen versehen, unter anderem dem hochdotierten Booker-Prize. Man kann also davon ausgehen, dass er sein Handwerk einigermaßen versteht. Aber eine Kopie kann eben im besten Fall ein Imitat des Originals sein, nie wirklich dessen Qualitäten weiterführen. Vielleicht ist das auch gar nicht sinnvoll. John Banville ist vielleicht dann am besten, wenn man ihn als einen John Banville liest und nicht als einen Raymond Chandler. Für mich ist „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ vor allem ein Grund gewesen, einmal wieder ein paar der alten Chandler-Romane in die Hand zu nehmen. Und mit vollem Genuss in ihre Stimmung einzutauchen.

Titel/Bezeichnung Die Blonde mit den schwarzen Augen : ein Philip-Marlowe-Roman / John Banville alias Benjamin Black. Aus dem Engl. von Kristian Lutze
Einheitssachtitel The black-eyed blonde ‹dt.›
Person(en) Banville, John
Lutze, Kristian [Übers.]
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Köln : Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungstermin 2. April 2015
Umfang/Format 285 S. ; 22 cm
Parallele Ausgabe(n) eBook: kindle edition

Hörbuch-Download auf audible.de
mp3-CD
ISBN/Einband/Preis 978-3-462-04740-0 kart. : EUR 16.99 (DE), EUR 17.50 (AT), sfr 24.00 (freier Pr.)
3-462-04740-X
EAN 9783462047400

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir ein Rezensionsexemplar von "Die Blonde mit den schwarzen Augen" von John Banville alias Benjamin Black zur Verfügung gestellt hat.

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