Sonntag, September 13, 2015

David Lagercrantz: Verschwörung [Rezension]


Frans Balder, ein Computerexperte auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, macht sich auf den Weg, seinen Sohn August aus den Händen seiner Frau und deren neuen Lebensgefährten zu befreien. Eine Psychologin hatte Kontakt mit ihm aufgenommen und ihm von besorgniserregenden blauen Flecken überall auf Augusts Körper erzählt. Und als Frans anfing, genauer nachzuforschen, erfuhr er, dass auch das ganze Geld, das er seiner Frau für Ausbildung und Therapie des Jungen geschickt hatte, nie zu dem Zweck ausgegeben wurde, für den es bestimmt war. August ist Autist. Und Frans der Ansicht, es sei Zeit, dem Jungen die Geborgheit zu geben, derer er bedarf.

Das wäre sicherlich eine gute Idee, hätte nicht die russische Mafia Interesse an jener Software, die Balder derzeit entwickelt. Sie dringt in sein Haus ein, stielt Balders Laptop und erschießt zur Sicherheit dessen Besitzer. August bleibt am Leben, wodurch er zum einzigen Zeugen des Verbrechens wird und nun selbst in Lebensgefahr schwebt. Es dauert nicht lang, bis auch auf ihn ein erstes Attentat verübt wird.

Immerhin: Kurz vor seinem Tod rief Balder noch Mikael Blomkvist an, um mit ihm über die KI-Technologie, über Datenhacks und über die Zukunft der computergesteuerten Welt zu reden. Und so landet die ganze Geschichte in der Hand des Milleniums-Journalisten und seiner Freundin Lisbeth Salander. Während Mikael sich um die Recherche der Hintergründe kümmert, nimmt sich Lisbeth des autistischen Jungen an und flieht mit ihm. Dabei hatte sie sich gerade erfolgreich in den innersten Sicherheitsbereich der NSA gehackt und begonnen, mit deren Mitarbeiter Katz und Maus zu spielen.

Soweit in Grundzügen der Ausgangspunkt des Romans "Verschwörung" von David Lagercrantz, konzipiert als vierter Band der Milleniums-Trilogie von Stieg Larsson. Über das Fortschreiben von Buchreihen verstorbener Autoren habe ich kürzlich an anderer Stelle bereits ausfürlich meine Meinung kundgetan und werde es an dieser Stelle nicht wiederholen. Statt dessen will ich kurz beschreiben, warum ich bereits nach wenigen Seiten den neuen Roman als Verrat an den Idealen Larssons empfand und mir die Galle überkochte.

Springen wir kurz ins zweite Kapitel des Romans. Frans Balder hat gerade seinen Sohn aus den Fängen seiner Frau Hanna und ihres korrupten und verschwendungssüchtigen Partners Lasse Westman befreit. Zeit für einen Szenenwechsel zum eigentlichen Protagonisten der Milleniums-Trilogie, Mikael Blomkvist, der wiederum als besseres alter ego von Stieg Larsson anzusehen ist. Beide kämpften in einer kleinen, links ausgerichteten Zeitschrift für die Gerechtigkeit in der Welt und gegen den eigenen Konkurs, pflegten den investigativen Journalismus und hatten eine dezidiert eigenständige Meinung zur Entwicklung Schwedens. Für diejenigen, die sich für Larssons Biografie nie interessiert hatten: Stieg war Herausgeber der Zeitschrift Expo, die sich in vielen Punkten in seiner Beschreibung von Millenium widerspiegelt.

Stieg Larsson galt als wandelndes Lexikon in seinen Spezialgebieten. Und so floss in seine Romane wie nebenbei viel Wissenswertes über die schwedische Gessellschaft ein, über Skandale und den politischen Rechtsruck, über Frauendiskrimierung und Wirtschaftsverflechtungen. Was nur logisch war, denn dies waren die Themen, über die er als Herausgeber von Expo eben recherchierte und denen sein Herzblut galt. Insofern war seine Milleniums-Trilogie ein Wiedererstarken des engagierten Polit-Thrillers, eines Genres, das seinen Höhepunkt in den späten 1960er und den 1970er Jahren hatte, zu den Zeiten, als Maj Sjöwall und Per Wahlöö ihren Kommissar Beck entwickelten, und das seither immer ein wenig in der Thrillerlandschaft nebenher dümpelte.

Kehren wir zurück zu Mikael Blomkvist. Der hat sich gerade breitschlagen lassen, dreißig Prozent von Millenium an den Großkonzern Serner Media zu verhökern, der bisher eher im Bereich Yellow Press seine Meriten verdient hat. Begründung: Der Vanger-Konzern musste seine Zuschüsse zurückfahren, die Anzeigenkunden gehen zurück und die Zusatzeinnahmen durch Bucherfolge fehlen. Die Idee ist ein bisschen, als würde sich der Burda-Verlag als Anteilseigner bei der taz anbieten - und diese darauf eingehen. Nun wundert sich Mikael in seiner Wiederbelebung durch David Lagercrantz also, als Programmgeschäftsführer Ove Levin versucht, Millenium ein klein wenig in Richtung Vanity Fair oder Esquire zu drücken: Promis, Premieren und glamouröses Leben, Sie wissen schon ...  Und diese Mikael-Replik hat "dagegen prinzipiell nichts einzuwenden".

Um das zu begreifen, muss man sehen, wie Lagercrantz Mikael in eine psychologische Krise stürzt. Seit der Zalaschenko-Affäre hat Mikael keine gute Story mehr gelandet, heißt es im zweiten Kapitel von "Verschwörung". Und so macht er sich klar, dass "seine eigene Vision für Millenium auf irgendeiner höheren Ebene zwar edel sein mochte, dem Magazin aber nicht unbedingt das Überleben sichern würde." So überlegt er, sich beruflich komplett neu zu orientieren und die Zeitschrift zu verlassen: "Nicht währt ewig, vielleicht nicht einmal die Liebe zu Millenium, und noch dazu waren die Zeiten für investigative Journalisten hart." Wann waren die Zeiten nicht hart, könnte man einwenden und sich darauf berufen, dass auch der Blomkvist der Milleniums-Trilogie schon immer um das Überleben seiner Zeitschrift gekämpft hatte, ohne sich jemals kleinkriegen zu  lassen. Nur waren beim Original nicht "auf irgendeiner höheren Ebene" edle, sondern von der politischen Überzeugung motivierte Überlegungen für das Weiterkämpfen aussschlaggebend.

Lagercrantz tritt nach, indem er Mikaels Widersacher, den Wirtschaftsjournalisten William Borg, eine Kolumne in den Mund legt. Darin fragt dieser, "ob man als Reporter wie Blomkvist tatsächlich 'die Fehler immer nur bei der Wirtschaft suchen und an einem überholten Konzept des Journalismus aus den Siebzigern festhalten' müsse oder wie William Borg selbst vielmehr 'allen Neid über Bord werfen und die Größe jener herausragenden Unternehmer anerkennen sollte, die Schweden den Aufschwung beschert habe.'" Infolge dieser Kolumne melden sich Stimmen, die meinten "es sei kein Zufall, dass ausgerechnet Blomkvist in den letzten Jahren ins Hintertreffen geraten war, weil er 'offenbar davon ausgehe, dass sämtliche Konzernchefs Verbrecher wären'", er müsse als ein "Relikt einer vergangenen Epoche betrachtet werden" und so weiter.


Natürlich kann man erwidern, jeder Protagonist brauche Gegenwind, um an seinen Feinden zu wachsen. Das Problem bei David Lagercrantz ist jedoch, dass er in seinem Roman dieselbe Position vertritt wie die Figur William Borg. Nicht nur lässt er Blomkvist an sich selbst zweifeln: "Niemand interessierte all dieser Blödsinn weniger als ihn. Das redete er sich zumindest ein." Als später Linus Brandell, ein ehemaliger Mitarbeiter Branders, an Mikael herantritt, wiederholt der Journalist genau diese medialen Anfeindungen als eigene Überzeugung: "Ich glaube auch, dass das eine interessante Geschichte sein könnte, Linus. Aber leider nicht für mich. Ich bin kein EDV-Experte – ich bin ein Steinzeitmensch, wie eine kluge Person kürzlich erst über mich geschrieben hat."

Dieses zweite Kapitel legt den Grundton des Romans. Kein Polit-Thriller mit einem "überholten" Konzept aus den Siebzigern, sondern ein beliebiges Thriller-Potpourri mit einer Prise NSA, frei von politischen Konnotationen. Was ja auch schon eine gewisse Leistung darstellt. Dafür ein paar Hintergrundinformationen über Autismus und Savants, Mathematik und Sicherheitstechnik, Themen eben, die funktionieren, egal, ob der Leser politisch eher konservativ oder links denkt. Gemixt mit den üblichen Thriller-Zutaten. Alles in allem nichts weniger als ein kompletter Verzicht auf alles, was die Milleniums-Trilogie lesenswert machte. Angekündigt bereits auf den ersten Seiten und konsequent durchgehalten.

Um nicht missverstanden zu werden: Das Buch liest sich gut, nimmt zunehmend an Drive auf, auch wenn im letzten Drittel die Technik des Cliffhangers ein wenig arg strapaziert wird. Es ist bloß furchtbar belanglos ohne Larssons Engagement, ohne sein Hintergrundwissen und seine Visionen. Popkornkino für den Kopf eben.

Titel/Bezeichnung Verschwörung : Roman ; [nach Stieg Larsson] / David Lagercrantz. Aus dem Schwed. von Ursel Allenstein
Einheitssachtitel Det som inte dödar oss ‹dt›
Person(en) Lagercrantz, David
Allenstein, Ursel [Übers.]
Larsson, Stieg
Verleger München : Heyne
Erscheinungstermin 27.08.2015
Umfang/Format 601 S. : Kt. ; 22 cm
Parallele Ausgabe(n) Hardcover
kindle eBook
Hörbuch-Download (ungekürzt)
mp3-CD (gekürzt)
ISBN/Einband/Preis 978-3-453-26962-0 Pp. : EUR 22.99 (DE), EUR 23.70 (AT), sfr 32.90 (freier Pr.)
3-453-26962-4
EAN 9783453269620

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