Dienstag, Oktober 27, 2015

Andrea Schacht: Katzenweihnacht [Rezension]


Es weihnachtet im Bücherwald. Für die Verlage ist jetzt die Zeit, die Weihnachtsbücher auf den Markt zu werfen. Mit dabei die Wiederveröffentlichung zweier Katzen-Geschichten von Andrea Schacht, die ja regelmäßig Feliden zu Protagonisten ihrer Bücher macht. Nun also zwei Katzengeschichten, die der Aufbau Verlag am 21.09.2015 unter dem Titel „Katzenweihnacht“ veröffentlicht. Dieser Band ist bereits 2008 schon einmal als ATB 2499 erschienen und beruht auf zwei Bänden, die noch älter sind: „Die himmlische Weihnachtskatze“, Rütten und Loening 2003 und „Die Katze und der Weihnachtsengel“, ebenfalls Rütten und Loening, 2005. Wer sich auf einen völlig neuen Text gefreut hat, wird also enttäuscht sein. Da aber beide Bände mittlerweile antiquarisch nur noch schwer zu bekommen sind, macht die Neuausgabe vielleicht sogar Sinn und hilft, Andrea Schacht ein paar neue Fans zu generieren.

Worum geht es? In der ersten Geschichte des Bandes, „Die himmlische Weihnachtskatze“ wird ein altes Märchen in die Gegenwart transponiert. Alle dreizehn mal dreizehn Jahre kommt eine abgesandte Katze aus dem Reich der goldenen Steppe, einem Ort „in weiter Ferne, dort wo wir nachts die Sterne leuchten sehen“. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen Weisheit zu lehren. Dreizehn Wünsche kann sie den Menschen erfüllen.


Eine solche Sternschnuppen-Katze landet in der Weihnachtszeit auch im Vorgarten der 10-jährigen Bettina. Die lebt mit ihrem Vater, dem Zahnarzt Marius, und der Haushälterin Frau Schindler und deren Sohn Bertram zusammen in einem kleinen Häuschen, in dem sich auch die Praxis des Vaters befindet. Deswegen darf Bettina keine eigene Katze haben. Nur der Streuner Rambert schaut ab und zu auf einen Happen bei ihr vorbei, traut den Menschen aber nicht sonderlich über den Weg.

Nun sitzt also die Sternschnuppen-Katze vor Bettinas Fenster. Bettina lässt sie herein und merkt schnell, dass „Sternchen“, wie sie das Tier wegen dessen ungewöhnlicher Fellzeichnung nennt, eine besondere Fähigkeit hat: Sie kann Sternschnuppen vom Himmel regnen lassen. Und wer sich etwas wünscht, wenn er eine Schnuppe sieht, dessen Wunsch geht in Erfüllung. Praktisch, wie Bettina veranlagt ist, wünscht sie sich zunächst eine Palette Katzenfutter.

Leider teilt sie ihr Geheimnis mit Bertram, der sich sofort all die Dinge herbeiwünscht, die ein kleiner Junge erstrebenswert findet: einen Haufen Apfelberliner, weil das Abendessen nicht so lecker war; ein ferngesteuertes Polizeiauto; und schließlich noch ein megaangesagtes Mountainbike. Auf den Geschmack gekommen, entführt er heimlich Sternchen und sperrt sie in den Keller, um sie seinen Freunden vorzuführen.

Diese Geschichte wird weitgehend aus der Sicht der kleinen Bettina erzählt und ist wahrscheinlich auch für die Altersgruppe ab zehn Jahren konzipiert worden. An einigen Stellen war ich unsicher, ob ich jüngere Kinder damit konfrontieren würde. So zitiert Andrea Schacht die ägyptische Katzengöttin Sekmet mit den Worten „Wenn ich Menschen morde, frohlockt mein Herz!“. Den Lehrplan für den Deutschunterricht der Grundschulen habe ich mir nicht angesehen, stolperte aber über einen Satz, in dem eine Schulstunde Bettinas beschrieben wird: „Dem Dativ schenkte sie keine Beachtung, des Genitivs Bedeutung blieb ihr verborgen, den Akkusativ ließ sie an sich vorbeirauschen, ohne dass er Spuren hinterlassen konnte, und auch der Nominativ hatte keine Chance, ihr Herz zu erreichen.“ Eine Seite später wiederholt Andrea Schacht diese Reihung mit den Worten: „... abgelenkt, hatte der Indikativ keine Möglichkeit, sich ihr einzuprägen, und trat den Rückzug an. Der Konjunktiv hätte gern versucht, zum Ziel zu kommen, doch nur der Imperativ drang zu ihr durch: ‚Bettina, wach auf!‘, sagte die Lehrerin in barschem Ton.“ Das mag für Erwachsene hintergründig sein, die meisten Kinder im Zielgruppenalter aber ratlos zurücklassen.

Ein entscheidendes Kriterium, warum ich das Buch keinem Kind in die Hand geben würde, ist jedoch eine Sequenz, in der Bettina zu einer wildfremden Frau ins Auto steigt, mit zu dieser nach Hause fährt, sich von ihr baden und anschließend trockenrubbeln lässt. Ich halte ein solches Rollenvorbild für absolut unverantwortlich, zumal die Geschichte auch ganz wunderbar ohne diese Episode funktioniert hätte. An keiner Stelle im Text wird auch nur angedeutet, dass dieses Verhalten problematisch bis gefährlich ist. Und ich möchte nicht, dass Kindern suggeriert wird, es sei harmlos, solche Angebote von Fremden anzunehmen.


Die Zusammenstellung dieses Doppelbandes verwundert ein wenig. Die zweite Geschichte, „Die Katze und der Weihnachtsengel“, ursprünglich aus dem Jahr 2005, beschreibt die rüstige Rentnerin Nerita, die es eines Tages Leid ist, für ihre Tochter und deren Familie Putzfrau, Köchin, Kindermädchen und Bäckerin zugleich zu sein. Von einer Minute auf die andere entschließt sie sich fortzugehen, ohne die Angehörigen davon zu unterrichten.

Unterwegs trifft sie auf den gefallenen Engel Malachi und einen kleinen übergewichtigen Kater namens Pippin. Sie tut sich mit den beiden zusammen. Gemeinsam übernehmen sie einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt und backen dort zwecks Sicherung des Lebensunterhalts Kekse für die Besucher. Während der Erzengel Michael sich auf die Suche nach dem verlorenen Engel macht, ist ein ominöser grauer Katzenhasser hinter dem Kater her.

Die Geschichte liest sich nett, wenn sie auch keinen Anspruch an psychologische Tiefenschärfe erhebt. Dass die Großmutter einfach ihre Einkäufe vor der Wohnungstür stehen lässt und sich davonmacht, ohne ihr Fortgehen mit der Familie abzusprechen, unterstreicht eher den Märchencharakter der Handlung. Es ist eine Wohlfühlgeschichte, die durch den grauen Herren einen leichten Hauch von Gefahr bekommt, aber natürlich mit einem Happy End für alle Beteiligten aufwartet.

Als leichte Lesekost für die Vorweihnachtszeit sind beide jeweils etwa 100 Seiten langen Geschichten für erwachsene Katzenliebhaber gut geeignet, zumal die Geschichten tatsächlich im Advent spielen und so etwas von der weihnachtlichen Stimmung transportieren. Das ist für Katzen-Weihnachtsbücher anderer Verlage keine Selbstverständlichkeit Das Verhalten der Tiere beschreibt Andrea Schacht kenntnis- und liebevoll. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit.

Titel/Bezeichnung Katzen-Weihnacht / Andrea Schacht
Person(en) Schacht, Andrea
Ausgabe 1. Aufl.
Verleger Berlin : ATB, Aufbau Taschenbuch
Erscheinungstermin 21. September 2015
Umfang/Format 223 S. ; 19 cm
Andere/frühere Ausgabe(n) Katzen-Weihnacht (ATB 2499)
Die Geschichten als Einzelausgaben:
Die himmlische Weihnachtskatze
Die himmlische Weihnachtskatze (Kindle eBook)
Die Katze und der Weihnachtsengel
Die Katze und der Weihnachtsengel (Kindle eBook)
ISBN/Einband/Preis 978-3-7466-3185-1 kart. : EUR 8.99 (DE), EUR 9.30 (AT), sfr 13.50 (freier Pr.)
3-7466-3185-8
Bestellnummer(n) 656/33185
EAN 9783746631851

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Aufbau Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar der Katzenweihnacht von Andrea Schacht zur Verfügung gestellt hat.

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