Samstag, Februar 21, 2015

Writers Block

Na klar, da ich zur schreibenden Zunft gehöre, kenne ich das Phänomen Writers Block, Schreibblockade. Sie überkommt mich immer dann, wenn ich in einem Anfall von Hybris davon überzeugt bin, ich könne oder müsse druckreif schreiben. Manchmal auch dann, wenn Abgabedruck herrscht und ich mir einrede, mir zeitlich keine Rohfassung mehr erlauben zu können. Dabei weiß es eigentlich jeder, der auch veröffentlicht: Schreiben heißt überarbeiten.

Aber die Überwindung des Writers Block - der Schreibblockade - ist keine Kopfsache, sondern hat mit inneren, oft unbewussten, Programmen zu tun. Deswegen scheint es sinnvoll, mit konkreten Übungen die innere Haltung gegenüber dem Leben und der Kunst zu ändern. Zwei Übungsbücher haben mir entscheidend weitergeholfen, mich vom Writers Block zu befreien. Übungsbücher, weil beide sehr praktisch angelegt sind und sich wenig um die Theorie kümmern, sondern diese sofort mit Aufgaben mixen. Diese gilt es zu erfüllen, bevor man weiterliest.


"Ich bin total spontan" von Ralf Schmitt und Torsten Voller hatte ich mir eigentlich angeschafft, um die Dialoge in meinen Geschichten ein wenig aufzupeppen. Wörtliche Rede kann eine Story beschleunigen, wird aber nervig, wenn sie im Erwarteten erstickt. Allerweltsdialoge will keiner lesen. Das Buch von Schmitt/Voller lässt sich auf drei Regeln zusammenfassen, die mit zahlreichen Übungen eintrainiert werden. Die zentrale mittlere Regel lautet: "Mache Fehler und genieße es!" (In den anderen beiden Regeln geht es ums Ja-Sagen und den Verzicht auf Planung) Durch Schmitt/Voller ist endlich in mein Herz gedrungen, dass Wachstum nur durch Fehler möglich ist. Mit anderen Worten: Jede Rohfassung, die ich schreibe, ist Mist. Macht aber nix, weil mit dieser Rohfassung die Arbeit am Text ja erst beginnt. Bin froh über alles, was ich in meiner Zeit als Autor an Schreibregeln gelernt habe, weil ich dadurch viele "Fehler" in der Rohfassung inzwischen erkenne und überarbeiten kann.

Nick Bantock, über dessen "Du bist ein Künstler" ich früher in diesem Blog bereits geschrieben habe, verfolgt einen anderen Ansatz: Er arbeitet viel und gern mit dem Zufall und schlägt damit in die gleiche Kerbe wie Schmitt/Voller: Zu viel Planung kann den Spaß an der Kreativität kaputt machen. Es lohnt sich auszuprobieren, zu welchen Ergebnissen Du kommst, wenn Du Dich mehr auf den Zufall einlässt und diesen in Deinen Alltag/Deine Arbeit einbaust. Da Bantock viel mit Collagen arbeitet, habe ich den kreativen Prozess durch ihn von einer neuen Seite kennengelernt. Sein Credo: Ist doch wurscht, wie so eine frühe Fassung aussieht - bastle einfach so lange weiter, bis dir das Ergebnis gefällt.

Daher traue ich mich inzwischen wieder, einfach drauflos zu schreiben und später, nach Lust und Zeit, die Texte zu überarbeiten und zu polieren, bis ich sie für vorzeigbar halte.Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Beide Bücher richten sich nicht an Autoren. Bei Schmitt/Voller geht es um einen spontaneren Lebensstil, bei Bantock um die Freisetzung der Kreativität. Trotzdem waren die beiden Bücher für mich der Schlüssel, den Writers Block - die Schreibblockade endgültig zu überwinden. Denjenigen von euch, die sich ebenfalls am Block festgefressen haben, kann ich die Lektüre wärmstens empfehlen.

PS an Steffi: Nicht böse sein, dass ich unseren Chat neulich zu diesem Post verbraten habe. Ich fand das Thema wichtig und weiß, dass viele Autoren immer wieder mit dem Writers Block, der Schreibblockade, zu kämpfen haben.

Montag, Februar 16, 2015

Setting im Creative Writing - eine Art Einleitung


Neulich hatte ich eine Offenbahrung. Durch Zufall bekam ich Johan Theorins Roman „Nebelsturm“ in die Finger. Der Plot ist nicht spannender als andere Skandinavien-Thriller, nicht verwobener konstruiert, nicht kunstvoller verschachtelt. Im Gegenteil: ruhig, fast elegisch, erzählt Theorin seine Geschichte vom Tod einer Frau und den folgenden Ermittlungen. Trotzdem bekam er 2008 von der Schwedischen Krimiakademie den Preis für den besten Krimi des Jahres und zwei Jahre später den CWA Dagger Award für den besten ins Englische übersetzten internationalen Kriminalroman.
Die Atmosphäre packte mich und ließ mich nicht mehr los. Was ich lange nicht mehr erlebt hatte, konnte ich nun für etwas mehr als 400 Seiten wieder genießen: In eine fremde Welt völlig eintauchen und Unterbrechungen, die der Alltag nun einmal mit sich bringt, als lästige Pausen wahrnehmen, in denen ich mich vor allem auf das Weiterlesen freute.
Nach Ende der Lektüre habe ich mir angesehen, was verschiedene Rezensenten und Buchblogger zu dem Titel sagten. Überall fand ich die gleichen Stichworte: Atmosphäre, Stimmung, Flair. Bei mir war es ja genau das Gleiche: Ich wollte unbedingt wieder in das von Theorin beschriebene Öland eintauchen. Und da ich ein sehr analytischer Leser bin, fragte ich mich im nächsten Augenblick, wieso das so ist.
Ich habe mir zum Vergleich die anderen Romane von Johan Theorins Öland-Reihe besorgt, war aber enttäuscht. Den letzten Band, „Inselgrab“, habe ich bis heute nicht zu Ende gelesen. Offensichtlich war Theorin beim „Nebelsturm“ anders daran interessiert, dem Setting eine aktive Rolle in der Geschichte zu geben.

Im Sommer, wenn die Hitze einmal wieder zuschlägt, hole ich gern Marcel Pagnols „Eine Kindheit in der Provence“ hervor. Es ist wohl das Buch, das ich im Laufe der Jahre, seit ich es kenne, am häufigsten in die Hand genommen habe. Nach dem Leseerlebnis vom „Nebelsturm“ wurde mir klar, dass bei Pagnol genau die gleichen Mechanismen am Werke sind: Auch die „Kindheit in der Provence“ lebt davon, dass Setting und Handlung eine untrennbare Einheit bilden. Das eine wäre ohne das andere nicht möglich. Ich flüchte beim Lesen in die Provence, und schon erscheint mir die Hitze vor Ort viel angenehmer, viel natürlicher.

Oder nehmen wir „Verfallen“, den Thriller von Esther Verhoef, der hier in Deutschland wenig beachtet wurde, in den Niederlanden, woher er stammt, aber lange auf Platz 1 der Bestsellerliste stand und von dem dort mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Die Stimmung ist hier nicht ganz so dicht wie bei Theorin oder Pagnol. Aber die Geschichte lebt auch hier vom Setting, einem alten Hof irgendwo in der Pampa Südfrankreichs: Nachdem die Journalistin Eva ihren Job verliert, will sie sich für eine Weile bei ihrer Freundin Dianne einquartieren und dort zur Ruhe kommen. Esther Verhoef demontiert hier genüsslich das Bild, das sich Touristen gern von der Region machen. Die freundlichen Einheimischen entpuppen sich als äußerst wortkarg gegenüber Fremden, die sich hier breitmachen. Und auch die Freunde, mit denen Dianne angeblich abends beim Wein zusammensitzt, sind nicht auszumachen.

Unverholen ist "Verfallen" ein Bashing jenes romantischen Bildes vom Süden Frankreichs, das Peter Mayle mit seinen drei Provence-Bänden „Mein Jahr in der Provence“, „Toujours Provence“ und „Encore Provence“ gezeichnet hat. Mayle verzichtet weitgehend auf Plot und beschreibt mehr oder weniger seinen Alltag, von der Zeit an, als er ein altes Bauernhaus in der Vaucluse, irgendwo zwischen Ménerbes und Bonnieux, kauft. In diesen Romanen, die bereits 1993 in 27 Sprachen übersetzt wurden und damals schon allein im angelsächsischen Sprachraum eine Auflage von 3,2 Millionen erreichten, lebt alles vom Flair. Da es hier keine zusammenhängende Handlung gibt, lässt sich der Erfolg vor allem auf die einfühlsame Beschreibung des Settings und seiner Wechselwirkung auf den Protagonisten zurückführen. Ich traue mich einmal an eine These: "Setting ohne Handlung kann funktionieren, Handlung ohne Setting geht in der Regel schief." (Wobei man fairer Weise sagen muss, dass natürlich auch Mayle weiß, wie wichtig Konflikte für eine Story sind. Lest Mayle einmal unter diesem Gesichtspunkt, wie viele Passagen der drei oben genannten Romane von Konflikten getragen werden.)

Sonderbarerweise gibt es in dem ganzen Heer von Literatur zum Creative Writing kaum ein Handbuch, das sich ernsthaft mit dem Thema Setting auseinandersetzt. Jack Bighams "Setting (Elements of Fiction Writing)" ist das einzige Print-Buch, das mir zu dem Thema einfällt. Und Bigham ist für meinen Geschmack sehr assoziativ und wenig analytisch. Aber nachdem ich seine Einleitung als zu allgemein und allgemeinplatzlastig empfand, habe ich das Buch zunächst auch wieder ins Regal gestellt. Gut möglich, dass ich mich nach den jüngsten Erfahrungen doch noch einmal daransetze und es komplett durcharbeite.

Aktuell sind noch zwei Kindle-eBooks zum Thema zu bekommen, die ich mir aber noch nicht näher angesehen habe: "Writing Active Setting: The Complete How-to Guide" von Mary Buckham und "Writing Vivid Settings (Writer's Craft)" von Rayne Hall. Buckham scheint mir schon von den Untertiteln weiter auszuholen, so dass ich skeptisch bin, ob sie für mein Thema hilfreich sein wird. Immerhin klingen die Unterpunkte der Detailbeschreibung auf amazon ganz vielversprechend. Halls Band ist als eBook so preiswert, dass man mit dem Kauf nicht viel falsch machen kann. Ich werde am Ball bleiben und mir auch diese beiden Bücher ansehen. Denn eines habe ich begriffen: ein gutes Setting trägt maßgeblich zum Gelingen eines Romans bei.