Sonntag, November 27, 2016

Philippe Georget: Rabenschwarzer Winter [Rezension]

Tief im Süden Frankreichs, am Rande der Pyrenäen, liegt die Region Languedoc-Roussillon. Hier, dicht an der Grenze zu Spanien, im Ort Perpignan, siedelt der französische Krimiautor Philippe Georget seine Romane um Inspecteur Gilles Sebag und sein Team an. 2009 ging es los mit „L’été tous le chats s’ennuient“ (deutsch: Dreimal schwarzer Kater, Ullstein 2014), es folgte „Les violents de l’automne“ (Wetterleuchten im Roussillon, Ullstein 2015) und jetzt, den Jahreszeiten folgend: „Méfaits d’hiver“ (Rabenschwarzer Winter, Ullstein 2016).

Während im ersten Band die Familie Inspecteur Sebags noch weitgehend idealtypisch erscheint, lässt sich im Herbstabenteuer bereits seine Tochter Séverine in den aktuellen Fall verwickeln. Und auch in Band 3 der Reihe, Rabenschwarzer Winter, verknüpft sich das Thema eng mit dem Privatleben des Ermittlers.

Es geht ums Fremdgehen, um Ehebruch und die Konsequenzen daraus. Gleich im ersten Kapitel erfährt Gilles Sebag, dass seine Frau eine Affäre mit einem Kollegen eingegangen ist. In Perpignan scheint währenddessen die Zahl an Ehebrüchen, die in einer Katastrophe enden, stetig zuzunehmen.

Da erschießt Stéphane Abad seine Ehefrau Christine in genau jenem Zimmer, in dem sie einige Minuten zuvor noch mit ihrem Freund geschlafen hat. Am selben Tag schlägt Jean-Paul Casty seine Ehefrau zusammen, nachdem er sie mit Fotos konfrontiert, auf denen sie einen anderen Mann küsst. Wenige Tage später stürzt sich der Buchhalter Didier Valls aus dem Fenster. Seine Frau Sandrine hatte ihm eröffnet, sie wolle ihn wegen eines anderen Mannes verlassen. Und der arbeitslose Bastien Gali überschüttet seine untreue Lebenspartnerin Véronique mit Benzin und droht, sie und das ganze Haus anzuzünden. Er hat so viel Benzin gebunkert, dass er damit die ganze Straße in Brand setzen könnte.

Diese Häufung an Gewalt könnte als Zufall durchgehen, wenn sich die Täter nicht bei der Frage, wie sie von der Untreue ihrer Partnerinnen erfahren haben, immer wieder in Widersprüche verwickelten. So aber ahnt Sebag bald, dass in Perpignan irgendjemand Informationen liefert und die Gewaltexzesse bewusst provoziert.

Als Krimi liest sich der „Rabenschwarze Winter“ eher schleppend. Die Ermittlungen dümpeln voran, ordnen sich aber keinem klassischen Spannungsbogen unter. Daran ändern auch die Passagen aus der Sicht des Täters nichts, der sich selbstbewusst „The Eye“ nennt. Denn es gibt keinen großen, finalen Schlag, auf den die Geschichte zulaufen könnte. Was alles passieren kann, hat der Leser bald gesehen und eine Steigerung ist weder zu erwarten noch zu befürchten.

Vielmehr funktioniert das Buch als Meditation über das Thema Untreue. Philippe Georget beleuchtet das Thema von allen Seiten. In den Gesprächen, die sein Inspecteur Sebag führt, erklären sich Opfer wie Täter, Männer wie Frauen. Selbst einer feministischen Lesbe, von Beruf Psychologin mit Spezialgebiet Sexualforschung, begegnet er. Und ihre Erklärung des Phänomens macht nicht weniger betroffen als das, was die anderen Protagonisten zu dem Thema zu sagen haben.

Nicht umsonst hat Philippe Georget seinen „Rabenschwarzen Winter“ in der Weihnachtszeit angesiedelt, unmittelbar vor dem Fest der Liebe und der Familie. So ist der Roman eine gute Alternative zu all den Weihnachtsgeschichten mit Zuckerguss, die sonst um diese Zeit in die Buchhandlungen drängen. Dass der Inspecteur wegen der Untreue seiner Frau zunächst Zuflucht im Alkohol sucht, macht die Geschichte noch eine Spur düsterer, wirkt aber im Kontext glaubhaft.

Ein wenig ungelenk wirken hingegen all die Ingredienzen, die den Roman zu einem typischen Regionalkrimi machen. Wenn Gilles Sebag sich zum Nachdenken immer wieder ausgerechnet an touristisch markante Punkte zurückzieht, überlagert seine Faszination für die Region deutlich die Stimmung, in der er sich befindet und wirkt eigentümlich aufgesetzt. Und Beschreibungen wie „Nachdem sie einmal um die Innenstadt von Bayonne herumgefahren waren und die Nive überquert hatten, nahm Gilles jetzt die Brücke über den Adour“ mögen für Ortskundige durchaus sprechend sein, klingen für andere Leser jedoch eher nach genreüblichem Namedropping.

Eigenartig blass bleiben auch die meisten der Kollegen Sebags. Lieutenant Francois Ménards einzige Eigenschaft scheint sein Konkurrenzdenken zu sein, die anderen Mitglieder des Kommissariats Perpignan bleiben weitgehend frei von Individualität. Lediglich Julie Sadet, die Sebag schließlich aus seinem Sumpf befreit, bekommt ein wenig wohltuendes Eigenleben.

Die Wortgefechte, die sich die Kollegen vor allem zu Beginn des Romans liefern, lesen sich amüsant, sind aber zuweilen derart überpointiert, dass sie schon wieder unglaubwürdig wirken.

Insgesamt ist „Rabenschwarzer Winter“ von Philippe Georget aber gut lesbar, thematisch fokussiert und in sich stimmig. Vielleicht weniger geeignet für Liebhaber klassischer Krimis, als für jene, die sich, aus welchen Gründen auch immer, mit der Frage von Treue und Untreue herumschlagen. Frankreichfans kommen ebenfalls auf ihre Kosten, auch wenn diese Geschichte - kaum verändert - überall spielen könnte. Der Tramontana weht durch alle Seiten des Romans. Ein Winterroman eben, wenn auch ein rabenschwarzer.



TitelRabenschwarzer Winter : ein Roussillon-Krimi / Philippe Georget ; aus dem Französischen von Corinna Rodewald
Person(en) Georget, Philippe (Verfasser)
Rodewald, Corinna (Übersetzer)
Originaltitel Georget, Philippe: Méfaits d'hiver
Ausgabe Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch, 1. Auflage
Verlag Berlin : Ullstein
Zeitliche Einordnung Erscheinungsdatum: Oktober 2016
Umfang/Format 475 Seiten ; 19 cm
Andere Ausgabe(n) Kindle eBook
eBook, ePUB
ISBN/Einband/Preis 978-3-548-28848-2 Broschur
3-548-28848-0
EAN 9783548288482
Sprache(n) Deutsch (ger), Originalsprache(n): Französisch (fre)
Sachgruppe(n) Französische Literatur ; Belletristik
Kataloglink Amazon amazon.de/dp/3548288480/


Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Ullstein Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar von Philippe Georgets "Rabenschwarzer Winter" zur Verfügung gestellt hat. Dank auch an vorablesen.de für die Vermittlung!

Sonntag, Oktober 23, 2016

Gunna Wendt: Clara und Paula [Rezension]

Eine Freundschaft wie in „Thelma und Louise“, eine Stimmung wie in einem Song von Leonhard Cohen.

Gunna Wendt, die 1979 ihren Magister mit einer Arbeit über „Paula Modersohn-Becker. Zur Situation einer Künstlerin um die Jahrhundertwende in Deutschland“ machte, legt 2002 noch einmal nach mit einem Buch, das einer Collage gleicht: Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker. Sie zitiert darin Briefe, Tagebucheintragungen und andere zeitgenössische Quellen, reichert das Ganze an mit romanesken Szenen und schafft so ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Sie erweitert das Thema ihrer Magisterarbeit um eine weitere Künstlerin der Jahrhundertwende: die ebenfalls in Worpswede verwurzelte Clara Westhoff. Paula und Clara lernen sich 1898 bei Fritz Mackensen kennen. Mackensen war Initiator Worpswede Künstlerkolonie und hatte sich in der Region einen Ruf als kompetenter Lehrer erworben. Zögernd freunden sich die beiden Frauen an.

Das Buch beginnt in Paris, im Jahr 1900, an Paulas vierundzwanzigstem Geburtstag. Clara steht vor Paulas Zimmer in der Rue Campagne Première und spielt Panflöte. Erst, als das Lied verklungen ist, wuselt sich Paula aus ihrem Bett, wirft sich ihren Morgenmantel über und schaut nach, wer ihr da ein Ständchen bringt. Vor der Tür steht ihre Freundin, „in der linken Hand hält sie ein grünes Glas mit einer Hyazinthenzwiebel darin, in der rechten eine riesige Orange und einen Veilchenstrauß“. Wie sie so Panflöte spielen konnte, bleibt offen. Auch, wohin die Flöte verschwunden ist. Es ist egal. Es geht um eine Stimmung, eine Impression, einen Farbtupfer. Und es legt den Grundton des Buches fest.

Dabei kann Gunna Wendt auch anders. Bereits zwei Seiten später beginnt sie im klassischen Referatstil, Claras Leben aufzurollen: „Clara Westhoff wird am 21. November 1878, einem nebligen Herbstag, in Bremen geboren.“ Diese Formel wird sich im Verlauf des Buches noch häufiger finden, wenn auch ohne den Verweis auf das Wetter. Paula wird mit eben diesen Worten vorgestellt, Heinrich Vogeler ebenso wie Rainer Maria Rilke.

Wirklich eindringlich wird Wendts Buch, wenn sie aus Originalquellen zitiert. Paula ist eine fleißige Brief- und Tagebuchschreiberin. Und auch von Clara sind etliche Briefe erhalten. Leider hat sie verfügt, dass ihr Briefwechsel mit Rilke, ihrem späteren Ehemann, nicht veröffentlicht werden solle. Dadurch bleibt die Beschreibung dieser Beziehung ein wenig im Spekulativen hängen. Sehr zum Nachteil Rilkes, an dem Gunna Wendt kein gutes Haar lässt.

Eine weitere Quelle nutzt die Autorin ausgiebig: „Das Buch der Freundschaft“, nach Paulas frühem Tod als Hommage an die Künstlerin herausgegeben. Viele ihrer ehemaligen Weggefährten erzählen darin, wie sie Paula erlebten. So entsteht ein buntes, vielschichtiges Bild. Auch Clara hat sich mit einem Beitrag an dem Buch beteiligt.

Die Textcollage, die Gunna Wendt aus diesen Originalquellen, angereichert mit romanesken Episoden und einigen psychologischen Deutungsversuchen, zusammenlegt, liest sich leicht und über weite Strecken folgerichtig. Es zeigt zwei selbstbewusste Frauen, die sich in der Kunst gegen ihre Zeit stellen und ihren Weg gehen. Die sich, da Frauen an den Kunstakademien noch nicht zugelassen wurden, ihre Lehrer selbst suchen und um einen eigenen, neuen Ausdruck ringen. Die sich in Männer verlieben, mit denen sie nicht glücklich werden. Vielleicht nicht werden können. Ihre Freundschaft zueinander wird dadurch auf eine harte Probe gestellt.

So scheint es zunächst, als würde sich Rilke nur für Paula interessieren. Regelmäßig kommt er zu ihr in ihr kleines Lilienatelier in Worpswede, hängt an ihren Lippen. Sie reden und schweigen, über Tolstoi, den Tod, die Schönheit in allem Erleben. Und Paula scheint sein Interesse zu genießen. Erst später wird klar, dass sie sich längst dem Maler Otto Modersohn versprochen hat, den sie im Mai 2001 heiratet.

Und Rilke? Nach einer Abendgesellschaft in Fritz Overbecks Haus, der ebenfalls zur Künstlerkolonie gehört, verlassen Rilke und Clara gemeinsam das Fest. Clara, die mit dem Rad unterwegs ist, schiebt neben dem Dichter her bis zum Barkenhoff, in dem Rilke zu jener Zeit zu Gast ist. Die beiden sind ins Gespräch vertieft, können sich nicht trennen. Also begleitet Rilke sie bis ins Nachbardorf Westerwede, in dem sie wohnt.

Hat sie mehr in diesen nächtlichen Spaziergang hineininterpretiert, als Rilke beabsichtigte? Fakt ist, am nächsten Tag wendete er sich wieder Paula zu, als Clara mit dem Rad hinter den beiden heranrauscht und Rilke einen Heidekranz überreicht, ohne Paula auch nur anzusehen. „Für gestern“, sagt sie, dreht sich um und fährt, ohne auf eine Reaktion zu warten, ihren Weg zurück. Clara und Rilke heiraten sogar noch vier Wochen vor Paula und Otto. Clara ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger.

Paula kommt mit der neuen Situation schlecht zurecht. Weder findet sie ihr Glück in der eigenen Ehe, noch kann sie nachvollziehen, wie die lebensfrohe Clara sich immer mehr mit der Nestpflege beschäftigt und ganz darin aufgeht. Es zieht sie schon bald wieder nach Paris, an die dortigen Künstlerakademien, weg von Otto. Die Freundschaft mit Clara kühlt deutlich ab und es braucht eine Weile, bis die beiden erneut zueinanderfinden.

Erst 1906 entschließt sich Paula, zu Otto Modersohn zurückzukehren. Sie hat erkannt, dass sie ohne seine Unterstützung kaum die Mittel hat, ihr Künstlerdasein aufrecht zu erhalten. Schon bald nach ihrer Rückkehr wird sie schwanger. Sie wirkt glücklich, stirbt aber wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter an einer Embolie, im Alter von nur 31 Jahren.

Auch Clara und Rilke finden keinen gemeinsamen Weg. Sie trennen sich, lassen sich aber nie scheiden. Hin und wieder treffen sie sich, vielleicht auch wegen der gemeinsamen Tochter. Über diese Beziehung bleibt Gunna Wendts Buch weitestgehend im Dunkeln. Vielleicht deswegen, weil die Quellenlage deutlich schwieriger ist als bei der schreibfreudigen Paula.

2007 war ein Jubiläumsjahr. Der 100. Todestag von Paula stand vor der Tür. Allerorten wurden Bücher über das Leben der Worpsweder Malerin vorbereitet. Der Piper-Verlag entschied sich, eine Taschenbuchauflage von Gunna Wendts „Clara und Paula“ auf den Markt zu werfen. Inzwischen (Stand Oktober 2016) hat diese Taschenbuchausgabe neun Auflagen hinter sich. Ein voller Erfolg.



TitelClara und Paula : das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker / Gunna Wendt
Person(en) Wendt, Gunna
Ausgabe Ungekürzte Taschenbuchausg.
Verlag München ; Zürich : Piper
Zeitliche Einordnung Erscheinungsdatum: 2007
Umfang/Format 268, [16] S. : Ill. ; 19 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-492-24642-2 kart. : EUR 10,99 (DE)
EAN 9783492246422
Sprache(n) Deutsch (ger)
Beziehungen Piper ; 4642
Anmerkungen Literaturverz. S. 263 - [269]
Schlagwörter Rilke-Westhoff, Clara ; Biographie
Modersohn-Becker, Paula ; Biographie

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Piper Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar von Gunna Wendts Clara und Paula zur Verfügung gestellt hat.

Montag, Oktober 03, 2016

Philippe Georget: Rabenschwarzer Winter [Leseeindruck]

Schon der Klappentext macht nicht nur neugierig, sondern irritiert auch ganz gewaltig. Gut, Kommissare mit gesteigertem Alkoholkonsum kennen wir. Klingt ein bisschen noir, in der Regel aber kurzweilig. Auch Ermittler mit Liebeskummer sind spätestens seit den Schwedenkrimis Mankells nur noch bedingt originell, stellen aber zumindest sicher, dass der Protagonist nicht zu eindimensional daherkommt.

Warum aber bezeichnet der Klappentext einen Mann, der sich aus dem Fenster stürzt, und einen, der sich in die Luft sprengen will, als Mordopfer? Das klingt zunächst wenig plausibel. Schlampig zusammengeschustert oder hintersinnig?

Auch die ersten Sätze des Romans verwirren mehr, als dass sie einführen. Vier Sätze in vier Absätzen. Objekt des ersten Satzes ist Claire, beziehungsweise ihre Handtasche, in der es ploppt. Wir erfahren im zweiten Satz, dass sie eine SMS bekommen hat. Im dritten folgt die Zeitangabe: Sieben Uhr morgens in den Schulferien. Der vierte führt wieder zurück zur Handtasche, begleitet von dem Nebensatz: „und sie machte ihn wahnsinnig“. Ihn? Bisher war nur, ein wenig verschwurbelt, von Claire die Rede. Wer ist „ihn“?

Würde jetzt auf "ihn", den Protagonisten Gilles Sebag, umgeschwenkt, könnte dieser Kunstgriff noch durchgehen. Aber in den folgenden Sätzen ist erneut nur von der Handtasche, von Claire und ihren Kindern die Rede. Das Personalpronomen „ihn“ steht lange völlig kontextfrei im Raum. Schafft das Spannung oder nur Irritation?

Immerhin, noch auf der ersten Seite erfahren wir seinen Namen und werden in das Thema des Romans eingeführt: „Eifersucht“. Eine Seite später erfahren wir die Namen seiner beiden pubertierenden Kinder Léo und Séverine, und noch eine Seite weiter seinen Beruf: Gilles ist Bulle. Nicht Kommissar, nicht einmal Polizist, sondern expressis verbis „Bulle“. Nun gut.

Es folgt eine kurze Spielerei mit dem Begriff der Nüchternheit. Leitete er seine Ermittlungen nüchtern? Wir kennen den Klappentext, wissen von seinem Alkoholkonsum. Der Text jedoch schwenkt in eine andere Richtung: „Er leitete nie nüchtern Ermittlungen.Ganz im Gegenteil, er ging mit Gefühl daran.“ Angetäuscht nennt man so eine Bewegung im Fußball.

Dann ist noch kurz von den bulgarischen Straßenhuren in La Jonquera die Rede. Was treiben die in einem Roussillon-Krimi? Ich google und stelle fest: La Janquera ist so spanisch, wie es klingt. Liegt im katalanischen Teil der Pyrenäen, 37 km entfernt von Perpignan. Und mir wird klar, dass es beim auf dem Cover beworbenen Roussillon nicht um die Stadt im Vaucluse geht, sondern um die Region Languedoc-Roussillon, 300 km weiter westlich.

Immerhin wissen wir am Ende dieses Kapitels, dass Sebags Eifersucht nicht unbegründet ist. Und dass diese Gewissheit wenige Tage vor Weihnachten bei ihm einschlägt. Frohes Fest.

Im zweiten Kapitel der Leseprobe wechseln die Akteure. Christine hat eine Nacht mit Éric hinter sich. Jetzt steht sie am Fenster und raucht, sieht hinunter in die Gassen von Perpignan. Denkt an ihren Mann Stéphane. Wir lernen die andere Seite des Fremdgehens kennen: Das köstliche Gefühl, sich wieder begehrt zu fühlen; der Eindruck, plötzlich wieder jung zu sein; der Reiz des Abenteuers. Glückliche Momente in einem Alltag, der ansonsten unweigerlich dem Altern entgegentickt.
Aber auch in diesem Kapitel schlägt die Stimmung am Ende um, verkehrt sich ins Gegenteil, zerreißt das schöne Bild.

Kapitel 3 beginnt ganz offensiv mit einer Landschaftsimpression der Roussillonebene. Von der Tramontana ist die Rede wie von einer Sagengestalt, „auf der Suche nach einem Geschöpf, das sie packen und mitreißen konnte“. Wieder muss ich googeln und lerne, dass es sich um einen kalten, oft böigen Wind handelt.

Nachdem unser Kommissar Gilles sich mit seiner Frau Claire ausgesprochen hat, zieht es ihn - wie könnte es anders sein bei einem Regionalkrimi aus Südfrankreich - an einen besonderen Aussichtspunkt, 512 Meter über dem Meeresspiegel, mit Blick über „Dörfer, Obstplantagen und Weinberge“: die Kapelle Sant-Marti de la Roca.

Sein Telefon klingelt. Er wird ins Kommissariat beordert, ein Notfall sei eingetreten. Statt sich auf den Weg zu machen, denkt er an den Morgen zurück, an dem er Claire mit seinem neuen Wissen um ihr Fremdgehen konfrontiert hat. Eine Rückblende mit derart vorhersagbaren Dialogen, dass sich Autor Philippe Georget bemüßigt fühlt zu rechtfertigen: „Gilles hatte das seltsame Gefühl, sich verdoppelt zu haben. Als wäre er gleichzeitig Darsteller und Zuschauer eines schlechten Films. Eines äußerst schlechten Films. Mit unglaublich banalen Dialogen.“ Und mir Tolstois Anfangssatz aus „Anna Karenina“ in den Sinn kommt, den ich postwendend hinterfrage: Gleichen sich nicht auch alle unglücklichen Beziehungen auf erschreckende Weise?

Samstag, Juni 11, 2016

Rainer Güllich: Marburger Krimi-Cocktail [Rezension]

Herbert Gruber ist Kommissar der Mordkommission in Marburg. Korpulent, unsportlich, immer im altmodischen Anzug mit Mantel. Ganz das Gegenteil seines jungen Assistenten Karl Kroner, der am liebsten in Jeans und Designerklamotten herumläuft. Und dann gibt es da noch den Polizeipathologen Wiesinger, meist vor ihnen am Schauplatz der Verbrechen, wortkarg, aber mit gutem Blick für Details.

Die Verbrechen, die das Team aufklären muss, lassen sich alle dank der genauen Beschreibungen im Text optimal verorten:

Marianne Brunner, die zentrale Person der ersten Geschichte, „Vergeltung“, kauft ihre Lebensmittel bei Ahrens in der Universitätsstraße und ihre Krimis in einem kleinen Lädchen in der Weidenhäuserstraße. Diese Krimis bringen sie schließlich auf die Idee, selbst Rache für erlittenes Unrecht zu üben. Und der Leser geht mit, von der Bushaltestelle am Rudolphsplatz, über das Kaufhaus TEKA in der Bahnhofsstraße, bis zur Robert-Koch-Straße, in der ihr Opfer wohnt.

In „Das Alibi“ geht es nach Cappel, einem Stadtteil im Süden Marburgs auf der linken Seite der Lahn. In der Umgehungsstraße hat Bernd Kremer den Tod seiner Frau gemeldet, offenbar infolge eines Einbruchs. Offenherzig gibt er zu, die Nacht bei einer Freundin in Kirchhain verbracht zu haben und erst am Morgen nach Hause gekommen zu sein.

Herbert Becker entdeckt in „Hass“ die Leiche einer jungen Frau. Er ist begeisterter Jogger. Seine Morgenrunde führt ihn über den Waldweg in den Lahnbergen. In der Nähe des ehemaligen Kurhotels, in dem sich heute eine Schule für medizinische Heilberufe befindet, gibt es eine kleine Holztreppe. Ein wenig vermodert ist sie inzwischen. Genau dort entdeckt er die Tote.

Paul Kröger hat ein verfängliches Gespräch zweier Unterweltgrößen belauscht. Jetzt ist er auf der Flucht. Blöderweise wollte er noch einmal mit seiner Freundin Lene sprechen, bevor er abtaucht. Die arbeitet in einem Nachtclub in der Siemensstraße - gemeint ist wohl das Erotic Island. Und genau hier wird er von Bauner, genannt ‚die Stimme‘, entdeckt.

Da ist der Weihnachtsmarkt rund um die Elisabethkirche, auf dem der Budenbesitzer Walter Porsch sein Leben ließ. Dessen Nichte Marlene findet die Polizei im Hotel in der Deutschhausstraße, das sich unschwer als das Hotel „Haus Müller“ in der Nr. 29 erkennen lässt.

Tonio Rummel arbeitet als Hilfs-Hausmeister in der Kreisverwaltung im Lichtenholz 60. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er die Filiale der Sparkasse Marburg-Biedenkopf. Natürlich reizt den Ex-Knacki das schnelle Geld. Allerdings befindet sich auch die Polizeistation Marburg in Sichtweite.

Die Untersuchungen in diesem Kurzgeschichten-Band sind kurz und übersichtlich. Da fünf der sechs Storys nur um die zehn Seiten lang sind, bleibt ohnehin wenig Platz für Verwicklungen. Die meisten Täter sind schnell gefunden und geständig.

So liegt der Reiz des Bandes weniger in der Ermittlungsarbeit, sondern, wie so häufig bei Regionalkrimis, im Lokalkolorit. Der „Marburger Krimi-Cocktail“ eignet sich daher für ortskundige Leser, die hier ihre real existierenden Straßen wiedererkennen, ebenso wie für Touristen, die mit dem Band in der Hand die Universitätsstadt mit ihren pittoresken Orten erkunden wollen.

TitelDer Marburger Krimi-Cocktail : Kriminelle Kurzgeschichten / Rainer Güllich
Person(en) Güllich, Rainer
Verleger Norderstedt : Books on Demand
Erscheinungsjahr 2011
Umfang/Format Taschenbuch, 135 Seiten
Amazon-Link amazon.de/gp/product/3842339356/
ISBN/Einband/Preis 978-3-8423-3935-4
EAN 9783842339354