Sonntag, Oktober 23, 2016

Gunna Wendt: Clara und Paula [Rezension]

Eine Freundschaft wie in „Thelma und Louise“, eine Stimmung wie in einem Song von Leonhard Cohen.

Gunna Wendt, die 1979 ihren Magister mit einer Arbeit über „Paula Modersohn-Becker. Zur Situation einer Künstlerin um die Jahrhundertwende in Deutschland“ machte, legt 2002 noch einmal nach mit einem Buch, das einer Collage gleicht: Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker. Sie zitiert darin Briefe, Tagebucheintragungen und andere zeitgenössische Quellen, reichert das Ganze an mit romanesken Szenen und schafft so ein kurzweiliges Lesevergnügen.

Sie erweitert das Thema ihrer Magisterarbeit um eine weitere Künstlerin der Jahrhundertwende: die ebenfalls in Worpswede verwurzelte Clara Westhoff. Paula und Clara lernen sich 1898 bei Fritz Mackensen kennen. Mackensen war Initiator Worpswede Künstlerkolonie und hatte sich in der Region einen Ruf als kompetenter Lehrer erworben. Zögernd freunden sich die beiden Frauen an.

Das Buch beginnt in Paris, im Jahr 1900, an Paulas vierundzwanzigstem Geburtstag. Clara steht vor Paulas Zimmer in der Rue Campagne Première und spielt Panflöte. Erst, als das Lied verklungen ist, wuselt sich Paula aus ihrem Bett, wirft sich ihren Morgenmantel über und schaut nach, wer ihr da ein Ständchen bringt. Vor der Tür steht ihre Freundin, „in der linken Hand hält sie ein grünes Glas mit einer Hyazinthenzwiebel darin, in der rechten eine riesige Orange und einen Veilchenstrauß“. Wie sie so Panflöte spielen konnte, bleibt offen. Auch, wohin die Flöte verschwunden ist. Es ist egal. Es geht um eine Stimmung, eine Impression, einen Farbtupfer. Und es legt den Grundton des Buches fest.

Dabei kann Gunna Wendt auch anders. Bereits zwei Seiten später beginnt sie im klassischen Referatstil, Claras Leben aufzurollen: „Clara Westhoff wird am 21. November 1878, einem nebligen Herbstag, in Bremen geboren.“ Diese Formel wird sich im Verlauf des Buches noch häufiger finden, wenn auch ohne den Verweis auf das Wetter. Paula wird mit eben diesen Worten vorgestellt, Heinrich Vogeler ebenso wie Rainer Maria Rilke.

Wirklich eindringlich wird Wendts Buch, wenn sie aus Originalquellen zitiert. Paula ist eine fleißige Brief- und Tagebuchschreiberin. Und auch von Clara sind etliche Briefe erhalten. Leider hat sie verfügt, dass ihr Briefwechsel mit Rilke, ihrem späteren Ehemann, nicht veröffentlicht werden solle. Dadurch bleibt die Beschreibung dieser Beziehung ein wenig im Spekulativen hängen. Sehr zum Nachteil Rilkes, an dem Gunna Wendt kein gutes Haar lässt.

Eine weitere Quelle nutzt die Autorin ausgiebig: „Das Buch der Freundschaft“, nach Paulas frühem Tod als Hommage an die Künstlerin herausgegeben. Viele ihrer ehemaligen Weggefährten erzählen darin, wie sie Paula erlebten. So entsteht ein buntes, vielschichtiges Bild. Auch Clara hat sich mit einem Beitrag an dem Buch beteiligt.

Die Textcollage, die Gunna Wendt aus diesen Originalquellen, angereichert mit romanesken Episoden und einigen psychologischen Deutungsversuchen, zusammenlegt, liest sich leicht und über weite Strecken folgerichtig. Es zeigt zwei selbstbewusste Frauen, die sich in der Kunst gegen ihre Zeit stellen und ihren Weg gehen. Die sich, da Frauen an den Kunstakademien noch nicht zugelassen wurden, ihre Lehrer selbst suchen und um einen eigenen, neuen Ausdruck ringen. Die sich in Männer verlieben, mit denen sie nicht glücklich werden. Vielleicht nicht werden können. Ihre Freundschaft zueinander wird dadurch auf eine harte Probe gestellt.

So scheint es zunächst, als würde sich Rilke nur für Paula interessieren. Regelmäßig kommt er zu ihr in ihr kleines Lilienatelier in Worpswede, hängt an ihren Lippen. Sie reden und schweigen, über Tolstoi, den Tod, die Schönheit in allem Erleben. Und Paula scheint sein Interesse zu genießen. Erst später wird klar, dass sie sich längst dem Maler Otto Modersohn versprochen hat, den sie im Mai 2001 heiratet.

Und Rilke? Nach einer Abendgesellschaft in Fritz Overbecks Haus, der ebenfalls zur Künstlerkolonie gehört, verlassen Rilke und Clara gemeinsam das Fest. Clara, die mit dem Rad unterwegs ist, schiebt neben dem Dichter her bis zum Barkenhoff, in dem Rilke zu jener Zeit zu Gast ist. Die beiden sind ins Gespräch vertieft, können sich nicht trennen. Also begleitet Rilke sie bis ins Nachbardorf Westerwede, in dem sie wohnt.

Hat sie mehr in diesen nächtlichen Spaziergang hineininterpretiert, als Rilke beabsichtigte? Fakt ist, am nächsten Tag wendete er sich wieder Paula zu, als Clara mit dem Rad hinter den beiden heranrauscht und Rilke einen Heidekranz überreicht, ohne Paula auch nur anzusehen. „Für gestern“, sagt sie, dreht sich um und fährt, ohne auf eine Reaktion zu warten, ihren Weg zurück. Clara und Rilke heiraten sogar noch vier Wochen vor Paula und Otto. Clara ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger.

Paula kommt mit der neuen Situation schlecht zurecht. Weder findet sie ihr Glück in der eigenen Ehe, noch kann sie nachvollziehen, wie die lebensfrohe Clara sich immer mehr mit der Nestpflege beschäftigt und ganz darin aufgeht. Es zieht sie schon bald wieder nach Paris, an die dortigen Künstlerakademien, weg von Otto. Die Freundschaft mit Clara kühlt deutlich ab und es braucht eine Weile, bis die beiden erneut zueinanderfinden.

Erst 1906 entschließt sich Paula, zu Otto Modersohn zurückzukehren. Sie hat erkannt, dass sie ohne seine Unterstützung kaum die Mittel hat, ihr Künstlerdasein aufrecht zu erhalten. Schon bald nach ihrer Rückkehr wird sie schwanger. Sie wirkt glücklich, stirbt aber wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter an einer Embolie, im Alter von nur 31 Jahren.

Auch Clara und Rilke finden keinen gemeinsamen Weg. Sie trennen sich, lassen sich aber nie scheiden. Hin und wieder treffen sie sich, vielleicht auch wegen der gemeinsamen Tochter. Über diese Beziehung bleibt Gunna Wendts Buch weitestgehend im Dunkeln. Vielleicht deswegen, weil die Quellenlage deutlich schwieriger ist als bei der schreibfreudigen Paula.

2007 war ein Jubiläumsjahr. Der 100. Todestag von Paula stand vor der Tür. Allerorten wurden Bücher über das Leben der Worpsweder Malerin vorbereitet. Der Piper-Verlag entschied sich, eine Taschenbuchauflage von Gunna Wendts „Clara und Paula“ auf den Markt zu werfen. Inzwischen (Stand Oktober 2016) hat diese Taschenbuchausgabe neun Auflagen hinter sich. Ein voller Erfolg.



TitelClara und Paula : das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker / Gunna Wendt
Person(en) Wendt, Gunna
Ausgabe Ungekürzte Taschenbuchausg.
Verlag München ; Zürich : Piper
Zeitliche Einordnung Erscheinungsdatum: 2007
Umfang/Format 268, [16] S. : Ill. ; 19 cm
ISBN/Einband/Preis 978-3-492-24642-2 kart. : EUR 10,99 (DE)
EAN 9783492246422
Sprache(n) Deutsch (ger)
Beziehungen Piper ; 4642
Anmerkungen Literaturverz. S. 263 - [269]
Schlagwörter Rilke-Westhoff, Clara ; Biographie
Modersohn-Becker, Paula ; Biographie

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Piper Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar von Gunna Wendts Clara und Paula zur Verfügung gestellt hat.

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