Montag, Oktober 03, 2016

Philippe Georget: Rabenschwarzer Winter [Leseeindruck]

Schon der Klappentext macht nicht nur neugierig, sondern irritiert auch ganz gewaltig. Gut, Kommissare mit gesteigertem Alkoholkonsum kennen wir. Klingt ein bisschen noir, in der Regel aber kurzweilig. Auch Ermittler mit Liebeskummer sind spätestens seit den Schwedenkrimis Mankells nur noch bedingt originell, stellen aber zumindest sicher, dass der Protagonist nicht zu eindimensional daherkommt.

Warum aber bezeichnet der Klappentext einen Mann, der sich aus dem Fenster stürzt, und einen, der sich in die Luft sprengen will, als Mordopfer? Das klingt zunächst wenig plausibel. Schlampig zusammengeschustert oder hintersinnig?

Auch die ersten Sätze des Romans verwirren mehr, als dass sie einführen. Vier Sätze in vier Absätzen. Objekt des ersten Satzes ist Claire, beziehungsweise ihre Handtasche, in der es ploppt. Wir erfahren im zweiten Satz, dass sie eine SMS bekommen hat. Im dritten folgt die Zeitangabe: Sieben Uhr morgens in den Schulferien. Der vierte führt wieder zurück zur Handtasche, begleitet von dem Nebensatz: „und sie machte ihn wahnsinnig“. Ihn? Bisher war nur, ein wenig verschwurbelt, von Claire die Rede. Wer ist „ihn“?

Würde jetzt auf "ihn", den Protagonisten Gilles Sebag, umgeschwenkt, könnte dieser Kunstgriff noch durchgehen. Aber in den folgenden Sätzen ist erneut nur von der Handtasche, von Claire und ihren Kindern die Rede. Das Personalpronomen „ihn“ steht lange völlig kontextfrei im Raum. Schafft das Spannung oder nur Irritation?

Immerhin, noch auf der ersten Seite erfahren wir seinen Namen und werden in das Thema des Romans eingeführt: „Eifersucht“. Eine Seite später erfahren wir die Namen seiner beiden pubertierenden Kinder Léo und Séverine, und noch eine Seite weiter seinen Beruf: Gilles ist Bulle. Nicht Kommissar, nicht einmal Polizist, sondern expressis verbis „Bulle“. Nun gut.

Es folgt eine kurze Spielerei mit dem Begriff der Nüchternheit. Leitete er seine Ermittlungen nüchtern? Wir kennen den Klappentext, wissen von seinem Alkoholkonsum. Der Text jedoch schwenkt in eine andere Richtung: „Er leitete nie nüchtern Ermittlungen.Ganz im Gegenteil, er ging mit Gefühl daran.“ Angetäuscht nennt man so eine Bewegung im Fußball.

Dann ist noch kurz von den bulgarischen Straßenhuren in La Jonquera die Rede. Was treiben die in einem Roussillon-Krimi? Ich google und stelle fest: La Janquera ist so spanisch, wie es klingt. Liegt im katalanischen Teil der Pyrenäen, 37 km entfernt von Perpignan. Und mir wird klar, dass es beim auf dem Cover beworbenen Roussillon nicht um die Stadt im Vaucluse geht, sondern um die Region Languedoc-Roussillon, 300 km weiter westlich.

Immerhin wissen wir am Ende dieses Kapitels, dass Sebags Eifersucht nicht unbegründet ist. Und dass diese Gewissheit wenige Tage vor Weihnachten bei ihm einschlägt. Frohes Fest.

Im zweiten Kapitel der Leseprobe wechseln die Akteure. Christine hat eine Nacht mit Éric hinter sich. Jetzt steht sie am Fenster und raucht, sieht hinunter in die Gassen von Perpignan. Denkt an ihren Mann Stéphane. Wir lernen die andere Seite des Fremdgehens kennen: Das köstliche Gefühl, sich wieder begehrt zu fühlen; der Eindruck, plötzlich wieder jung zu sein; der Reiz des Abenteuers. Glückliche Momente in einem Alltag, der ansonsten unweigerlich dem Altern entgegentickt.
Aber auch in diesem Kapitel schlägt die Stimmung am Ende um, verkehrt sich ins Gegenteil, zerreißt das schöne Bild.

Kapitel 3 beginnt ganz offensiv mit einer Landschaftsimpression der Roussillonebene. Von der Tramontana ist die Rede wie von einer Sagengestalt, „auf der Suche nach einem Geschöpf, das sie packen und mitreißen konnte“. Wieder muss ich googeln und lerne, dass es sich um einen kalten, oft böigen Wind handelt.

Nachdem unser Kommissar Gilles sich mit seiner Frau Claire ausgesprochen hat, zieht es ihn - wie könnte es anders sein bei einem Regionalkrimi aus Südfrankreich - an einen besonderen Aussichtspunkt, 512 Meter über dem Meeresspiegel, mit Blick über „Dörfer, Obstplantagen und Weinberge“: die Kapelle Sant-Marti de la Roca.

Sein Telefon klingelt. Er wird ins Kommissariat beordert, ein Notfall sei eingetreten. Statt sich auf den Weg zu machen, denkt er an den Morgen zurück, an dem er Claire mit seinem neuen Wissen um ihr Fremdgehen konfrontiert hat. Eine Rückblende mit derart vorhersagbaren Dialogen, dass sich Autor Philippe Georget bemüßigt fühlt zu rechtfertigen: „Gilles hatte das seltsame Gefühl, sich verdoppelt zu haben. Als wäre er gleichzeitig Darsteller und Zuschauer eines schlechten Films. Eines äußerst schlechten Films. Mit unglaublich banalen Dialogen.“ Und mir Tolstois Anfangssatz aus „Anna Karenina“ in den Sinn kommt, den ich postwendend hinterfrage: Gleichen sich nicht auch alle unglücklichen Beziehungen auf erschreckende Weise?

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